Russland in Afrika: Was der Kreml erreichen will
Der Konflikt mit dem Westen, ausgelöst durch Russlands umfassende Invasion in der Ukraine, veranlasst den Kreml, Unterstützung in anderen Regionen zu suchen. Afrika ist dabei zu einem Schwerpunkt geworden. Die dort zunehmenden Besuche von Außenminister Sergej Lawrow bezeichnet dessen Sprecherin Maria Sacharowa als eine "historische Rückkehr". Was Russland im 20. Jahrhundert für Afrika getan habe, sei "mit nichts und niemandem vergleichbar", so Sacharowa.
Ägypten wichtigster Partner in Afrika
Seit 2019 findet in Russland alle drei Jahre ein Russland-Afrika-Gipfel statt. Der dritte ist für den 28. und 29. Oktober in Moskau angesetzt. Das Programm konzentriert sich auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Weitere Themen reichen von Politik und Sicherheit bis hin zu Wissenschaft und Kultur. Russland arbeitet jedoch nur mit wenigen Staaten, vor allem im Norden des Kontinents, aktiv zusammen, was im Außenhandel zum Ausdruck kommt.
"Obwohl Südafrika nach wie vor die größte Volkswirtschaft Afrikas ist, ist das Handelsvolumen Russlands mit dem Land gering - deutlich niedriger als mit Ägypten und Algerien", sagt Ivan Klyszcz vom Internationalen Zentrum für Verteidigung und Sicherheit (ICDS) in Tallinn und fügt hinzu: "Gerade Ägypten und Algerien sind die Schlüsselpartner Russlands. Ägypten kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Russische Diplomaten und Wirtschaftsvertreter versuchen zwar, die Beziehungen auch zu anderen Ländern, vor allem zu Tansania und Äthiopien auszubauen, bislang jedoch ohne nennenswerte Ergebnisse."
Ägypten ist die zweitgrößte Volkswirtschaft auf dem Kontinent. Seit 2021 hat sich das bilaterale Handelsvolumen mehr als verdoppelt und erreichte 2025 laut Angaben des Föderalen Zolldienstes Russlands 10,5 Milliarden US-Dollar. Der wichtigste Treiber sind Lieferungen von russischem Getreide, gefolgt von Erzeugnissen der Metallindustrie. Ägypten liefert vor allem Obst und Gemüse nach Russland.
Ferner gibt es Investitionsprojekte. Russland errichtet ein großes Kernkraftwerk in der ägyptischen Region El-Dabaa an der Mittelmeerküste. Der Bau wird mit einem russischen Kredit von 25 Milliarden US-Dollar finanziert, der etwa 85 Prozent der Kosten abdecken soll.

Ägypten ist eines der wenigen afrikanischen Länder, mit denen Russland über stabile Geschäftsbeziehungen und viel Erfahrung in der Zusammenarbeit verfügt, meint der Nahostexperte Nikita Smagin. "Langfristig könnte Ägypten für Moskau zum Tor nach Afrika, zu weiteren Märkten werden. Aber Kairo folgt auch eigenen Interessen. Zu hoffen, dass Ägypten nur aus politischer Solidarität Unterstützung leistet, wäre zu optimistisch", sagt er.
Wirtschaftliche Rolle Russlands in Afrika
Laut dem russischen Zolldienst entfielen 2025 etwa 39 Prozent des russisch-afrikanischen Handels auf Ägypten und der Umsatz zwischen Russland und allen 54 Ländern des Kontinents belief sich auf rund 27 Milliarden US-Dollar. Der Anteil Afrikas an Russlands Außenhandel ist somit gering (3,9 Prozent im Jahr 2025) und steht in keinem Verhältnis zur Aufmerksamkeit, die Moskau den Beziehungen zu den Ländern des Kontinents widmet.
