Brasilianische Blindenfußballerin: „Ich will die Stimme für diese Mädchen sein“

Brasiliens Blindenfußball der Frauen litt unter fast 40 Jahren Verbot. Heute erkämpft Nationalspielerin Geisa Farini mit Social Media Fortschritte.
E s gibt eine Erinnerung aus ihrer Kindheit, die Geisa Farini nie vergessen hat. Da spielt sie mit einigen Jungs und Mädchen auf dem Schulhof Fußball. Weil die Kinder alle Sehbeeinträchtigungen haben, haben sie den Ball in eine Plastiktüte gewickelt, um ihn wahrzunehmen. Plötzlich hört die junge Brasilianerin vom Rand des Schulhofs Eltern rufen: „Die Mädchen sehen aus wie Lesben, wie Jungs!“ Geisa Farini ist so verstört, dass sie ihrer Mutter alles erzählt. Doch die Eltern vom Schulhof haben sich da schon beim Direktor über die kickenden Mädchen beschwert – mit Erfolg.
Die Blindenschule verbietet den Mädchen jedes Fußballspiel. Sie dürfen nicht einmal in der Pause gegen den Ball treten. Das ist keine Schnurre aus grauer Vorzeit. Geisa Farini ist jetzt 38 Jahre alt. Und doch noch Blindenfußballerin geworden.
Heute ist Geisa Farini Nationalspielerin und bekannter als die meisten männlichen Blindenfußballer. Allein bei Instagram folgen ihr über 200.000 Menschen. Dort zeigt sie zum Beispiel, wie blinde Menschen einkaufen, den richtigen Bus finden oder am Computer arbeiten. Und wie sie Fußball spielen. „Ich nutze mein eigenes Leben, um den Leuten beizubringen, Menschen mit Behinderung zu verstehen“, sagte sie 2024 im Gespräch mit dem Anthropologen Wagner Xavier de Camargo.
Farini betreibt viele Sportarten, darunter Halbmarathon – und seit 2022 ihre große Liebe Blindenfußball. Wie verrückt das ist, eine Liebe erst mit 34 Jahren zu entdecken, findet sie. Denn stets waren da so große Hürden. „Struktureller Machismo durchzieht alle Teile der Gesellschaft. Auch in der Schwarzen Community, der LGBT-Community oder unter Menschen mit Behinderung ist Machismo tief verwurzelt.“ Wer selbst diskriminiert ist, ist nicht immun dagegen, selbst zu diskriminieren. Als Geisa Farini 2022 mit Blindenfußball beginnt, gehört sie damit in Brasilien zu den Pionierinnen.
Fast 40 Jahre Verbot
Im Land von Marta und Pelé ist das kaum vorstellbar. Doch tatsächlich gilt oft: Je populärer eine Sportart unter Männern ist, desto mehr schließt das Patriarchat Frauen aus. Blindenfußball wird in Brasilien bereits seit den 1950ern gespielt. Die Sportart wurde hier entwickelt, heute können Männer hier sogar Profi werden. Für Frauen dagegen herrschte in Brasilien eines der längsten Fußballverbote der Welt, von 1941 bis 1979. Zuvor hatte es eine lebendige Frauenfußballszene gegeben.
Erst 2009 kam das erste Blindenfußballprojekt für Frauen, das bald an Geldmangel und Sexismus scheiterte. Richtig los ging es für sehbeeinträchtigte Frauen erst 2022. Eine Liga gibt es immer noch nicht. Geisa Farini sagt, ein großes Problem heute sei übermäßige Fürsorglichkeit gegenüber Frauen mit Behinderung. „Die Familien haben Angst, dass ihnen beim Sport etwas passieren könnte. Bei Männern beobachte ich das weniger.“
„Flügel wieder entfalten“
Und so ist Geisa Farini vor allem eine Frau, die davon träumt, zu den Ersten gehören zu können. Sie wäre gern bei einer ersten Meisterschaftsrunde dabei, oder beim ersten paralympischen Blindenfußball der Frauen. Doch das gibt es bisher nicht. Dabei sei professioneller Sport für Frauen mit Behinderung so wichtig, sagt Geisa Farini. Um ein eigenes Einkommen zu haben, Unabhängigkeit zu erlernen, an Orte zu gelangen, wo man sonst nicht hinkäme. Doch Fortschritt hat sie bereits erfolgreich mit erstritten: 2025 wurde ein Nationalteam gegründet. Bei der WM in Indien erreichten die Brasilianerinnen gleich das Halbfinale.
Geisa Farini findet wie so oft gute Worte für solche Erfolge. „Wenn man in einer Familie aufwächst, die einem die Flügel stutzt, kann Sport helfen, die Flügel wieder zu entfalten.“ Und so drehte die Brasilianerin auch aus Indien Videos, vor Hunderttausenden auf ihren Kanälen. „Ich möchte die Stimme sein, die diese Mädchen brauchen.“ Sie selbst hat ihre Flügel weit entfaltet.
Alina Schwermer freie Autorin
Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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