"Der Dieter hasst Frauen nicht": Andreas Rebers über Nuhr, Herrn Tschabobo und Tiktoker auf der Bühne

"Der Dieter hasst Frauen nicht"Andreas Rebers über Nuhr, Herrn Tschabobo und Tiktoker auf der Bühne
Alte, weiße Männer, Kabarett, Missverständnisse, Missverstehen-Wollen, Hauptsache, Schublade auf und weiter. Mit ntv.de spricht Andreas Rebers über Kultur, den Untergang der Menschheit, wie wir sie kennen, und Dieter Nuhr.
Er ist sein ganzes Leben schon politischer Aktivist, das fing schon in der Schule an: Anti-AKW, Häuser besetzen, er hat, wie er selbst sagt, den Sozialismus in Portugal mitaufgebaut - und stellt jetzt fest, "wenn man auf Veranstaltungen mit Rosa-Luxemburg-Anhängern ist - Zeitreise: Seit vier Jahrzehnten dieselben Sprüche. Da hat sich nichts verändert, das ist irre, alle sitzen auf dem Boden und trinken ihren schlechten Rotwein". Mit ntv.de spricht Andreas Rebers über Kultur, den Untergang der Menschheit, wie wir sie kennen, und Dieter Nuhr.
ntv.de: Wann war das, diese Luxemburg-Veranstaltung?
Andreas Rebers: Kurz nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang des Jahres. Ich habe dort eine gewisse Sympathie für diese Aktion festgestellt - das hat mich befremdet. Sie nannten das "Den Herrschenden den Saft abdrehen". Ich hab' die dann gefragt, ob ihnen nicht klar ist, dass die Herrschenden in einer ganz anderen Gehaltsklasse spielen, das juckt die meist gar nicht ...
... weil die zu dem Zeitpunkt eh alle auf Sylt oder in Südafrika waren ...
... (lacht) ja, sie tun nur denen weh, die abhängig von den Herrschenden sind. Und damit machen sie dann automatisch Wahlkampf - und zwar für Frau Weidel und Herrn Chrupalla.
Du trittst auch oft in Ostdeutschland auf, was sind deine Erfahrungen?
Ein entzückendes Publikum, in Dresden neulich mal 4000 Leute Open Air, in Plauen auch. Ich kann mich abgrenzen. In Hamburg wurde ich angegangen, weil in meinem Publikum Bernd Baumann, Vorstand der AfD, saß. Da sage ich nur, dass ich mir mein Publikum nicht aussuchen kann, zu mir darf jeder ins Theater kommen, das hat schon Billy Wilder so gehalten. Ich habe den Herrn nicht eingeladen, und er musste sich immerhin ein Programm anschauen, das der AfD nun wahrlich nicht gefallen kann. Bei mir gibt es kein betreutes Denken.
Du hast es eh geschafft, du wirst parodiert ...
Ach ja, (lacht), von dem Un-Kollegen Böhmermann. Ich denke, wir haben wirklich andere Probleme, und die liegen doch auf der Straße: In unserem Land hat sich seit 2015, also durch die Migrationskrise, so viel verändert. Es ist immer noch eine Krise, unter anderem deshalb, weil sich unsere Kulturschaffenden nicht mehr mit den Kollateralschäden beschäftigt haben. Ich bin in München gecancelt worden von einem Veranstalter, Till Hofmann, weil ich mich kritisch geäußert habe zu dieser Willkommenskultur. Es wurde mir so ausgelegt, als ob ich auf Flüchtlingshelfer herabschaue. Es liegt aber nur daran, dass ich mich mit diesen Dingen etwas nachhaltiger und grundsätzlicher beschäftige. Der Aufstieg der AfD wäre vermeidbar gewesen ...
... wenn man was gemacht hätte ...
... wenn man so eine Aktion wie die auf der Kölner Domplatte Silvester 2015 als das benannt hätte, was es war. Da kommen dann Frauen von den Grünen und solidarisieren sich mit den Tätern. Es gibt Frauen, die sagen, das waren keine Übergriffe, das waren Hilfeschreie. Diese Interpretation halte ich für ein Krankheitsbild. Wir sind wirklich nicht weit gekommen, auch wenn wir es weit gebracht haben: vom Herrenmenschen zum Moralweltmeister. Wer will mit solchen Leuten schon was zu tun haben? Andere schmeißen sich weg vor Lachen über uns.
