Neues Album "Schatzhauser": Reinhard Mey - jetzt ganz wahrhaftig?!

Neues Album "Schatzhauser"Reinhard Mey - jetzt ganz wahrhaftig?!
25.09.2026, 15:56 Uhr
Von Karl Masuch
Sie besitzen ein Album von Reinhard Mey? Oder gleich mehrere? Dann müssen Sie jetzt ganz stark sein: Auf keinem dieser Alben ist der Liedermacher "wahrhaftig"! Jedenfalls nicht so "wahrhaftig" wie auf seinem neuen Longplayer - meint zumindest seine Plattenfirma.
"Schatzhauser" hat Reinhard Mey sein 30. Studio-Album betitelt. In zwölf neuen Liedern gibt der Berliner Barde einmal mehr Einblick in seine Lebens- und Gedankenwelt. Stets mit der Aura des freundlichen Nachbarn, der über den Gartenzaun hinweg ein paar Neuigkeiten mitteilt und dabei ständig zwischen ernsthaftem Statement und banalem Ulk mäandert.
Also, alles wie immer? Alles wie seit seinem ersten Album, das vor beinahe 60 Jahren erschien? Nicht ganz. Auf "Schatzhauser" ist im Wesentlichen nur Mey zu hören: seine Stimme, sein Gitarrenspiel. Auf den Einsatz sonstiger Instrumente beziehungsweise Musiker hat er verzichtet.
Für Meys Plattenfirma Universal Music ein Grund zum Jubeln: "Mit diesen zwölf neuen Liedern und der Art, wie er sie spielt und singt, gelingt dem sein gesamtes Lebenswerk hindurch immer so wahrhaftigem [sic!] Spielmann mit seinem 30. Album ein Maß an Wahrhaftigkeit, das eine noch weitere Steigerung völlig undenkbar erscheinen lässt. Mehr geht nicht, noch mehr geht einfach nicht." Heißt also im Umkehrschluss: Die 29 vorherigen Studio-Alben können es in puncto Wahrhaftigkeit mit "Schatzhauser" nicht aufnehmen!
Lobpreisung versus Hörerlebnis
Verkorkster und abwegiger lässt sich Meys neues Album kaum anpreisen. Sicher, seine Solo-Performance im Studio, die Reduzierung auf Stimme und Gitarre (wie in seinen Konzerten) ist dazu geeignet, eine größere Nähe oder Unmittelbarkeit zu suggerieren. Doch weder er selbst noch seine Lieder werden dadurch wahrhaftiger.
Die Lobpreisung von Universal Music täte wenig zur Sache, stünde sie nicht dem Hörerlebnis so diametral entgegen: Zahlreiche Lieder auf "Schatzhauser" klingen erschreckend undifferenziert, charakterlos, einfältig - eine Folge fehlender Arrangements beziehungsweise abwechslungsarmer Instrumentierung. Meys Stimme (inzwischen die eines Hochbetagten) und sein Gitarrenspiel (lediglich zweckdienlich) können das Album allein nicht tragen.
"Mimi la moustache", eine köstliche Story inklusive herzerweichender Pointe über "Tante Mimi" in Paris, und "s isch guet gsi", die feinsinnige Beschreibung einer läuternden Begegnung mit einem Weggefährten, sind schmerzliche Beispiele für qualitativ gute Songs, denen jene nuancierte, behutsame Gestaltung fehlt, wie sie etwa mehrere Jahrzehnte lang Manfred Leuchter als Arrangeur und Produzent der Mey’schen Lieder übernommen hat. Man denke an die so erzielte Wirkung von Stücken wie "Einhandsegler" (2000), "Sommerende" (2004) und "Drachenblut" (2010).
Kontemplative Stimmung
Abschied und Tod sind Themen, die Mey bereits seit seinen Anfängen in Form von Liedern verarbeitet. Auf "Schatzhauser" sind sie - bisweilen indirekt - präsenter denn je, etwa in "Zwei Köfferchen", "Mein Wald", "Abendlied", "Wo sind all meine Freunde hin" und "Kinderlied".
Auch fallen mehrere Referenzen zu älteren Liedern des nunmehr 83-Jährigen auf: Gleich zu Beginn des Albums fällt das Wort "Domino" - ein Hinweis auf den gleichnamigen Schlager von Gerhard Wendland aus dem Jahr 1952. Ihn hatte Mey in der ersten Strophe seines Songs "Gib mir Musik" (1996) schon mal besungen, ohne ihn damals jedoch explizit zu benennen. Die "Luftaufsichtsbaracke" aus "Über den Wolken" (1974) findet auf "Schatzhauser" genauso Erwähnung wie "Viertel vor sieben" (1998) und - ganz am Schluss - "51er Kapitän" (1994).
All dies verleiht dem Album eine kontemplative Stimmung, die sich auch im "Schatzhauser"-Artwork symbolisch wiederfindet: Mey an einem stillen See, vom Betrachter abgewandt, dem Sonnenuntergang entgegensehend. (Neu ist diese Idee indes nicht: Kenner mögen sich an das Album "Even Now" von US-Schmusesänger Barry Manilow aus dem Jahr 1978 erinnert fühlen.)
"In meinem Garten"
Als Dreingabe hat Mey sein Lied "In meinem Garten" - ursprünglich auf seinem dritten Studio-Album "Aus meinem Tagebuch" (1970) veröffentlicht - neu aufgenommen. Laut Plattenfirma handelt es sich dabei um einen "Gruß an Aykut Anhan, besser bekannt als Haftbefehl."
Weiter heißt es: "Dass dieses uralte Lied durch das Zitat in der erfolgreichen Dokumentation 'Babo - die Haftbefehl-Story' plötzlich in den Single-Charts auf Platz 15 auftauchte, ist ein amüsanter Effekt modernen Musikkonsums, mehr nicht. Der Grund, das Lied noch einmal neu aufzunehmen, war die Erkenntnis, dass alle Zielgruppen-Analysen wichtigtuerischer Unsinn sind und wir endlich aufhören sollten, in gestanzten Klischees zu denken."
Wer diese - ganz wahrhaftige! - Begründung glauben möchte, der möge das tun.
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