Schikanen, Repressionen, Morde: "Wir wurden getötet": Legendäre russische Zeitung ist Geschichte

Schikanen, Repressionen, Morde"Wir wurden getötet": Legendäre russische Zeitung ist Geschichte
30.10.2026, 12:35 Uhr
Die "Nowaja Gaseta" ist eine der kritischsten Stimmen Russlands, mehrere Mitarbeiter bezahlten dafür mit ihrem Leben. Nun kann die Zeitung, deren Gründer den Friedensnobelpreis erhielt, dem Druck "in der Todeszone" nicht mehr standhalten.
Die unabhängige russische Zeitung "Nowaja Gaseta" stellt nach mehr als 30 Jahren und massiven Repressalien in Russland ihre Arbeit ein. "Man hat uns getötet", lautet der Titel einer Erklärung auf der Website der Zeitung. "Die russischen Behörden und die russischen Geheimdienste zwangen die Redaktion, die Arbeit einzustellen", schrieb das Medium darin. "Am 9. November werden wir das Licht in unserem Haus ausschalten, in dem wir 30 Jahre lang gelebt haben. Wir werden die Server abschalten und gehen."
Die Redaktion erklärte, sie habe eine Räumungsaufforderung erhalten und müsse ihre Räumlichkeiten verlassen. Zudem sei das System, über das die Zeitung Spenden entgegennehmen konnte, blockiert worden. Dadurch sei ihr jegliche Finanzierung entzogen worden.
Die "Nowaja Gaseta" (deutsch: "Neue Zeitung") gehört zu den kritischsten Stimmen in Russland und stand stets unter Druck. Viele ihrer Mitarbeiter bezahlten ihr Engagement mit dem Leben. Am 7. Oktober vor 20 Jahren, am Geburtstag von Machthaber Wladimir Putin, wurde die Reporterin Anna Politkowskaja in Moskau erschossen. Auch ihre Kollegen Igor Domnikow, Juri Schtschekochichin, Stas Markelow, Anastasia Baburowa, Natalja Estemirowa wurden ermordet, weil sie ihre "berufliche und staatsbürgerliche Pflicht erfüllten", wie das Blatt schreibt.
Chefredakteur Solokow war im Oktober verhört worden, die russischen Behörden durchsuchten seine Wohnung im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen einen seiner Kollegen, Oleg Roldugin, der im April festgenommen worden war und mittlerweile unter Hausarrest steht. Dem für Korruptionsrecherchen über höchste russische Kreise bekannten Journalisten wird vorgeworfen, illegal Informationen mit personenbezogenen Daten gesammelt und verbreitet zu haben. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Ria plädierte er auf nicht schuldig.
Die "Nowaja Gaseta" war viele Jahre Russlands führendes unabhängiges Medium. Wegen der Recherche und der kritischen Berichterstattung zur Menschenrechtslage in Russland wurde ihre Arbeit aber immer weiter erschwert. Nach der strengen Zensur seit Beginn der russischen Offensive in der Ukraine stellte die Zeitung die Produktion im Inland ein. Im Internet veröffentlichte sie aber weiter Inhalte.
"Nach Ausbruch der Feindseligkeiten wurde uns, wie allen anderen Journalisten auch, die Möglichkeit genommen, über die wichtigsten und tragischsten Ereignisse unserer Zeit zu berichten. Es wurden Gesetze verabschiedet, die die Zensur im Land wieder einführten", so das Blatt. Diese Zensur dehnte sich daraufhin auf nahezu alle Bereiche des menschlichen Lebens aus. "Fast fünf Jahre lang konnten wir in der Ferne im Bereich der Spezialdienste arbeiten. Und das war's dann auch schon. Wir befanden uns in der Todeszone."
Die russischen Behörden stuften die Zeitung als sogenannten ausländischen Agenten ein. Damit brandmarkt Moskau Kritiker. Wer als "Auslandsagent" gelistet ist, muss mit vielen Nachteilen rechnen. Unter anderem sind ihnen Mieteinnahmen oder Depotzinsen bei einem Sparkonto ebenso verwehrt wie Tantiemen oder sonstige Einkünfte aus intellektueller Tätigkeit. Zuvor war schon ihr 2021 mit dem Friedensnobelpreis geehrter Gründer Dmitri Muratow als "Auslandsagent" eingestuft worden.
Die Behörden behaupteten, die verfassungsmäßige Ordnung zu verteidigen, schreibt die "Nowaja Gaseta" in ihrer Erklärung weiter. "Nein, sie ist verfassungswidrig. Denn die Verfassung wurde vergewaltigt, missachtet und, mit zugeklebtem Mund, für lange Zeit ins Gefängnis geworfen. Genau wie Tausende von Bürgern ihres eigenen Landes, die sich einfach an ihre Artikel gehalten haben."
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