Wir werden zumindest nicht geliebt ...
Die Welt interessiert sich nicht für Deutschland, ganz einfach, niemand schaut hierher. Auch wenn viele das denken, auch Journalisten. Mich interessiert nicht, wie viele Tattoos eine Nachrichtenfrau hat, ob ein Journalist Motorrad fährt und was deren Meinung zu irgendwelchen Themen ist, die sollen ihren Job machen. Die sollen sich nicht gemein machen, das wusste schon HaJo Friedrichs. Wenn man sich umschaut in der Welt: Allemagne Zero Points. Im Sicherheitsrat wollte man uns auch nicht, Frau Baerbock reichte denen schon, und das Sommermärchen konnte auch nicht wiederholt werden.
Apropos Fußball: Bist du als Münchner eigentlich FC-Bayern-Fan?
Ich bin eher so ein Personen-affiner Fan: Ich bin großer Fan von Harry Kane, wenn der ein Tor für Bayern schießt, freu' ich mich. Ich mag aber auch Bodo Ramelow (lacht) ...
Dann zurück zur Politik. Sind wir in einer Art Zeitenwende?
Ja. Und das, was bei den Linken da gerade passiert, ist ganz, ganz falsch. Das fließt ja alles ineinander. Die Chefdramaturgin des Bochumer Schauspielhauses sagte mir neulich, dass sie ein Gastspiel in Taiwan hatten, drei Abende à 1500 Leute, in Bochum kommen 150. Sie meinte, es wäre geradezu brutal spannend, wie man dabei zugucken kann, wie eine ganze Kultur den Bach runtergeht. Das ist auch politisch, denn die Probleme sind eine Nummer größer geworden. Ich möchte wirklich nicht mit dem Merz tauschen. Anderes Beispiel: Die Worte Wiederaufrüstung und Kriegstauglichkeit haben bis vor einiger Zeit ja gar keine Rolle gespielt. Man muss also in größeren Bögen denken, und interessant wird es in 15 Jahren. Was ich mich frage, ist, warum kommt der Russe nicht jetzt, wo der Deutsche sich nur mit dem Holzgewehr verteidigen könnte? Oder will er warten, bis es ein fairer Kampf wird? Oder was? Die Kurzatmigkeit unserer Zeit ist frappierend.
Was sind denn unsere Alternativen?
Ich habe mich mein halbes Leben damit beschäftigt, was die Alternative zum Kapitalismus sein könnte. Was aus dem Sozialismus geworden ist, sehen wir ja. Die Frage, die sich also stellt: Hat der Klassenfeind vielleicht die Seiten gewechselt? Was muss man tun, um eine Gesellschaft zu entsolidarisieren?
Du hast sicher die Antwort ...
Ja: Du musst sie partikularisieren, formatieren, etikettieren. Du musst Möglichkeiten schaffen, wo kleine Gruppen über sich herfallen können, du musst die Gesellschaft klein machen. Das funktioniert über Aktivismus. Da spielen staatsfinanzierte, kleinere NGOs ganz wichtige Rollen, da fallen Junge über Alte her, und umgekehrt, Frauen gegen Männer, es wird alles ausgespielt. Und wer ist der Nutznießer dieser Geschichte?
Wer? Irgendjemand muss ja profitieren ...
Das ist ganz einfach: Wenn du in den Sozialen Medien zum Beispiel entrüstete Posts absetzt zur angeblichen Verharmlosung von Femiziden durch Dieter Nuhr, dann wird sich da nicht nur aufgeregt, sondern da wird auch Werbung generiert. Da werden Milliarden verdient. Da kommt irgendjemand mit seinem IPhone, mit einem kleinen Puschelmikrofon dran, und kreiert Content, wie das heute heißt.
Und Content bedeutet Inhalt?
