«Ich würde nie jemanden wählen, der mir die Waffe verbieten will»

- Sonya (58) und Danielle (29) schiessen in Madison, Wisconsin, gemeinsam in der Frauengruppe «A Girl & A Gun».
- Sonya wählte zweimal Obama, kehrte den Demokraten aber den Rücken, weil die Partei ihr zu weit links steht.
- Danielle wünscht sich vor den Midterms mehr Demokraten im Kongress und würde schärfere Waffenregeln akzeptieren.
Im Fitnessstudio scheppern die Gewichte. Vor allem Männer stemmen Hanteln, daneben wird geboxt und Brazilian Jiu-Jitsu trainiert. Mittendrin steht Sonya, klein und durchtrainiert. Dass sie sich wehren kann, glaubt man der 58-Jährigen sofort. Doch manchmal reiche das nicht. «Wenn Messer oder Schusswaffen ins Spiel kommen, ändert sich alles.»
Deshalb gibt sie in einem kleinen Raum ihres Studios auch Waffenkurse. Sie leitet die Madison-Gruppe von «A Girl & A Gun», in der sich rund 20 Frauen monatlich zum Schiessen treffen. Ältere Konservative seien dabei, junge Progressive ebenfalls. Was sie politisch trenne, spiele auf dem Schiessstand eine kleinere Rolle als das, was sie verbinde: der Wunsch, sich selbst verteidigen zu können. «Und die Freude am Schiessen.»
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«Auf den Tisch kam, was der Vater auf der Jagd erlegte»
Für Sonya gehören Schusswaffen seit ihrer Kindheit dazu. Sonya wuchs in West Virginia auf. Zu Hause sei auf den Tisch gekommen, was der Vater auf der Jagd erlegte. «Als ich noch zu klein war, um mitzulaufen, trug er mich auf den Schultern.» Mit zehn habe sie ihre erste eigene Flinte bekommen.
Eine Nacht sei ihr besonders in Erinnerung geblieben – und präge bis heute ihr Verhältnis zu Waffen. Die Familie sei auf dem Heimweg gewesen, Sonya und ihre Schwester hätten auf dem Rücksitz geschlafen. Als das Auto anhielt, seien sie wach geworden. Auf der schmalen Bergstrasse habe ein Wagen den Weg blockiert, zwei Männer seien auf sie zugekommen. Ihr Vater habe sich die Pistole aus dem Handschuhfach geben lassen. Als die Männer die Waffe sahen, seien sie verschwunden. «Hätte mein Vater diese Waffe nicht gehabt, weiss ich nicht, was passiert wäre.»
Heute trage Sonya ihre Pistole an den meisten Tagen auf sich. Entspannter werde sie dadurch nicht, eher im Gegenteil. «Wer bewaffnet ist, muss aufmerksamer sein, Risiken meiden und alles daransetzen, die Waffe nie zu benutzen.»
«Mit einer Waffe fühle ich mich nicht selbstbewusster»
Diese Gedanken kennt auch Danielle. Die 29-Jährige ist ebenfalls Mitglied der Frauen-Schiessgruppe und trainiert in Sonyas Studio. «Wenn ich eine Waffe trage, fühle ich mich nicht selbstbewusster», sagt sie mit leiser Stimme. Stattdessen beschäftigten sie plötzlich viele Fragen: Darf sie damit das Gebäude betreten? Wo könnte sie die Waffe sicher verstauen? Zeichnet sie sich unter der Kleidung ab?
Anders als Sonya sei Danielle nicht mit Waffen aufgewachsen. Erst ein Freund in North Carolina, der häufig eine bei sich trug, habe vor sechs Jahren ihr Interesse geweckt. Anfangs habe sie wenig damit anfangen können. Doch die Berichte über Schüsse in Schulen und Supermärkten hätten sie dazu gebracht, wenigstens den sicheren Umgang damit lernen zu wollen.
