Formel 1 in Ruanda: Sportswashing oder Chance für Afrika?
Ruandas Sportportfolio wächst weiter: Das Land hat bestätigt, ab Anfang der 2030er-Jahre Formel-1-Rennen auszurichten. Die Strecke soll in Bugesera nahe dem internationalen Flughafen von Kigali entstehen, an dem Qatar Airways, selbst Sponsor der Formel 1, zu 60 Prozent beteiligt ist.
"Als Afrikanerin zu erleben, dass das tatsächlich zu meinen Lebzeiten geschieht, macht mich unglaublich glücklich. Das letzte Formel-1-Rennen in Afrika auf der Strecke von Kyalami (in Südafrika, Anm. d. Redaktion) fand statt, bevor ich geboren wurde", sagte die südafrikanische Moderatorin und Content Creatorin Nqobile Khwezi gegenüber Sky Sports. "Der Formel-1-Welt und ihrem Publikum wieder einen Eindruck davon zu vermitteln, was Afrika zu bieten hat, wäre großartig."
Auch die Formel 1 selbst hebt die Chancen für das Gastgeberland hervor. "Mit diesem Rennen haben wir die Möglichkeit, die Begeisterung für die Formel 1 zu unseren mehr als 100 Millionen Fans in Afrika zu bringen. Wir sind fest davon überzeugt, dass Sport eine positive Kraft für gesellschaftlichen Wandel sein kann", erklärte ein Sprecher der Rennserie gegenüber "The Athletic".
Die DW bat das ruandische Sportministerium um eine Stellungnahme, erhielt jedoch trotz Zusage keine Antwort.
Kagame setzt weiter auf Sport
Für Ruandas Präsidenten Paul Kagame kommt das Engagement im Sport nicht überraschend. In den vergangenen Jahren investierte er verstärkt in den europäischen Fußball und die nordamerikanische Basketballliga NBA. Ruanda war zeitweise sogar Sponsor des FC Bayern München. Nach Kritik von Fans und Medien beendete der Bundesligist jedoch im vergangenen Jahr die kommerzielle Zusammenarbeit mit der ruandischen Tourismusmarke "Visit Rwanda".

Da Kagame und seine Regierung von vielen Beobachtern des Sportswashings bezichtigt werden, wirft das Engagement der Formel 1 neue Fragen auf. Die Rennserie wird laut dem Sportwirtschaftsportal Sportico auf rund 34 Milliarden US-Dollar (etwa 30 Milliarden Euro) geschätzt.
"Dieses Abkommen kann zwar positive wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen für Afrika haben. Gleichzeitig sollten wir die Realität in Ruanda nicht aus den Augen verlieren", sagte Lewis Mudge, Direktor für Zentralafrika bei Human Rights Watch (HRW), der DW.
Die Menschenrechtsorganisation habe die Formel 1 bereits im Februar 2025 angeschrieben und gefragt, wie die Rennserie die menschenrechtlichen Auswirkungen ihrer Aktivitäten bewerte, insbesondere im Zusammenhang mit Ruandas Bewerbung um einen Grand Prix. Eine Antwort habe es nicht gegeben.
Mudge fordert deshalb, dass die Formel 1 die Menschenrechtslage sorgfältig prüft, bevor sie Rennen in Ruanda endgültig genehmigt.
"Ruanda hat wie andere Staaten in der Vergangenheit hochkarätige Sportveranstaltungen genutzt, um von seiner katastrophalen Menschenrechtsbilanz abzulenken", sagte er. Zudem sei das Land maßgeblich an der Unterstützung der M23-Rebellengruppe im Osten der Demokratischen Republik Kongo beteiligt. Ruandische Streitkräfte würden mit Vertreibungen und Todesfällen von Zivilisten in Verbindung gebracht, die gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen könnten.
Menschenrechtler: "Ruanda ist brutale Diktatur"
Auch Mohamed Keita von der Human Rights Foundation begrüßt grundsätzlich die Rückkehr der Formel 1 nach Afrika, sieht die Wahl des Gastgeberlandes jedoch kritisch.
"Dass die Formel 1 den zweitgrößten Kontinent der Welt drei Jahrzehnte lang aus ihrem Rennkalender ausgeschlossen hat, ist an sich schon nicht zu rechtfertigen und ein Makel für einen Sport, der sich als global versteht", sagte Keita der DW.
