Machtkampf im Weltall: So wappnet sich Deutschland
Kommunikation, Navigation, Aufklärung - auch die Bundeswehr ist längst abhängig von Satelliten. Deutschland investiert daher in eigene, widerstandsfähige Satellitennetze und neue Technologien.
30.09.2026 | 2:45 minLange galt der Weltraum vor allem als Ort für Forschung, Navigation und Kommunikation. Heute ist er längst Ort militärischer Interessen und strategischer Manöver geworden. Das Weltall als Kriegsschauplatz - das ist längst keine Science-Fiction-Vorstellung mehr. Satelliten liefern Aufklärung, ermöglichen militärische Kommunikation und helfen bei der Zielerfassung. Ohne sie stehen moderne Streitkräfte vor erheblichen Problemen.
Während die USA, China und Russland seit Jahren massiv in militärische Weltraumfähigkeiten investieren, versucht Deutschland nun aufzuholen. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat im vergangenen Jahr die erste Weltraumstrategie der Bundesregierung vorgestellt. Er plant bis Ende 2030 für die Wehrhaftigkeit und Abschreckung im Weltraum 35 Milliarden Euro zu investieren.
Politologin: "Wer den Weltraum kontrolliert, kontrolliert die Erde"
"Wer den Weltraum kontrolliert, kontrolliert die Erde", sagt die Politikwissenschaftlerin Antje Nötzold von der Universität der Bundeswehr München. Der Weltraum sei längst Teil moderner Kriegsführung geworden. Russland, China und die USA verfügten bereits über Fähigkeiten, gegnerische Satelliten zu stören, auszuspähen oder sogar auszuschalten, erklärt Nötzold.
Wir sind momentan nicht in der Lage, unsere Weltraumsysteme ausreichend zu schützen.
Antje Nötzold, Politikwissenschaftlerin
Deutschland müsse deshalb eigene Fähigkeiten aufbauen, um unabhängiger von amerikanischen Systemen zu werden. Denn bislang ist Europa in vielen Bereichen abhängig: beim Raketenbau, bei Raketenstarts, bei der Satellitenkommunikation und teilweise auch bei Aufklärungsdaten.
Deutschland arbeitet daran, eigene Trägerraketen ins All zu bringen. Warum das für Europas Unabhängigkeit wichtig ist.
19.06.2026 | 0:57 minStart-ups sollen Tempo machen
Eine Schlüsselrolle spielen dabei Unternehmen aus der sogenannten New-Space-Branche. Dazu gehört das Start-up Reflex Aerospace mit Sitz in Berlin und München. Mitbegründer Walter Ballheimer und sein Team von rund 140 Ingenieuren, Software-Entwicklern und Raumfahrttechnikern produzieren kleinere, leistungsfähige Satelliten - und zwar deutlich schneller als klassische Raumfahrtunternehmen.
Statt jahrelanger Entwicklungs- und Bauzeiten werden die waschmaschinengroßen Satelliten von Reflex Aerospace innerhalb eines Jahres gefertigt. Für Ballheimer ist klar: Die ehrgeizigen deutschen Weltraumprojekte lassen sich ohne Start-ups kaum umsetzen.
All diese Programme sind in der Zeit, die uns bleibt, überhaupt nicht zu stemmen, wenn man New-Space-Unternehmen nicht einbindet.
Walter Ballheimer, Raumfahrttechniker und CEO von Reflex Aerospace
Walter Ballheimer, CEO von Reflex Aerospace, produziert mit seinem Team kleine, leistungsstarke Satelliten, die in einem möglichen Krisenfall schnell einsetzbar sein sollen.
Quelle: ZDFBesonders wichtig sei dabei das Konzept des sogenannten "Responsive Space". Dahinter steckt die Idee, Satelliten im Krisen- oder Kriegsfall schnell ersetzen zu können. Denn moderne Weltraumsysteme werden angreifbarer.
Was einst reine Science-Fiction war, rückt zunehmend in den Fokus globaler Machtpolitik: ein möglicher Krieg im Weltall. Wie gut ist die Bundeswehr auf solch ein Szenario vorbereitet?
20.04.2026 | 43:54 minNach Einschätzung westlicher Geheimdienste arbeitet zum Beispiel Russland daran, einzelne seiner Satelliten mit einem nuklearen Sprengstoff zu bewaffnen, um feindliche Satelliteninfrastruktur zu zerstören. Fällt ein wichtiger Aufklärungssatellit aus, könnte auch die Bundeswehr wichtige Informationen verlieren.
Es ist besser, 30 oder 40 Prozent einer Fähigkeit kurzfristig ersetzen zu können, als komplett blind dazustehen.
Walter Ballheimer, Raumfahrttechniker und CEO von Reflex Aerospace
Im Start-up Reflex Aerospace werden Satelliten angefertigt.
