Singen gegen den Herbst: Bei diesem Gegröle haben Krankheitserreger keine Chance

Singen hebt nicht nur die Laune, sie schützt auch die Schleimhäute effektiv vor Ansteckung. Ich kann zwar nicht gut singen, aber das macht nichts.
Foto: Christoph Jendral/imago
D er Saal ist blau erleuchtet, ich lege meinen Kopf in den Nacken und starre mit hunderten Menschen auf den Songtext, der gegen die Wände gebeamt wird. „Our love is alive, and so we begin“, singen wir mit, „foolishly laying our hearts on the table … Stumblin' in“.
Es ist ein kalter Dienstagabend, ich könnte in eine Wolldecke gewickelt auf dem Sofa sitzen, aber stehe zwischen lauter Unbekannten und singe – oder versuche es zumindest. Besonders gut singen kann ich nämlich nicht, aber das macht heute nichts.
In der Mitte des Saals ist eine kleine Bühne für die Veranstalter des Crowd-Singing-Events aufgebaut. Sie begleiten am Klavier und Schlagzeug, einer der Männer singt, so wie das Publikum. Der Abend ist wie eine riesige Karaokeshow, bloß dass alle mitsingen statt nur eine Person.
Auf den Kuschelrock folgt „Ein Kompliment“ von Sportfreunde Stiller. Jetzt trauen sich auch die mittelalten Männer mitzumachen: „Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Grööößte für mich bist …“ Manche grölen sogar. Es ist ziemlich egal, ob man den Ton trifft, die eigene Stimme geht in der Menge sowieso unter. Ich schmettere also weiter: „… und sichergehen, ob du denn dasselbe für mich fühlst. Für mich füüühlst!!!“
Das Singevent war Anfang des Jahres, als noch Winter war. Wir wollten etwas Neues ausprobieren, uns trotz Dunkelheit aufraffen. Es funktionierte. Nach dem Singen hatte ich mehr Energie als vorher, fühlte mich leichter. Wann singt man schon mal mit hunderten anderen Menschen im Chor, ohne in einem Chor zu sein? Normalerweise trifft man sich, um gemeinsam etwas anzuschauen, einen Film, ein Theaterstück, ein Konzert. Hier waren wir Teil des Abends, nicht nur Zuschauer:innen.
In einem Experiment sank durchs Singen der Wert des Stresshormons Cortisol im Speichel
Anschließend nahm ich mir vor, dieses Jahr mehr zu singen. Einfach so nach der Arbeit ein paar Lieder, mit Freund:innen, oder in der Dusche, nachts auf dem Fahrrad. Denn nach dem Singen fühlte ich, was die Wissenschaft längst erforscht hat: Singen ist gesund.
Robert Beck von der University of California führte zum Beispiel ein Experiment mit professionellen Sänger:innen eines Chors durch. Anhand von Speichelproben stellte er fest, dass der Wert des Stresshormons Cortisol während der Proben um 30 Prozent sank. Gleichzeitig stieg der Immoglobulin-A-Wert um 150 Prozent an, während einer Aufführung sogar um 240 Prozent. Dieser Antikörper schützt vor allem Schleimhäute vor Krankheitserregern.
Eine andere Studie von der University of Toronto zeigt, dass Singen in einer Gruppe das Level von Oxytocin – auch bekannt als Kuschelhormon – ansteigen lässt. Wenn wir gemeinsam singen, synchronisieren sich die Muskeln in Gesichtern und Kehlköpfen, die Atmung passt sich an. Man fühlt sich zugehörig und entspannt sich. Die Studienteilnehmer:innen wurden vor und nach dem Singen nach ihrer Laune gefragt. Der Stimmungsbalken war deutlich angewachsen.
So habe auch ich mich im Januar beim Crowd-Singing-Event gefühlt. Wie konnte ich das vergessen?
Es ist fast wieder Winter, es wird immer dunkler, und ich schaue auf die orangenen Balken der Studienergebnisse: weniger Stress, mehr Oxytocin, bessere Laune. Also lade ich meine Freund:innen für die kommende Woche zu Suppe und Singen ein. Ich wünsche mir „Angels“ von Robbie Williams. Bei „And trough it allllll“ geht die Stimme so hoch, das kann nur schiefgehen.
Sophie Fichtner Redakteurin
Seit 2022 Redakteurin im Zukunftsteil der wochentaz, aktuell im Ressort Reportage und Recherche. Sie hat die Deutsche Journalistenschule in München besucht und Politikwissenschaften in Berlin und Lissabon mit Schwerpunkt auf Menschenrechten studiert.
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