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Thursday, October 1, 2026

Ein Jahr Befüllungspflicht für die E-Patientenakte: Ein Blick, vieles unklar

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„Ein Blick, alles klar“: So soll die ePA nach dem Willen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) funktionieren. Wer zum Jahrestag der Befüllungspflicht genauer hinschaut, stößt aber auf Fragen. Wie viele Versicherte nutzen ihre Akte tatsächlich? Wie oft schauen Praxen hinein? Und woran lag es, wenn mal wieder nichts ging? Auch mit der versprochenen Transparenz klappt es nur halb. Ob Telematikinfrastruktur-Störungsportal oder TI-Dashboard: Oft bleibt offen, was hinter einer Störung oder einem Knick in der Statistik steckt.

Dabei sprechen BMG und Gematik von einem Erfolg, und bei einem Teil stimmt das auch: Die digitale Medikationsliste hilft. Ärzte und Apotheker sehen so schneller, welche Medikamente ein Patient bekommt, und können Wechselwirkungen eher erkennen.

Im Alltag sieht vieles aber anders aus. Für Versicherte ist die Akte oft schwer zu erreichen. Das liegt an der Anmeldung, aber auch an Ausfällen bei Diensten der Telematikinfrastruktur (TI). Weil viele Dienste ineinandergreifen, bleibt oft unklar, wo der Fehler genau lag.

Von den rund 74,5 Millionen gesetzlich Versicherten haben rund 73 Millionen eine ePA von ihrer Krankenkasse erhalten. Wer sie nicht will, muss widersprechen. Bei den privaten Versicherern, die eine ePA freiwillig anbieten können, gibt es dpa zufolge 386.000 Akten.

Wie viele Menschen ihre Akte selbst nutzen, ist eine andere Frage. Laut TI-Dashboard der Gematik haben derzeit mehr als 5 Millionen Versicherte eine GesundheitsID. Wie schwer sich Versicherte mit der Anmeldung tun, zeigte zuletzt auch eine Studie der Ernst-Abbe-Hochschule Jena: Nur ein Viertel interessiert sich überhaupt für die Nutzung der eigenen ePA, viele scheitern schon an der Registrierung. Nur damit können sie ihre Daten und deren Sichtbarkeit verwalten. Ende August fiel zudem die Zahl der GesundheitsIDs plötzlich von 5,8 auf 5,2 Millionen. Die Gematik erklärte auf Anfrage von heise online, ein Anbieter stelle gerade auf ein neues Produkt um. Deshalb würden die Daten zeitweise nicht vollständig geliefert. Den alten Stand hat die Zahl bis heute nicht wieder erreicht. Die Schwankungen würden erst nach und nach ausgeglichen, wenn sich Versicherte erneut anmelden.

Zeitgleich wurde bei der AOK die Ident-App auf eine neue Anmeldetechnik umgestellt, den sogenannten sektoralen Identity Provider 2.0. Dabei hat die AOK, wie ein Sprecher des Verbands mitteilte, nur GesundheitsIDs übernommen, die höchstens sechs Monate alt waren. Ob weitere Kassen betroffen sind, ist unklar.

Bei den Praxen sieht die Bilanz auf den ersten Blick gut aus. Laut TI-Dashboard nehmen 123.251 Einrichtungen an der ePA teil. Details zu den Öffnungen werden nicht erfasst. Wie komplex allein das Hochladen von Dokumenten für Kliniken ist, schildern IT-Verantwortliche aus Krankenhäusern: Für Vorgaben zum Upload mussten 25 Seiten Erklärungen verfasst werden. Krankenhäuser stellt die Akte zudem auch vor prozessuale Herausforderungen, weshalb aktuell nur wenige die Akte befüllen. Laut TI-Dashboard werden zuletzt rund 3,3 Millionen Dokumente pro Woche hochgeladen, heruntergeladen etwa 1,15 Millionen.

An der ePA teilnehmende Zahnarztpraxen, Apotheken, Krankenhäuser, Arztpraxen

Institutionen, die mindestens eine Aktenöffnung innerhalb der letzten Woche getätigt haben.

(Bild: TI-Dashboard der Gematik)

Nach einem Rückgang der Zahlen ab Mitte Juli und einem kurzen Einbruch Ende August steigen sie seit September wieder. Die Zahl der geöffneten Medikationslisten wuchs in dieser Zeit von etwa 23 auf knapp 39 Millionen. Die Gematik erklärt den Rückgang bei den Up- und Downloads auf Anfrage von heise online mit der Sommerferien- und Urlaubszeit.

Wachstum zeigt das Dashboard beim TI-Gateway, über das sich Einrichtungen ohne eigenen Konnektor vor Ort an die TI anschließen. Die Zahl der virtuellen Konnektor-Instanzen stieg von gut 40.000 Anfang April auf zuletzt rund 55.800. Laut Gematik schließen sich immer mehr Einrichtungen auf diesem Weg an. Kleinere Schwankungen entstünden etwa, wenn Instanzen am Wochenende ab- und wieder angemeldet werden.

