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Thursday, September 17, 2026

Ex-Präsident verurteilt: Schock in Kosovo, Unmut in Serbien

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Als klar wird, dass das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag den früheren Präsidenten Hashim Thaci für schuldig befindet wegen Kriegsverbrechen, wird es auf einmal still auf dem Skanderbeg-Platz in Pristina. Tausende Kosovaren hatten sich am Mittwoch (16.09.2026) auf dem zentralen Platz in der Hauptstadt versammelt, um die Urteilsverkündung auf einer großen Leinwand live zu verfolgen. Viele von ihnen hatten Fahnen der Kosovarischen Befreiungsarmee (UCK) dabei, die Thaci während des Kosovokriegs anführte.

Das Sondertribunal stellte fest, dass Thaci und seine drei Mitangeklagten zwischen April 1998 und dem 20. Juni 1999 "wesentlich" dazu beigetragen hätten, Menschen zu verfolgen, die als Gegner der Befreiungsarmee angesehen wurden - etwa Kosovo-Albaner, die angeblich mit serbischen Sicherheitskräften kollaboriert hatten, Angehörige der Roma und Serben. Um die politische und institutionelle Kontrolle über das Gebiet Kosovos zu erlangen, vertraten die vier Männer nach Einschätzung des Gerichts die Auffassung, dass bestimmte Personen "neutralisiert" werden müssten.

Das Sondertribunal befand Thaci und seine drei Mitangeklagten Kadri Veseli, Jakup Krasniqi und Rexhep Selimi für schuldig, 385 Menschen willkürlich festgenommen, 49 Menschen misshandelt, 303 gefoltert und 96 Menschen getötet zu haben.

Wut auf den Straßen

In Kosovo schlugt der Schock nach der Urteilsverkündung bald in Wut um. Auf die bedrückte Stille auf dem Skanderbeg-Platz in Pristina folgten Sprechchöre, die Gerechtigkeit für die vier Männer forderten.

Aufgebrachte Menschen versuchten, die Umzäunung des Geländes der EULEX-Mission einzureißen, der EU-Mission, die seit der Unabhängigkeitserklärung des Landes 2008 in Kosovo stationiert ist und bis heute versucht, das Land beim Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen zu unterstützen. Nur das Eingreifen von Polizei und Spezialkräften sorgte dafür, dass größerer Schaden abgewendet werden konnte.

Ein Mann im weißen T-Shirt drückt mit seinem Körper gegen das Schild eines Bereitschaftspolizisten, der in einer Reihe mit anderen Bereitschaftspolizisten vor einem Zaun steht
Sondereinheiten der Polizei rückten nach der Urteilsverkündung am 16. September zum EULEX-Hauptquartier in Pristina aus, nachdem Demonstranten versucht hatten, das Gelände zu stürmenBild: Valdrin Xhemaj/REUTERS

Drei Jahre hatte der Prozess gegen die ehemaligen UCK-Anführer wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gedauert. In dieser Zeit waren mehr als 370 Zeugen gehört und über 5400 Beweisstücke gesichtet worden.

Thaci, der während der Anklageerhebung noch Präsident Kosovos gewesen war, wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt. Jakup Krasniqi, der als Sprecher der UCK und später mehrfach als Parlamentspräsident Kosovos fungierte, wurde ebenfalls zu 25 Jahren Haft verurteilt. Kadri Veseli, der während des Krieges den Geheimdienst der UCK leitete, wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt, und Rexhep Selimi, der als Chefinspektor der Militärpolizei der UCK tätig war, zu 13 Jahren Haft.

Die Männer hatten die Verantwortung für die Taten stets von sich gewiesen. Die Verteidigung kündigte an, gegen das Urteil Berufung einzulegen.

Kosovos Politiker empört

Nicht nur auf den Straßen Kosovos reagierten die Menschen mit Ungläubigkeit auf das Urteil. Auch viele kosovarische Politiker zeigten sich enttäuscht von der Entscheidung des Gerichts.

"Die Verurteilung der ehemaligen UCK-Anführer ist ein schreckliches Urteil für Kosovo, für unseren Befreiungskrieg", sagte Außenminister Glauk Konjufca, der der Urteilsverkündung im Gerichtssaal in Den Haag beigewohnt hatte. Das Urteil sei "ein schwerer Schlag für den Staat und die historische Erzählung."

Im Zentrum des Bildes ist ein Mann mittleren Alters zu sehen, der Tränen in den Augen hat und eine Hand, bei der ein Fingerglied fehlt, an sein Gesicht hält
Viele Kosovaren reagierten geschockt auf das UrteilBild: Ermal Meta/Matrix Images/IMAGO

"Kosovo hat den Krieg selbst erlebt. Wir wissen, worum es bei dem Krieg der UCK ging, und wir wissen, dass es keine kriminellen Machenschaften gab, um einer der anderen Bevölkerungsgruppen Schaden zuzufügen. Es ist eine traurige, ungerechte und unverdiente Entscheidung", sagte er.

Der kosovarische Premierminister Albin Kurti nannte das Urteil eine "nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit und eine schwere und schädigende Strafe". Ähnlich reagierte Interimspräsidentin Albulena Haxhiu. Sie bezeichnete die Verurteilungen der vier Männer als "einen schweren Schlag für ihre Familien, eine zutiefst schockierende Nachricht für die Republik Kosovo und einen traurigen Moment für die albanische Nation".