Gleichzeitig bezeichnete er die Entscheidung für Ruanda als "äußerst umstritten".
"Ruanda ist eine brutale Diktatur. Gegen das Regime bestehen teilweise US-Sanktionen wegen seiner militärischen Aktivitäten im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Ruanda unterstützt und finanziert eine Miliz, die an Vergewaltigungen, Massakern, Zwangsrekrutierungen und der gewaltsamen Ausbeutung von Rohstoffen beteiligt ist."
Nur Ruanda oder auch Südafrika?
Die Formel 1 verfügt über eine lange Geschichte auf dem afrikanischen Kontinent. Bereits 1958 wurde ein Rennen in Marokko ausgetragen. Zuletzt gastierte die Rennserie 1993 auf dem Kyalami Circuit bei Johannesburg. Viele frühere Rennen in Südafrika standen jedoch im Schatten der Apartheidpolitik.
Obwohl Ruanda den Zuschlag zuerst erhalten hat, ist Südafrika überzeugt, schon vor dem Jahr 2030 wieder ein Formel-1-Rennen austragen zu können. Als Ruanda seine Pläne bekannt gab, gratulierte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa in den sozialen Medien und sprach von einer Anerkennung der Fähigkeiten Ruandas und des gesamten afrikanischen Kontinents.
Auch Südafrikas Sportminister Gayton McKenzie gratulierte, fügte jedoch selbstbewusst hinzu: "Südafrika wird die Formel 1 bekommen, sogar noch vor 2030."
Tatsächlich wäre die Austragung eines Rennens in Südafrika deutlich günstiger und schneller umzusetzen, da dort bereits eine geeignete Infrastruktur vorhanden ist.
Die Chance auf ein Vermächtnis
Unabhängig vom Austragungsort bietet die Rückkehr der Formel 1 die Möglichkeit, ein langfristiges Vermächtnis zu schaffen. Motorsport ist bis heute ein Bereich, in dem die meisten Entscheidungsträger, Teamchefs, Ingenieure und Fahrer weiße Männer sind. Die Hoffnung lautet, dass ein stärkeres Engagement in Afrika dazu beitragen könnte, diese Ungleichgewichte abzubauen.

"Der eigentliche Wert eines Formel-1-Rennens liegt darin, Bildung in den MINT-Fächern zu fördern, technologische Kompetenzen zu entwickeln, junge Mädchen und Frauen zu inspirieren und Chancengleichheit zu schaffen. Wenn genau das das Ziel ist und sich umsetzen lässt, dann sage ich Ja zur Formel 1 in Afrika", sagte die südafrikanische Sportevent-Expertin Kamilla Swart-Arries bereits 2024 der DW.
Teurer Sport in armem Land
"Ich hoffe, dass die Formel 1 zusätzliche Investitionen in die Entwicklung afrikanischer Talente im Motorsport prüft. Die Serie könnte viel Gutes bewirken, wenn sie den Sport in Afrika wirklich voranbringen will. Im Moment ergibt Ruanda allerdings wenig Sinn, es sei denn, man tut es vor allem zum Vorteil eines einzelnen Autokraten und wegen der reizvollen Hügellandschaft."
Zudem verweist Keita auf die wirtschaftliche Realität des Landes: "Hier soll die teuerste Sportart der Welt in eines der ärmsten Länder der Welt gebracht werden. Ruanda wird von den Vereinten Nationen regelmäßig zu den 25 am wenigsten entwickelten Staaten gezählt."
Die Rückkehr der "Königsklasse" des Motorsports nach Afrika ist zweifellos ein bedeutender Moment für Ruanda und den gesamten Kontinent. Sie wirft Fragen über die Rolle des Sports in der Außenwirkung von Präsident Kagame auf, eröffnet aber zugleich die Chance, nachhaltige Impulse für Bildung, Technologie und Teilhabe zu setzen.
Anders als auf der Rennstrecke wird der Erfolg dieses Projekts nicht davon abhängen, wer am schnellsten ist, sondern davon, wer die Gelegenheit am besten nutzt.
Dieser Text wurde aus dem englischen Original "Formula One in Rwanda: More sportswashing or opportunity for Africa?" adaptiert.
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