Sieben Jahre Straflager: Russisch-kanadischer Soziologe wegen "Landesverrat" verurteilt

Sieben Jahre StraflagerRussisch-kanadischer Soziologe wegen "Landesverrat" verurteilt
16.09.2026, 19:43 Uhr

Er hat angeblich für die EU spioniert und Befreiungsbewegungen organisiert: Der Wissenschaftler Nikolaj Sjusew wird in Russland als "Landesverräter" zu langjähriger Haft im Straflager verurteilt. Menschenrechtsorganisationen sehen den 70-Jährigen als politischen Gefangenen.
In einem umstrittenen Prozess wegen angeblichen Landesverrats hat ein russisches Gericht den Wissenschaftler Nikolaj Sjusew zu sieben Jahren Haft im Straflager verurteilt. Der Soziologe mit kanadischer und russischer Staatsbürgerschaft sei wegen Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen im Ausland vom Obersten Gericht der Republik Komi in Syktywkar verurteilt worden, teilte der Inlandsgeheimdienst FSB mit. Menschenrechtler haben den 70-Jährigen, der sich für die Rechte ethnischer Minderheiten in Russland einsetzt, als politischen Gefangenen und damit als Opfer von Justizwillkür eingestuft.
Der FSB nannte mehrere internationale Organisationen, darunter auch deutsche, die in Russland für unerwünscht erklärt worden sind. Auf Anfrage konnten die vom FSB namentlich genannten deutschen Organisationen zunächst nicht bestätigen, dass der Soziologe auch für sie tätig gewesen sei. Laut FSB soll Sjusew gegen die Sicherheit und territoriale Unversehrtheit der Russischen Föderation gearbeitet haben. Die Ermittler meinten, Sjusew würde ein Projekt entwickeln, dass "die Ausbildung nationaler Befreiungsbewegungen indigener Völker der Russischen Föderation im Ausland, die Verbreitung extremistischer Materialien, sowie das Sammeln und Analysieren von Informationen im Auftrag von Regierungsbehörden der EU" beinhaltet.
Laut russischen Medien war der Professor 2008 nach Kanada ausgewandert, wo er auch die Staatsbürgerschaft erhielt. Gleichwohl habe er seine Heimat immer wieder besucht - und sei dabei 2025 festgenommen worden. Der FSB warf ihm unter anderem vor, im Auftrag von Stellen im Ausland, darunter in der EU, Analysen erstellt und Material gesammelt zu haben, die der Souveränität Russlands schaden. Er soll dafür angeblich zwei Millionen Euro von insgesamt zwölf ausländischen Organisationen erhalten haben.
Die in Russland verbotene Menschenrechtsorganisation Memorial verwies in einem Beitrag zu dem umstrittenen Gerichtsurteil auch auf einen Artikel des Soziologen in dem kanadischen Nachrichtenmagazin "Macleans" von 2023 hin. Darin kritisierte Sjusew die Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er sprach sich unter anderem für die Stärkung der Rechte der indigenen Völker Russlands aus. Daher dürften auch die Vorwürfe des FSB rühren, dass Sjusew mit seiner Arbeit auf einen Zerfall Russlands hingearbeitet haben soll.
In einem deutschen Zeitzeugen-Projekt kritisierte er zudem, dass Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine die Sprecher ethnischer Minderheiten vernichte. Oftmals sind die Vertreter kleinerer Ethnien im Vielvölkerstaat Russland überdurchschnittlich davon betroffen, Männer für den Kriegseinsatz an die Front zu schicken.
Memorial und andere Menschenrechtsorganisationen kritisieren immer wieder, dass der FSB Strafverfahren als Mittel der Abschreckung und Einschüchterung inszeniere. Memorial hat mehr als 1300 Inhaftierte in Russland als politische Gefangene eingestuft.
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