Na wer's glaubt! Content ist das genaue Gegenteil von Inhalt, leck' mich am Arsch (lacht). Ich kann dieses kleine Mikro nicht ernst nehmen, egal, wer was da rein spricht. Wenn du mir das jetzt vor die Nase halten würdest, dann müsste ich reinbeißen. Über Social Media werden absolute Nichtigkeiten aufgewertet, und über die wirklich wichtigen Dinge wird nicht mehr gesprochen. Ich bin ja ein absoluter Gegner von Gendersprache - denn auch das ist nur eine Ablenkung. Geschlechtergerechtigkeit bekommst du nicht über eine Bubu-Sprache, sondern über gleiches Geld für gleiche Arbeit. Ich finde das fast pornös, denn es hat nichts mit dem zu tun, was es eigentlich ist.
Ich möchte vor allem ernst genommen werden, mich in einer Stadt sicher fühlen können und genauso viel verdienen wie der Kollege. Alles nur fromme Wünsche?
Ich fürchte ja. Meine Einschätzung zum Gendern ist, dass das alles das Werk von analsadistischen Sprachreinigern ist, die in der Regel heterosexuelle Klemmtucken sind, die einfach zu verkrampft sind, sich den Arsch pudern zu lassen.
Kann ich das so aufschreiben?
(lacht) Natürlich! Das ist so eine Begrifflichkeit aus der "Bar Jeder Vernunft", da hatte ich früher einige Verehrer, vor allem wohl deswegen, weil ich das Parfüm von meiner Frau getragen habe, Vétiver von Guérlain. Ich bin und bleibe aber 'ne Hete. Wir wollen alle Spaß miteinander haben, egal, wen oder was wir lieben oder gut finden. Ich wünschte, wir könnten alle mal locker bleiben. Wenn es zwanghaft wird, dann wird es nix.
Sind wir Deutschen zu unlocker?
Auf jeden Fall. Das belegt ein Zitat, das Napoleon zugeschrieben wird: "Die Deutschen sind das gutgläubigste Volk der Welt, es kann keine Lüge zu groß genug sein, als dass sie sie nicht glauben wollen." Erschwerend kommt hinzu, dass Deutsche ihre Nächsten mit einer Unerbittlichkeit verfolgen, die sie ihren wahren Feinden niemals zumuten würden. So ist das. Es gibt Leute, die verdienen ihr Geld damit, das Internet zu durchforsten, um meinetwegen mir aufs Butterbrot zu schmieren, was ich über das Gendern gesagt habe. Was Dieter Nuhr vorgeworfen wird, wissen wir, aber auch, dass er Lisa Eckardt einlädt, obwohl sie in den Augen einiger Menschen antisemitisch sein soll. So ein Blödsinn! Wir sind Kabarettisten! Die kramen dann Sachen von vor 10 Jahren raus, völlig aus dem Kontext gerissen. Warum hat dann damals keiner was gesagt?
Dieter Nuhr wurde vorgeworfen, Femizide zu verharmlosen ...
Das bekommt so einen Kampagnencharakter, wo sich jeder dranheften kann. Um safe zu sein, musst du immer wieder betonen, dass du queer-freundlich bist, pro Feminismus, anti-chauvinistisch, anti-kolonialistisch, weil die jungen Leute in einer Art von Öffentlichkeit leben, in der jeder was in die Welt setzen kann, wenn du nicht schnell genug widersprichst. Dann bekommen sie 50.000 Likes und verdienen nebenher Geld damit. Aber das sind Produkte! Es geht gar nicht mehr um die politischen Inhalte. Und ich finde, man kann schon mal einen Witz über Frauen machen.
Auch über Männer ...
... unbedingt, man sollte über alles Witze machen können. Der wunderbare Matthias Beltz sagte mal: "Jeder hat das Recht, unabhängig von Hautfarbe Religion, Herkunft und sexueller Identität, beleidigt zu werden."
Ich persönlich kann Witze von alten weißen Männern aushalten, viele können das nicht.
