Das deutsche „Star Trek“: 60 Jahre „Raumpatrouille Orion“
Vor 60 Jahren: Nur eine Woche nach der ersten Folge von „Raumschiff Enterprise“ antwortet die ARD mit „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“. Das ist freilich ein Zufall. Nach dem Start des Sputnik (1957) und dem ersten bemannten Flug ins All durch Juri Gagarin (1961) liegt das Thema buchstäblich in der Luft.
Erstaunlich sind jedoch die vielen Gemeinsamkeiten der beiden voneinander unabhängig erdachten Produktionen. Beide Serien sind teuer – bei „Orion“ so teuer, dass die Bavaria einen Co-Produzenten sucht und ihn im französischen Gegenstück der ARD findet. Für „Commando Spatial“ werden einige Szenen mit französischen Darstellern wiederholt.
Beide Serien heißen nach einem Raumschiff. Mittelpunkt beider Serien ist eine großzügige runde Brücke. Besonders rund: Der putzige Bordcomputer der Orion, der einem Fabergé-Ei gleicht. Die Schiffe werden durch eine internationale Crew gesteuert, der auch Frauen angehören. Selbst die Kapitäne der Raumschiffe ähneln sich: Cliff Allister McLane und James T. Kirk sind zupackende, charismatische Anführer, die Regeln nicht sklavisch befolgen, sondern sie notfalls beugen – und den Kopf hinhalten, wenn es darauf ankommt. Für Dietmar Schönherr und William Shatner wird es ihre populärste Rolle.
Raumpatrouille Orion (7 Bilder)

Doch es gibt auch Unterschiede bei den Serien. Der augenscheinlichste: „Star Trek“ strahlt bereits in Farbe, während „Raumpatrouille“ in Schwarz-weiß gedreht wird. Das Farbfernsehen in Deutschland startet erst ein knappes Jahr später. Das tut dem Erfolg keinen Abbruch. Während „Star Trek“ von Anfang an mit schwachen Quoten zu kämpfen hat, ist „Raumpatrouille“, das alle zwei Wochen Samstagabend nach der Tagesschau läuft, ein „Straßenfeger“ mit bis zu 56 Prozent Marktanteil. Na ja, 1966 gibt es in der Bundesrepublik gerade mal zwei Fernsehsender (plus DFF in der DDR). Die Serie wird unzählige Male wiederholt und läuft auch hin und wieder auf der großen Leinwand – 2003 erscheint sogar mit „Rücksturz ins Kino“ ein Kinofilm, der aus Zusammenschnitten der Serienfolgen besteht.
Die Einleitung
Beide Serien beginnen mit gesprochenen Einleitungen, die sich auf den ersten Blick ähneln. Bei „Raumschiff Enterprise“ weicht die deutsche Version vom Original ab, das unter anderem gar kein Jahr nennt. „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
„Final Frontier“ wird mit „unendliche Weiten“ übersetzt. Tatsächlich sind unbekannte Weiten gemeint. „Star Trek“ führt die Eroberung des Wilden Westens im All fort. Die Orion hat ein anderes Ziel: „Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen: Es gibt keine Nationalstaaten mehr. Es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum. Man siedelt auf fernen Sternen. Der Meeresboden ist als Wohnraum erschlossen. Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Raumschiffe unser Milchstraßensystem. Eins dieser Raumschiffe ist die Orion, winziger Teil eines gigantischen Sicherheitssystems, das die Erde vor Bedrohungen aus dem All schützt. Begleiten wir die Orion und ihre Besatzung bei ihrem Patrouillendienst am Rande der Unendlichkeit.“
Das Expeditionsschiff Enterprise fliegt über die Grenzen – das Patrouillenschiff Orion fliegt entlang der Grenzen.
Die Entstehung
Der Schöpfer der Serie, Rolf Honold, reicht bereits 1962 ein Konzept bei der Bavaria Film ein. Bis zum Drehstart 1965 dauert es noch drei Jahre, um die Drehbücher zu schreiben und die Sets und Modelle zu bauen. „Orion“ ist von vornherein als Miniserie mit abgeschlossenem Ende ausgelegt. Sicher denkt man über eine Verlängerung nach, doch die Dreharbeiten sind durch die vielen Sets und Spezialeffekte sehr teuer.
Und die haben es in sich. Man weiß gar nicht, wohin man im Casino zuerst hinschauen soll. Auf die organischen Formen des Space-Art-Designs? Auf den entrückten Gruppentanz Galyxo? Doch eher auf die riesigen Fische, die hinter den großen Glasscheiben schwimmen. Sie werden im Aquarium des Berliner Zoos gedreht. Um sie in die Serie einzufügen, hängt man an die gedachten Glasscheiben blaue Tücher (weswegen man diese Szenen in Farbe dreht), die in der Nachbearbeitung wie Löcher wirken. An die Stellen kopiert man die Fische.
Andere Tricks sind viel simpler. So entsteht der Sprudeleffekt beim Start der Orion, indem man Brausetabletten auflöst. Die Kamera steht auf dem Kopf, dadurch sprudelt es nach unten. Das Raumschiff ist hier ein einfaches Foto, auf eine Glasplatte geklebt. Der Strudel beim Aufstieg aus dem Wasser wird in der Versuchsanlage für Wasserdynamik der TH München gedreht.
Von Trash kann aber keine Rede sein. Einige der renommiertesten Effekte-Künstler arbeiten an der Serie. Darunter Theo Nischwitz, seit 1949 Leiter der Trickabteilung der Bavaria und beteiligt an Filmen wie „Das Boot“. In den Hallen der Bavaria Studios entstehen die zahlreichen Bauten: das Raumschiff und sein Beiboot (Lancet), Sitzungssäle, das Casino, die Wohnräume. Um günstig an futuristische Requisiten zu gelangen, studiert man Versandkataloge für die Industrie und bestellt Dinge, die passend aussehen, Schalter, Armaturen, Feinminenspitzer, Rechenschieber und natürlich das berühmte Bügeleisen.
Die Musik
Die fesche Musik stammt von Peter Thomas, einem der ganz großen Fernseh-Komponisten. Und einem schnellen: Er schreibt für Hunderte von Produktionen die Melodien. Aus seiner Feder stammt auch der Soundtrack für zahlreiche Krimis nach Motiven von Edgar Wallace und Jerry Cotton. Für „Raumpatrouille“ schwebt ihm „Musik vom Mond“ vor. Und er schafft eine Art avantgardistischen Weltraum-Jazz. Mal schrill, mal psychedelisch. Sie erscheint sogar als Langspielplatte, was damals ungewöhnlich ist: Typischerweise wird bei Filmen und Serien nur eine Single mit dem Titelsong veröffentlicht.
Die Bavaria weiß um ihren Schatz. 2023 lässt sie die 35-mm-Filmrollen mit ihren 630.000 Einzelbildern scannen und aufhübschen, um die Serie auf Blu-ray und in 4K zu veröffentlichen. 2021 machen Berichte um eine Fortsetzung die Runde, doch seitdem ist es ruhig um das Vorhaben geworden.
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