Neue Handlanger hinter Gittern: Mafia bildet im Gefängnis ihren Nachwuchs aus

Neue Handlanger hinter GitternMafia bildet im Gefängnis ihren Nachwuchs aus

Die organisierte Kriminalität kennt keine Auszeit. Auch nicht im Gefängnis. Die Geschäfte müssen weitergehen und auch an die Zukunft muss gedacht werden. Deswegen kommen junge Mafiosi fachkundig aus der Haft.
Italien hat als Heimatland der Mafia notgedrungen einen der besten strafrechtlichen Rechtsrahmen zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens entwickelt. Trotzdem finden die Clans immer wieder neue Wege, zu wachsen und Handlanger anzuheuern.
Dabei ist egal, ob es sich um die Bosse der sizilianischen Cosa Nostra, der kalabrischen 'Ndrangheta oder der neapolitanischen Camorra handelt. Auch wenn sie in einem Hochsicherheitstrakt einsitzen, gelingt es ihren Bossen immer wieder, Wege zu finden, um ihren Geschäften nachzugehen und ihre Leute draußen unter Kontrolle zu halten. Und nicht nur das.
Maurizio De Lucia ist Hauptstaatsanwalt in Palermo. Wenn die Italiener seinen Namen hören, wissen sie sofort, von wem die Rede ist. Denn auch dank seiner Arbeit wurde am 16. Januar 2023 der Mafia Boss Matteo Messina Denaro verhaftet, nach dem 30 Jahre lang gefahndet worden war.
In einem Interview wies De Lucia unlängst darauf hin, dass nicht selten die Sträflinge, nachdem sie ihre Haft abgesessen haben, besser geschult in die Freiheit entlassen werden, als sie einst ins Gefängnis gekommen sind. Und mit Schulung ist das "Mafia-Business" gemeint.
Arme Schlucker und kriminell Veranlagte
Aber wie muss man sich diese Mafia-Schule hinter Gitter vorstellen? De Lucia unterscheidet im Gespräch mit ntv.de zwischen zwei Häftlingstypen, die den Mafia-Bossen auf verschiedene Weise zugutekommen. Da ist zum einen der arme Schlucker, sprich der kleine Drogendealer und Drogenabhängige, der eine medizinische Behandlung statt einer Haftstrafe bräuchte. "Als starke Individuen bezeichne ich wiederum jene, die auf die eine oder andere Weise schon einer 'famiglia' angehören und/oder eine kriminelle Veranlagung haben", fährt De Lucia fort. "Die inhaftierten Bosse schauen da genau hin."
Außerdem sind Letztere meistens sehr jung. Deswegen geraten sie, trotz Kontrollen und Bemühungen seitens der Gefängnispolizei, nicht selten in die Fänge der Älteren oder schließen sich ihnen freiwillig an. Denn der Mafioso übt auf sie eine gewisse Faszination aus und kann ihnen Schutz gewähren.
Die "Ausbildung", wenn man das so sagen kann, differenziert sich je nach Veranlagung. Diejenigen, die intelligent, schnell und aufnahmefähig sind, die sich beim Kontakte knüpfen geschickt anstellen und auf eigenen Füßen stehen können, werden Schritt für Schritt in die Organisation eingeführt.
Die Schwächeren dienen stattdessen als Fußvolk und werden für einfache Dienstleistungen eingeteilt. "Zum Beispiel um die Handys zu verstecken", erklärt der Staatsanwalt. "Die Mafia-Bosse behalten die Handys nicht in ihren Zellen, das machen die Sträflinge, die wegen kleiner Verbrechen in Haft sind und dem Boss den Dienst nicht verweigern können."
Die Tentakel der Piovra
Leidet die organisierte Kriminalität unter einem "Personalmangel", dass sie auf die Gefängnisse ausweichen muss? "Jein", antwortet De Lucia. "Von der Qualität her, das heißt, der Führung, gibt es ein Problem. Die Mafia-Prozesse enden mittlerweile meistens mit hohen und strengen Haftmaßnahmen. Das heißt, es gibt weniger Bosse auf freiem Fuß. Und die Jungen, die heranwachsen, identifizieren wir schnell und verhaften sie. Was die Menge der Mitglieder betrifft, gibt es jedoch kein Problem. Angesichts der zahlreichen desolaten und verwahrlosten Gebiete hierzulande sind leider viele Jugendliche bereit, in eine dieser kriminellen Organisationen einzutreten."
Und unter diesen jungen Mafiosi finden sich auch Minderjährige. Aus dem Report "(Dis)armati", "(Un)bewaffnet", von Save the Children Italien, der in diesem Frühjahr erschienen ist, geht hervor, dass die Zahl der Minderjährigen, die sich den Mafia-Organisationen angeschlossen hat, gestiegen ist. 2024 waren es 49, die deswegen angezeigt oder verhaftet worden waren. Eine Zahl, die im Trend der Erhebungen der letzten zehn Jahre stand. Ganz anders hat es sich im Jahr 2025 verhalten, allein im ersten Halbjahr zählte man 46.
Was die Rekrutierung im Gefängnis betrifft, erweist sich der schon erwähnte Hochsicherheitstrakt als besonders aktiv und demzufolge problematisch. "Dort sitzen Mafiosi, die blutige und schwere Verbrechen begangen haben, aber nicht in Isolierungshaft sind", erklärt der Staatsanwalt. Zwar unterliegen sie strengen Restriktionsmaßnahmen, sowohl was Kontakte mit den anderen Sträflingen als auch Besuche betrifft, "trotzdem schaffen sie es, ihre Kontakte innerhalb und außerhalb des Gefängnisses zu pflegen". Mit ihren Tentakeln finden sie immer einen Weg, deswegen heißt die Mafia in Italien auch "Piovra", Krake.
Was passieren muss
Um die Mafia-Schulung während der Haft zu unterbinden, bräuchte es mehr Aufsichtspersonal in den Vollzugsanstalten und menschenwürdigere Haftbedingungen beziehungsweise Strukturen. Die italienische Verfassung schreibt zwar vor, dass zu den Zielen der Haft auch die Rehabilitierung gehört. Doch die Haftanstalten sind komplett überfüllt.
Letzte Erhebungen des Justizministeriums vom 30. Juni bestätigten den in vielen Fällen verheerenden Zustand der Strafvollzuganstalten: Bei einer Kapazität von 51.180 Plätzen zählte man 64.773 Personen in Haft. Da bleibt die Rehabilitation auf der Strecke, die Mafia-Bosse haben leichtes Spiel.
Und dann ist da noch das Thema junge Generation: Die Bekämpfung der gesellschaftlichen Verwahrlosung müsste für jede Regierung gleich welcher Couleur eine der wichtigsten Aufgaben sein. Sonst hat die Mafia immer die besseren Karten.
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