Russland ist seinerseits auch kein bedeutender Handelspartner für Afrika. So belief sich das Handelsvolumen mit der Europäischen Union, dem wichtigsten Partner der afrikanischen Länder, im Jahr 2025 auf rund 385 Milliarden US-Dollar. Auch andere Partner liegen laut eigenen Angaben klar vor Russland. Das Handelsvolumen mit China überstieg im Jahr 2025 348 Milliarden US-Dollar, das mit den USA erreichte fast 105 und mit Indien etwa 103 Milliarden US-Dollar.
Die wirtschaftliche Präsenz Russlands sei in Afrika deutlich weniger zu spüren als die Chinas, der USA, traditioneller Akteure wie Frankreich und Großbritannien sowie Indiens, meint Fidel Owusu. Der ghanaische Experte des Analysezentrums Geopolitical Intelligence Services betont: "Bei Handel und Investitionen waren in den letzten Jahren Regionalmächte wie die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate in Afrika erfolgreicher als Russland."
Auch wenn man auf dem Russland-Afrika-Gipfel viel über Wirtschaft sprechen wird, sind doch die konkreten Pläne wenig beeindruckend. Pawel Kalmytschek, der im russischen Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung die Abteilung für bilaterale Zusammenarbeit leitet, erklärte jüngst, bis 2030 wolle man das Handelsvolumen verdoppeln. Selbst wenn dies gelänge, würde Russland im Vergleich etwa zu Deutschland weiter zurückbleiben. Das deutsche Handelsvolumen mit Afrika belief sich laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) im Jahr 2025 auf rund 72 Milliarden US-Dollar.
"Westliche Länder dominieren in strategisch wichtigen Bereichen wie der Rohstoffgewinnung, im Finanzwesen und Energiesektor, auch wenn ihre politische Präsenz in der Region abnimmt", sagt Beverly Ochieng von der Unternehmensberatung Control Risks im Senegal und merkt an: "Russland wird um den Zugang zu kritischen mineralischen Rohstoffen und Energieprojekten konkurrieren. Das sieht man bei Lithium-Projekten in Mali sowie bei Kernenergie-Initiativen auf dem ganzen Kontinent."
Russische Söldner in Afrika
Deutlicher als bei Handel und Investitionen zeigt sich die russische Präsenz in Afrika im Militärbereich. Seit der "Wagner-Gruppe" unterstützen russische Söldner insbesondere die Regime in den instabilen Staaten der Sahelzone. Dafür erhalten die mit ihnen verbundenen Strukturen Zugang zu Rohstoffen. Nach dem Tod des Gründers der "Wagner-Gruppe", Jewgenij Prigoschin, kamen die meisten dieser Operationen unter die Kontrolle des "Afrikakorps", einer Söldnertruppe, die Russlands Verteidigungsministerium geschaffen hat.
Laut dem Congressional Research Service, der Denkfabrik des US-Kongresses, befinden sich die größten russischen Militär-Kontingente in der Zentralafrikanischen Republik, in Mali und Libyen. Es handelt sich jeweils um mehrere tausend Mann. Das "Afrikakorps" will offenbar zudem seine Präsenz in Burkina Faso und Niger ausweiten. Auch in Äquatorialguinea wurden schon russische Söldner gesichtet.
Eine militärische Präsenz sei für Russland aus mehreren Gründen wichtig, betont Irina Filatova von der Universität Kapstadt. "Die Länder haben beträchtliche Vorkommen an Bodenschätzen wie Gold und Uran. Über sie lässt sich Einfluss auf die südlichen Grenzen Europas ausüben, unter anderem in Fragen der Migration und der regionalen Sicherheit. Was Libyen betrifft, so ist das Land als logistischer Knotenpunkt für Verbindungen zum Sahel und nach Zentralafrika von Bedeutung. Über Libyen lassen sich Lieferungen in Länder, die keinen Zugang zum Meer haben, bequem sicherstellen", so die Expertin.
