Steinmeier besucht Paris und Bordeaux: Wie sich Krieg, Rechtsruck und politische Umbrüche auf die deutsch-französischen Beziehungen auswirken
Der Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Frankreich vom 7. bis 9. Oktober ist der erste eines deutschen Staatoberhauptes seit 2013. Damals war es Joachim Gauck. Sein Besuch in Oradour-sur-Glane, wo die Waffen-SS 1944 ein Massaker an Zivilisten anrichtete, wurde zu einem emotionalen Höhepunkt.
Doch das gesamte politische Umfeld heute ist weit dramatischer als damals: 2026 herrscht Krieg in Europa, und sowohl Deutschland als auch Frankreich als Unterstützer der Ukraine sehen sich von Russland bedroht.
Auch im Inneren sind die Zeiten angespannt: In Berlin wie in Paris steht jeweils eine EU-freundliche Mitte-Regierung unter starkem Druck von rechts. In Deutschland hat die konservative CDU, die Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz, im September mehrere herbe Wahlverluste erlitten; in den bundesweiten Umfragen liegt die in Teilen rechtsextreme AfD seit Monaten weit vorn. In Frankreich amtiert eine zentristische Minderheitsregierung, und Staatspräsident Emmanuel Macron kann bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr nicht mehr antreten. Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National (RN) hat nach Umfragen gute Chancen, nächste Präsidentin Frankreichs zu werden. AfD wie RN sind europaskeptisch und betonen das Nationale.

Im deutsch-französischen Verhältnis und in der Europapolitik führt das dazu, "dass in beiden Ländern das innenpolitische Kalkül einen sehr breiten Raum einnimmt, man nicht mehr sich traut oder die Handlungsspielräume hat, weitreichende europäische Initiativen und Vorschläge zu machen, weil man unter diesem großen Druck der Innenpolitik ist." Das sagt Stefan Seidendorf, stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Institut im baden-württembergischen Ludwigsburg, der DW. In beiden Ländern gebe es eine öffentliche Debatte, "in der dieses bisher Selbstverständliche, nämlich Frankreich, Deutschland gemeinsam als Paar oder als Motor der Europäischen Union nicht mehr ohne weiteres gegeben ist".
Frankreichs Botschafter: Haben Schocks in Deutschland unterschätzt
Hinzu kommt nach Einschätzung des französischen Botschafters in Berlin, Francois Delattre, eine fundamentale Umwälzung in Deutschland, die in seinem Heimatland leicht übersehen werde. Delattre sagte kürzlich im Podcast der französischen Journalistin Hélène Kohl: "In Frankreich hat man das Ausmaß der Schocks für Deutschland seit Beginn des Ukraine-Kriegs unterschätzt." Neben dem Schock des Krieges selbst nennt er seine Folgen für Deutschland: schwierigere Energieversorgung, Deindustrialisierung.
Dazu komme noch die enorme wirtschaftliche Konkurrenz aus China, die schwierige Trump-Administration in den USA und innenpolitisch der Aufstieg der AfD. Das früher selbstbewusste Deutschland sei sich selbst nicht mehr sicher, habe Zweifel und Ängste, glaubt Delattre. Das sei neu für viele Franzosen.
Frankreich bietet seinen Nuklearschutz
Probleme im bilateralen Verhältnis kommen hinzu. Wichtige gemeinsame Rüstungsprojekte sind erst vor wenigen Wochen gescheitert. Neben dem Kampfflugzeugprojekt FCAS, das offiziell beendet wurde, wurde auch das Panzerprojekt MGCS de facto aufgegeben, weil die gemeinsame Entwicklung einer Fahrzeugplattform beendet wurde. Damit sind gleich zwei französisch-deutsche Prestigeprojekte geplatzt, in die viele Jahre investiert wurde.