Ich kenne den Dieter seit 30 Jahren - der hasst Frauen nicht, der will nicht, dass Frauen umgebracht werden, der macht sich nicht lustig über Frauen. Höchstens so, wie er sich über andere auch lustig macht. Diese Angriffe auf ihn, die Bemühungen, unsere Szene aufspalten zu wollen, in die guten und die schlechten Kabarettisten, das ist doch lächerlich. Als ich vor 30 Jahren zur Lach- und Schießgesellschaft gekommen bin, da hat der Werner Schneyder von mir ein Programm gesehen und gesagt: "Es gab im Kabarett immer die, die es können und die, die es nicht können. Und du gehörst zu uns." Ich habe mich so gefreut! Wie nett, so etwas zu sagen. Das hat sich verändert. Mit der Jagd auf Dieter Nuhr haben übrigens Kollegen angefangen, die ein Neid-Problem haben. Und wenn dann einer wie Böhmermann das macht, ihn angreift, dann ziehen die hinterher. Das ist einfach so schwach. Der Dieter steht seit 30 Jahren auf der Bühne, hat alle wichtigen Preise gewonnen und ist ein hochkünstlerischer Mensch. Er ist auch Maler und Fotograf, der international ausstellt. Wer kann das von sich behaupten im deutschen Kabarett? Und er ist kein Rassist, kein Frauenhasser, basta. Aber es reicht heute, das zu unterstellen. Die sogenannte Kontaktschuld.
Was bedeutet ...
... dass, wenn du das und das sagst, sich Anschlussmöglichkeiten ohne Ende ergeben. Zum Beispiel an rechte Narrative. Weil die Leute kaputt machen wollen, andere zerstören wollen, sie sind nicht progressiv. Sie sind selbstreferenziell, egoistisch und neidisch. Das treibt sie an. Es geht aber nach hinten los. Denn es geht nicht mehr um die Fakten, die rücken immer weiter in den Hintergrund.
Du wurdest aufgefordert, nicht mehr in Dieter Nuhrs Sendung aufzutreten ...
Es kommt überhaupt nicht infrage, dass ich mir sagen lasse, wie ich meinen Beruf auszuüben habe. Das ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Was bilden sich diese Leute denn ein? Gerhard Polt und ich haben mal eine Anfrage bekommen, ob wir uns für bestimmte Nummern von früher auch entschuldigen würden. Polt für Herrn Tschabobo oder Mai Ling, und ich hatte ein T-Shirt mit Roberto Blanco drauf an, darunter stand Roy Black. Davon sollte ich mich distanzieren – und entschuldigen. Da habe ich gefragt, wer denn genau diese Entschuldigung entgegennehmen würde. Wer ist das? Dann hätte ich gern eine Qualifikation. Der Polt hat nur gesagt: "Na, fertig, Ende, machen ma net."
Es ist schon gut, dass man heute nicht mehr alles sagen darf ...
Stimmt. Aber ich war immer jemand, der für die Ausweitung der Kampfzone eingetreten ist, nicht für deren Beschneidung. Ich kann das heute kaum noch angucken, was sich alles Kabarett nennt, weil es so eng geworden ist. Es herrscht Angst davor, die Felder der politischen Korrektheit zu verlassen, weil sie Angst haben, eins drüber zu kriegen. Von ihresgleichen übrigens. Der Vorteil, wenn man etwas älter ist: Ich wehre mich. Wenn eine Redaktion mir Texte durchstreicht, dann bestehe ich erst recht darauf.
Bist du enttäuscht, auch von Kollegen?
Ja, weil es auf einmal alles so billig ist. Weil Tiktoker jetzt auf denselben Bühnen spielen wie ich, weil es nur noch um Reichweite geht.
Aber die Jugend muss für die Bühne interessiert werden ...
... auf jeden Fall, aber die sitzt dann im Publikum und hat das Handy an. Ich würde mir wünschen, dass man eine Figur spielt, die erklärt, wie jemand zum Beispiel von links nach rechts rutscht, oder umgekehrt. Aber sie stellen nur noch das Ergebnis fest. Für den Weg interessiert sich keiner mehr. Diese Betroffenheitskomik ist lächerlich, denn der Stoff, aus dem der Totalitarismus ist, ist der Opportunismus. Wir haben zu viele Opportunisten. Ich spiele für Menschen!
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