Schließlich ist Russland weiterhin einer der größten Waffenlieferanten für afrikanische Länder, auch wenn die russischen Exporte im Laufe des Ukraine-Krieges zurückgegangen sind. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI) beziffert Moskaus Anteil am afrikanischen Markt für die Jahre 2021–2025 auf 15 Prozent - das ist der dritte Platz hinter den USA (19 Prozent) und China (17 Prozent). In dem Zeitraum 2020–2024 war Russlands Anteil noch höher: Mit 21 Prozent belegte es den ersten Platz, gefolgt von China mit 18 Prozent und den USA mit 16 Prozent.
Was sind Russlands diplomatische Ziele in Afrika
Russland ist für Afrika zwar kein bedeutender Wirtschaftspartner, aber aufgrund von Lieferungen von Nahrungs- und Düngemitteln sowie einer militärische Präsenz in einigen Ländern, ist Moskaus Einfluss in Afrika weitaus größer, als man allein anhand des Handels- und Investitionsvolumens vermuten würde, sagt Ivan Klyszcz vom ICDS.
"Russland misst dem diplomatischen Gewicht Afrikas, dem Kontinent mit den meisten Staaten, große Bedeutung bei. Für Moskau ist vor allem die Unterstützung afrikanischer Länder bei Abstimmungen in der UN-Generalversammlung wichtig. In letzter Zeit gelingt es Russland häufiger, sich diese Unterstützung zu sichern", sagt Fidel Owusu.
Ähnlicher Auffassung ist Irina Filatova: "Die Beziehungen zu Afrika sind für Russland als Beweis sehr wichtig, dafür, dass das Land nicht international isoliert ist. Die russische Führung will zeigen, dass sie auf die Unterstützung eines beträchtlichen Teils der Welt zählen kann, und die afrikanischen Staaten spielen dabei eine große Rolle."
Wahrnehmung Russlands in Afrika
In den letzten Jahren positioniert sich Russland auf der internationalen Bühne als Vertreter der Interessen des Globalen Südens und stellt diesen dem Westen gegenüber, wobei es unter anderem auf das koloniale Erbe verweist.
"Wir wollen mit Afrika zusammenarbeiten, wir arbeiten zusammen und werden weiterhin zusammenarbeiten, allerdings nicht so, wie es die Kolonialherren taten, um an Afrika zu verdienen oder dem Kontinent etwas zu rauben, sondern um uns gemeinsam weiterzuentwickeln", so Russlands Präsident Wladimir Putin jüngst bei einer Tagung des Expertenklubs Waldai.

In manchen Ländern finden Verweise auf die koloniale Vergangenheit Anklang, in anderen nicht, sagt Irina Filatova: "Afrika ist kein Land, sondern ein Kontinent. Es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung Russlands sowie in der Art und Weise, wie Russland sich selbst positioniert. Zudem unterscheiden sich die Ansichten der politischen Eliten oft erheblich von denen der einfachen Bürger. In Südafrika beispielsweise wird das russische Narrativ durchaus positiv aufgenommen. In anderen Ländern ist eine antikoloniale Agenda zwar ebenfalls populär, doch wird sie nicht zwangsläufig mit Russland in Verbindung gebracht."
Beverly Ochieng zufolge setzt Russland auch "Soft Power" ein, etwa mit Kulturzentren oder Ausbildungsprogrammen für Journalisten, die auch eine ideologische Schulung umfassen. Gegenüber Russland ließen sich die afrikanischen Staaten aber in erster Linie von eigenen strategischen Interessen leiten, so Ochieng.
Betrachtet man beispielsweise die Dokumente der Afrikanischen Union, des größten Integrationsverbunds des Kontinents, so werden darin wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Investitionen als Hauptziele genannt, nicht aber eine Konfrontation mit dem Westen. In diesen Bereichen bietet Russland bislang den afrikanischen Ländern keine Möglichkeiten, die mit denen anderer Akteure vergleichbar sind, betont Ivan Klysch.
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