Anfang 2022 hatte die Gematik das TI-Dashboard – gemeinsam mit dem TI-Score – als Teil einer Transparenzinitiative gestartet. Doch dort tauchen immer wieder Knicke in der Statistik auf, deren Ursache zunächst unklar bleibt. Leicht ist die Aufgabe nicht. Die Zahlen kommen von vielen verschiedenen Anbietern. Wenn einer davon seine Systeme umstellt oder Daten unvollständig liefert, zeigt sich das in den Graphen.

Wie viele E-Patientenakten es überhaupt gibt, sieht man im Dashboard seit März 2025 nicht mehr. Begründet hat die Gematik das damals damit, dass sich dort nichts Wesentliches mehr tue und Rückschlüsse auf die Zahl der Widersprüche nicht korrekt wären.

Auch der TI-Score der Gematik hilft nur bedingt weiter. Er soll zeigen, wie gut Praxissoftware Anwendungen wie das E-Rezept, die elektronische Patientenakte (ePA), die elektronische Medikationsliste (eML), die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und den eArztbrief unterstützt. Die Bewertung beruht allerdings auf Selbstauskünften der Hersteller.

Auffällig sind auch die Zahlen zum TI-Messenger, über den Praxen und Versicherte sicher Nachrichten austauschen sollen. Bis Ende Juli lagen die Aktivitäten über TI-M Pro und den Messenger in den ePA-Apps nahe null. Ab Mitte August steigt die Kurve fast schnurgerade auf zuletzt gut 18 Millionen. In derselben Zeit meldeten Nutzer, die lokale Datenbank des Messengers lasse sich nicht laden. Auf Anfrage von heise online erklärte die Gematik, die Daten zum TI-Messenger würden derzeit geprüft. Die Anbieter hätten die Daten schwankend geliefert.

Hinzu kommen technische Störungen, teils auch an zentraler Stelle, die die KBV als Bremse für die Praxen nennt. – Gematik-Vertreter räumten zuletzt selbst ein, die TI stürze unangenehm oft ab. Nach Daten von TI-Monitoring.de, die auf Statusdaten der Gematik-Schnittstelle TI-Lage-API beruhen, kam es im September häufiger zu Ausfällen. Am längsten betroffen war demnach der neue Versichertenstammdatendienst VSDM 2.0. Die Schnittstelle meldete in mindestens 1102 Prüfintervallen „nicht verfügbar“. Das entspricht mehr als 90 Stunden oder 3,8 Tagen. Der Dienst läuft allerdings erst als Pilot, die Folgen dürften also vor allem die teilnehmenden Einrichtungen gespürt haben.

Bei der Vertrauensstelle des Implantateregisters kamen bei einer Störung gut 50 Stunden zusammen. Das hält er aber für weniger kritisch, weil sich Meldungen nachholen lassen. Schwerer wogen zwei Ausfälle beim Identitätsdienstleister D-Trust. Über ihn beziehen viele Krankenhäuser, Praxen und Apotheken ihre Institutionskarten (SMC-B) und elektronischen Heilberufsausweise. Vom 7. auf den 8. September und am 10. September fielen jeweils drei Komponenten des Anbieters aus. Wer Karten dieses Anbieters nutzte, konnte keine E-Rezepte einlösen, keine elektronischen Krankschreibungen ausstellen und die ePA nur eingeschränkt nutzen. Am Morgen des 18. September legte außerdem eine rund zweistündige Störung im zentralen Netz fast alle zentralen Komponenten der TI lahm.

„Kritische Infrastruktur (KRITIS) darf nicht derart abhängig von einigen wenigen zentralen Komponenten sein“, so der Betreiber in einem Beitrag. Je wichtiger die TI für die Versorgung werde, desto mehr komme es auf Resilienz, Redundanz und Hochverfügbarkeit des Gesamtsystems an.

Die Freie Ärzteschaft zieht eine deutlich härtere Bilanz. Aus der „ePA für alle“ sei eine „ePA für wenige“ geworden, sagt die stellvertretende Vorsitzende Silke Lüder. Trotz der Erfolgsmeldungen sei die Akte „ein milliardenteurer Flop“. Sie kritisiert, dass die Akte die Schweigepflicht aushöhle, die Technik störanfällig sei und die Daten künftig an das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) gehen sollen. Außerdem warnt der Verband vor den Plänen für die TI 2.0: Dann sollen auch ungeprüfte, handelsübliche Kartenlesegeräte erlaubt sein.

Die Weitergabe von ePA-Daten an das FDZ beginnt voraussichtlich 2027. Versicherte, die das nicht wollen, müssen widersprechen. Die AOK will ihre Versicherten ab dem 30. Oktober in der ePA-App darüber informieren und dort auf die Widerspruchsmöglichkeit hinweisen, die Techniker informiert bereits auf ihrer Website. Auf der AOK-Website sollen ab Ende Oktober ebenfalls Informationen stehen. Dafür müssen Versicherte sich aber erst einmal in der App anmelden können. Ein Blick reicht dafür nicht immer.

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