Doch es gibt Lichtblicke, sagt Stefan Seidendorf: "Nachdem das Projekt mit dem Kampfflugzeug gescheitert war, hat man sich gleichzeitig auf etwas sehr Weitreichendes eingestellt, nämlich Macrons Angebot und die positive Reaktion der Bundesregierung auf eine Ausweitung des französischen Nuklearschutzes." Damit verbunden sind gemeinsame europäische Rüstungsprojekte bei Fernaufklärung und Präzisionswaffensysteme. Allerdings, betont Seidendorf: Der Nuklearschirm "bleibt letztlich in französischer Hand".
Differenzen bei Nahostkonflikt und Finanzen
Dissonanzen gibt es auch auf diplomatischem Parkett. Macrons Vorstoß zur Anerkennung eines palästinensischen Staates stieß in Berlin auf große Vorbehalte. Deutschland unterhält enge Beziehungen zu Israel, die Bundesregierung betrachtet die Sicherheit Israels als Staatsräson. Zwar hat diese Freundschaft wegen des harten israelischen Vorgehens im Gaza-Streifen unter der Regierung Netanjahu gelitten, eine deutsche Anerkennung Palästinas ist aber weiter undenkbar.
Auf europäischer Ebene schließlich drängt Frankreich schon lange auf gemeinsame Euro-Anleihen und gemeinsame europäische Schulden. Zwar hat auch die Bundesregierung - im Gegensatz zu Merz' Zusage vor der Wahl - riesige neue Schulden aufgenommen. Aber das gilt für die nationale Ebene. Auf europäischer Ebene befürchtet die Bundesregierung, dass das finanziell immer noch vergleichsweise solide Deutschland für Frankreichs gewaltigen Schuldenberg einstehen muss. Daher sperrt sich Berlin auch gegen eine deutliche Erhöhung des mehrjährigen EU-Haushalts.
Merz würde auch mit einer Präsidentin Le Pen zusammenarbeiten
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte nach dem Wahlsieg Anfang 2025 großen Wert auf ein Zeichen Richtung Frankreich gelegt und war nach Paris gereist, sogar noch bevor er zum Bundeskanzler gewählt war. Auch danach sprach er immer wieder davon, wie wichtig die Beziehungen seien. Das gilt weiterhin, und das betonen auch beide Seiten immer wieder.

Doch was würde es für die Beziehungen bedeuten, wenn sich die politischen Gewichte deutlich verschieben sollten? Eine von der AfD geführte Bundesregierung ist bisher nicht in Sicht. Durchaus denkbar ist aber, das zeigen zahlreiche Umfragen, dass Marine Le Pen vom rechten Rassemblement National im kommenden Frühjahr Staatspräsidentin wird.
Dass man sich in Berlin bereits Gedanken darüber macht, bestätigte Merz schon im Sommer, als Le Pen ihre Kandidatur bekanntgab: "Die deutsche Hand bleibt immer ausgestreckt zur vertieften und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Frankreich, ganz unabhängig davon, wie die Wählerinnen und Wähler in unseren beiden Ländern entscheiden", sagte der Bundeskanzler Mitte Juli bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Emmanuel Macron.
Die Freundschaft besteht aus mehr als Politik
Stefan Seidendorf vom Deutsch-Französischen Institut erwartet für diesen Fall zwar Schwierigkeiten, aber keine Katastrophe: "Man kann sich gut vorstellen, dass Le Pen sich zunächst innenpolitisch profilieren möchte mit europaskeptischen und deutschlandfeindlichen Tönen", sagt er. Vielleicht werde Le Pen dann ihre erste Auslandsreise als Präsidentin nicht nach Berlin, sondern nach Brüssel oder Rom machen und deutsch-französische Ministerräte ausfallen lassen. "Man wird sich darauf einstellen müssen, dass alle möglichen politischen Verhandlungen erst einmal viel schwieriger werden."

Doch er betont, dass das französisch-deutsche Verhältnis nicht nur aus Politik besteht. Es gibt Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, Freundschaftsvereine - die ganze Bandbreite des zivilgesellschaftlichen Austauschs. Und Umfragen bestätigen immer wieder, dass die Franzosen die Deutschen als wichtigsten Partner sehen, umgekehrt genauso.
Auch der französische Botschafter Francois Delattre ist optimistisch und sagt im Interview mit Hélène Kohl: "Es gibt keine zwei Länder der Welt, die so enge Beziehungen haben wie Deutschland und Frankreich."
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