In ihrer Erklärung schrieb Haxhiu: "An einem Tag wie diesem lässt sich die Tragweite dieser Entscheidung nicht von der Geschichte trennen, aus der wir hervorgegangen sind". Und weiter: "Kosovo hat die Gewalt eines Staatsapparats am eigenen Leib erfahren, der Zivilisten tötete, Massaker verübte, hunderttausende Albaner aus ihren Häusern vertrieb und tausende Tote und Vermisste hinterließ. Diese Erfahrung ist ein unauslöschlicher Teil des Gedächtnisses Kosovos und der albanischen Nation."

Schwere Vorwürfe in Europarat-Bericht

Das Kosovo-Sondertribunal war 2015 nach internationalem Druck vom kosovarischen Parlament selbst eingerichtet worden. Anlass waren unter anderem Vorwürfe schwerer Verbrechen, die in einem Bericht des Europarats von 2011 erhoben worden waren. Das Tribunal arbeitet nach kosovarischem Recht, ist jedoch mit internationalen Richtern besetzt und hat seinen Sitz in Den Haag. Es verfolgt mutmaßliche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die während des Kosovokriegs und in der Zeit danach begangen wurden. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere ehemalige Mitglieder der UCK. Das Tribunal wurde deswegen von Anfang an in Kosovo kritisch gesehen.

Ein Mann im Anzug mit grauen Haaren (Hashim Thaci) trägt Kopfhörer
Der ehemalige Präsident Hashim Thaci nahm das Urteil des Kosovo-Sondertribunals regungslos zur KenntnisBild: Koen van Weel/ANP/AFP

Viele Kosovaren befürchten, dass so die Rolle der UCK und damit auch der Kosovokrieg an sich umgedeutet werden könnte. Etwa 13.000 Zivilisten, die meisten von ihnen Kosovo-Albaner, wurden während des Kosovokriegs getötet, als die frühere Provinz versuchte, sich von Jugoslawien zu lösen. Mehr als eine Million Menschen wurden während dieser Zeit vertrieben.

Mit der Verurteilung Thacis ist nun das Ansehen einer zentralen Figur des kosovarischen Unabhängigkeitskampfs schwer erschüttert. Als früherer politischer Führer der UCK wurde Thaci von westlichen Staats- und Regierungschefs maßgeblich unterstützt und wurde 1999 zu den Friedensgesprächen von Rambouillet in Frankreich eingeladen.

Kritik aus Serbien

Die vier Männer wurden vom Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit freigesprochen. Das Gericht begründete dies damit, dass nicht nachgewiesen worden sei, dass die UCK die Zivilbevölkerung systematisch angegriffen hätte. Im Nachbarland Serbien sorgte diese Entscheidung für Kritik. "Als Gericht des sogenannten Kosovo wollten [die Richter] die Glaubwürdigkeit der UCK nicht untergraben und sind nicht darauf eingegangen, dass [die Verurteilten] Streitkräfte gegründet haben, deren Ziel die Abspaltung Kosovos von Serbien und der Bundesrepublik Jugoslawien war", sagte Serbiens Präsident Aleksandar Vucic.

Er kritisierte außerdem, dass das Urteil Verbrechen an Serben nach dem 20. Juni 1999 nicht umfasse. Das Gericht hatte diese Entscheidung getroffen, weil damals bereits die NATO-geführte Friedenstruppe KFOR in Kosovo war. Das Gericht ging deswegen davon aus, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen zu diesem Zeitpunkt beendet gewesen seien.

Viele Menschen stehen auf einem Platz und blicken in Richtung einer Bühne
Zur Urteilsverkündung waren Tausende auf dem Skanderbeg-Platz in Pristina zusammengekommen. Neben der Leinwand waren Konterfeis der vier Angeklagten aufgebautBild: Valdrin Xhemaj/REUTERS

Auch das kroatische Außenministerium nahm das erstinstanzliche Urteil gegen Thaci und seine Mitangeklagten zur Kenntnis und betonte, es wolle den weiteren Ausgang des Verfahrens nicht vorwegnehmen. Zugleich ließ das Ministerium verlautbaren: "Dieses Urteil verändert weder den historischen Kontext des Krieges in Kosovo noch die Tatsache, dass Kosovo und seine Bevölkerung Opfer der Repression und schwerer Verbrechen des Milosevic-Regimes waren."

Diese Erklärung sorgte in Serbien für Unmut. "Es gibt keine Serben als Opfer - in jeder Stellungnahme müssen die Serben die Täter sein", sagte Präsident Vucic. "Alle in der Region sind in ihrem Hass gegen die Serben vereint."

Langfristige Folgen des Urteils

Was das Urteil für die Beziehung zwischen Serbien und Kosovo bedeuten könnte, ist noch unklar. Urteile internationaler Gerichte hätten in der Vergangenheit wenig an der Beziehung zwischen den beiden Ländern geändert, sagte der serbische Rechtsanwalt Aleksandar Olenik, der sich unter anderem mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt, gegenüber der Deutschen Welle.

"Ich glaube nicht, dass das Urteil in naher Zukunft eine positive Wirkung haben wird", sagte Olenik. "Aber ich denke, dass man mit der Zeit - in zehn, 15 Jahren - realistischer und ohne diese politische Aufgeladenheit auf das schauen wird, was durch diese Urteile festgestellt wurde."

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