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Saturday, November 7, 2026

Tod von Hubert Aiwanger: Warum er fehlen wird

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An Hubert Aiwanger konnte man viel kritisieren – und das haben wir getan. Doch eines muss man ihm lassen: Ein Hund war er schon, manchmal sogar ein cooler.

Dominik Baur

Natürlich gibt es da die lustigen Begebenheiten, die einem einfallen, wenn man an die Auftritte von Hubert Aiwanger denkt. Als er beispielsweise versuchte, die Corona-Regeln im Biergarten zu erklären: „Wenn sechs bis acht Leute, jeder mit seinem Kumpel kommt …“ Die Handreichung ging viral.

Oder 2019, als er auf der angesagten Gründermesse „Bits & Pretzels“ auftrat. Die Halle war voll, wenig später würde Barack Obama die Bühne betreten. Doch zuvor durfte noch der bayerische Wirtschaftsminister ein Grußwort sprechen. Das tat er – minutenlang und auf Englisch. Ein Englisch, das dem niederbayerischen Idiom Aiwangers recht anverwandt zu sein schien.

Es dauerte nicht lang, da prasselten in den sogenannten Sozialen Medien die hämischen Kommentare gebildeter deutscher Weltbürger darnieder. Über diesen niederbayerischen Bauernbub, der des Englischen so gar nicht mächtig sei. Und der damit, so viel Unterstellung sei erlaubt, seinen Kommentatoren ermöglichte, ihre vermeintliche Überlegenheit auszuspielen.

Ganz anders die Reaktion des überwiegend internationalen Publikums in der Halle: Den Gesichtern der Zuhörer konnte man entnehmen, dass sie diesen Mann da vorne zwar als etwas exotisch empfanden, aber doch auch als ziemlich cool. Einer, der sich, wie man in Bayern sagt, nix scheißt. Aber auch gar nix.

Populismus an der Grenze des Appetitlichen

Auch in der Politik wurde Aiwanger immer wieder belächelt, sogar von den eigenen Leuten. Etwa als er die Freien Wähler in den Landtag führen wollte. Die ausschließlich in der Kommunalpolitik verwurzelten Freien Wähler? In den Landtag? Schon klar!

Jetzt sitzen sie seit 18 Jahren dort, und seit acht Jahren auch in der Staatsregierung. A Hund war a halt schon, der Aiwanger, um eine weitere bayerische Redensart zu bemühen. Ein Hund zu sein, muss man wissen, ist eines der größten Komplimente, die man hierzulande bekommen kann.

Wir wollen hier nicht aus falsch verstandener Pietät der alten Regel gehorchen, wonach man über Tote nichts als Gutes sagen dürfe (für obige Weltbürger: „De mortuis nihil nisi bene“). Deshalb sei noch mal daran erinnert: Hubert Aiwanger hat oft einen rechten Schmarrn dahergeredet – was durchaus auch zweideutig verstanden werden darf. Sein Populismus bewegte sich manchmal sehr dicht an der Grenze des Appetitlichen. Besonders übel wird sein Umgang mit der Flugblattaffäre in Erinnerung bleiben, als er sich nicht zu schade für eine plumpe Täter-Opfer-Umkehr war und Kritikern allen Ernstes vorhielt, sie würden die Shoah instrumentalisieren, um ihn als Person zu vernichten.

Und doch wird der Niederbayer – und das ist nun keine Floskel, wie sie gerade alle von Schwarz bis Grün in die Mikrophone sprechen – fehlen. Denn Aiwanger war: echt. Ungekünstelt. Authentizität, es tut fast weh, diesen abgenutzten Begriff noch einmal zu benutzen, wird allenthalben gefordert. Ist dann aber tatsächlich mal einer er selbst, passt es auch nicht. Es sei denn, es ist zufällig ein Selbst, das genau ins eigene Weltbild passt.

Authentisch zu sein erfordert Mut. Wer er oder sie selbst ist, riskiert etwas. Kein Wunder also, dass viele Politiker dann doch lieber zum PR-Sprech greifen, sich von Journalisten auch ja jedes einzelne Zitat zur Freigabe vorlegen lassen und den Wählerinnen und Wählern lieber eine so weit wie möglich durchchoreographierte Inszenierung ihrer selbst vorsetzen als ein ungeschminktes Bild. Man kann es ihnen nicht verübeln.

Ein Denksprecher

Aiwanger war der Beweis, dass es auch anders ging. Er sprach in seinem besonderen Dialekt, der stets für Spott herhalten musste. Opfelsoft! Es gab Leute, die es zu wissen vorgaben und kenntnisreich erläuterten, warum Aiwangers Sprache noch nicht einmal „normales“ Niederbayerisch war, sondern ein ganz besonderer Aiwanger’scher Inseldialekt, den außer ihm praktisch niemand sprach.

Doch aller Spott über seine Sprache und unfreiwilligen Bonmots konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Aiwanger rhetorisch vielen seiner Politikerkolleginnen und -kollegen voraus war – ob nun im Bierzelt oder im Landtag.

Manuskripte benutzte Aiwanger fast nie. Eine Stunde lang frei zu reden war kein Problem für ihn. „Ich bin eben ein Denksprecher oder Sprechdenker, wie auch immer man das nennt“, erklärte er der taz einmal. „Ich denke während meiner Rede mit und schaue, wo ist der logische weitere Schritt. Man beginnt mit dem Kern des Themas und baut dann immer mehr Zwiebelschalen drumherum.“

Ob zwischen Zwiebelschalen oder in der Fußgängerzone: Aiwanger sprach die Sprache der Leute, in vielerlei Hinsicht. Inseldialekt hin oder her. Immer wieder fischte er zwar mit populistischen Parolen im rechten Sumpf, wetterte allerdings auch mal gegen das Großkapital und verfolgte selbst in der Migrationspolitik trotz markiger Sprüche einen eher pragmatischen Kurs. In einem unterschied er sich aber völlig von den echten Rechtspopulisten: Aiwanger stand tatsächlich auf der Seite der einfachen Leute.

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