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«Als ich zum ersten Mal abdrückte, bin ich erschrocken»
Als sie zum ersten Mal selbst abdrückte, sei sie über den lauten Knall und darüber, dass sie gerade tatsächlich geschossen hatte, erschrocken. «Plötzlich wird einem bewusst, was man da in der Hand hält. Und dass man damit Menschen verletzen kann.» Dass daraus einmal ein Hobby werden würde, habe sie damals nicht gedacht.
Für ihr Studium der Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften zog Danielle nach Madison. Auf der Suche nach Anschluss sei sie auf Sonyas Gruppe gestossen. «Allein hätte ich mich auf dem Schiessstand nicht wohlgefühlt, als Frau wird man teilweise belächelt.»
Als schwarze Demokratin begeistert sie mit ihrem Hobby nicht alle
Mit ihrem Hobby stosse sie als schwarze Frau, die demokratisch wählt und sich in einem eher progressiven Umfeld bewege, nicht überall auf Verständnis. Manche hätten sie gleich kritisiert, statt zu fragen, was ihr das Schiessen bedeute. Deshalb erzähle sie vielen erst einmal gar nichts davon. «Mit einigen möchte ich das einfach nicht teilen, weil ich ihre Meinung dazu nicht hören will.»
Sonya habe ebenfalls lange demokratisch gewählt, zweimal für Barack Obama. Auch wegen seines Versprechens einer bezahlbaren Gesundheitsversorgung, die sie sich als Selbstständige noch immer wünsche.
Inzwischen fühle sie sich von den Demokraten nicht mehr vertreten. Nicht in erster Linie wegen der Waffen, betont sie, obwohl sie niemanden wählen würde, der diese ganz abschaffen wolle. «Die Partei ist mir zu weit nach links gerückt, gibt zu viel Geld aus und belastet Unternehmen wie meines mit immer höheren Steuern.» Sie selbst sehe sich eher als libertär: Persönliche Freiheit sei ihr wichtig, aber auch die Verantwortung für das eigene Handeln.
«Glaube weiterhin, dass Trump gute Absichten hat»
Trumps erste Amtszeit habe ihrem Unternehmen gutgetan, von den vergangenen knapp zwei Jahren sei sie dagegen enttäuscht. «Uns wurde versprochen, dass sich die Wirtschaft verbessert, dass wir nicht in einen weiteren Krieg ziehen und die Ausgaben sinken.» Stattdessen seien Benzin, Versicherungen und vieles andere teurer geworden.
Sie glaube zwar weiterhin, dass Trump gute Absichten habe. Aber er stosse mit seiner Art viele Menschen vor den Kopf. «Manchmal müsste er einfach aufhören zu reden.» Vor den Midterms fehle ihr die Überzeugung, dass eine der beiden Parteien die richtigen Antworten habe.
Danielle dagegen wünscht sich klar mehr Demokraten im Kongress. Trump zu unterstützen, käme für sie nie infrage, das hätten die vergangenen zwei Jahre nur noch untermauert. Vor allem stosse sie ab, wie er über Menschen spreche, die ohnehin wenig Gehör fänden: Arme, People of Color, Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. «Ich finde es nicht richtig, wenn sich ein politischer Anführer so verhält.»
«Kann nicht nur an mich und meine Waffen denken»
Dazu komme der Alltag, der immer schwerer zu finanzieren sei. Schon ein gewöhnlicher Arztbesuch koste mehr, Lebensmittel und Wohnen ebenfalls. Danielle wünsche sich Politiker, die dafür sorgten, dass Menschen nicht jede wache Stunde arbeiten müssten, um ihre Familie zu versorgen.
Dass die Republikaner ihre Waffenrechte stärker verteidigten, mache die Entscheidung manchmal widersprüchlich. «Aber ich kann nicht nur an mich und meine Waffe denken», sagt Danielle. Wenn die Demokraten gewisse Regeln verschärften, würde sie das akzeptieren, teils sogar verstehen – solange sie ihre Waffe weiterhin sicher besitzen und tragen könne.
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Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
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