Quelle: ZDF"DHL für den Weltraum"
Noch weiter denkt das Garchinger Start-up Delta Orbit, mitgegründet vom Raumfahrtingenieur Christian Bauer. Bauer und sein Team entwickeln Antriebssysteme für kleine bewegliche Satelliten und Raumtransporter - eine Art Weltraum-Transportdienst. Die Fahrzeuge von Delta Orbit, die künftig im Weltraum betankbar sein sollen, könnten mehrere Satelliten nach dem Raketenstart an ihre jeweiligen Einsatzorte im Orbit bringen.
Das Unternehmen Isar Aerospace hat eine Trägerrakete bei einem Testflug ins All geschickt und damit europäische Raumfahrtgeschichte geschrieben.
06.09.2026 | 0:19 minBauer beschreibt das Konzept als eine Art "DHL für den Weltraum". Die Transporter sollen künftig jeden Punkt im niedrigen Erdorbit innerhalb weniger Tage erreichen können. Obendrein könnte man Satelliten künftig länger einsetzen.
Große Satelliten haben meist eine Lebensdauer von etwa 15 Jahren. Wenn der Treibstoff zu Ende ist, werden sie zu Weltraumschrott. Wenn man kleinere Satelliten baut, die man im Orbit betanken kann, bekommt man mehr Lebensdauer und dadurch mehr Flexibilität.
Christian Bauer, Raumfahrtingenieur und Mitbegründer von Delta Orbit
Was zunächst futuristisch klingt, könnte für die Verteidigung entscheidend werden. Denn die Zukunft gehört nicht mehr einzelnen Großsatelliten, sondern ganzen Konstellationen aus Hunderten kleiner Satelliten. Wird einer beschädigt oder zerstört, müssen Ersatzsysteme schnell in Position gebracht werden.
Nicht nur Satelliten, auch die Industrie zählt
Für Ballheimer geht Wehrhaftigkeit aber über die Technik hinaus. Deutschland müsse auch sein industrielles Ökosystem stärken. "Resilienz wird nicht nur durch die Systeme im Weltraum bestimmt, sondern auch durch das Ökosystem am Boden", sagt der CEO von Reflex Aerospace. Wenn nur wenige Unternehmen Satelliten bauen können, entstünde eine neue Verwundbarkeit.
Die ArianeGroup zeigt ihre neue Raketenstufe und betont damit die militärische Nutzung von Raumfahrttechnik. Die Branche wittert viele Aufträge in Milliardenhöhe.
11.01.2026 | 2:00 minAuch Nötzold beobachtet einen Wandel: Traditionelle Rüstungsunternehmen kooperieren zunehmend mit jungen Raumfahrt Start-ups. Aus ihrer Sicht ist genau diese Mischung entscheidend: "In den Start-ups steckt unglaublich viel Innovation und Dynamik", so Nötzold.
Warum die Zeit bei der Aufrüstung im All drängt
Deutschland habe zwar inzwischen Geld, aber wenig Zeit, mahnen Raumfahrtexpertinnen wie Antje Nötzold. Die Bundesregierung will bis Ende des Jahrzehnts neue Kommunikationssatelliten, Aufklärungssysteme, Raketenfrühwarnsysteme und sogenannte Schutz- und Wächter-Satelliten aufbauen.
Doch zwischen politischen Ankündigungen und einsatzbereiten Systemen liegen oft langwierige Beschaffungsverfahren. Ballheimer kritisiert, dass noch immer viel Zeit in Ausschreibungen und Vergabeprozesse fließe. Die Innovationszyklen in der Raumfahrt seien inzwischen so kurz, dass Technologien beim Start teilweise schon wieder überholt seien.
Russland bedroht westliche Satelliten im All. Durch Störmanöver soll die Weitergabe von Aufklärungsdaten an die Ukraine verhindert werden. ZDFheute live analysiert.
02.06.2026 | 11:38 minDeutschlands Ziel: Mehr Unabhängigkeit im Weltall
Dass Deutschland die USA oder China im Weltraum kurzfristig einholen wird, ist unwahrscheinlich. Dafür ist der Vorsprung zu groß. Allein das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk betreibt inzwischen Tausende Satelliten und startet mehrmals pro Woche neue Systeme ins All.
Das Ziel ist deshalb zunächst ein anderes: mehr Unabhängigkeit im Weltall. Eigene Kommunikationsnetze, eigene Aufklärungskapazitäten, eigene Startmöglichkeiten und die Fähigkeit, Satelliten schnell zu ersetzen.
Wer seine Systeme im Ernstfall nicht schützen und erneuern kann, wird blind, taub und handlungsunfähig.
Antje Nötzold, Politikwissenschaftlerin von der Universität der Bundeswehr München
Für Deutschland beginnt die Aufholjagd deshalb nicht nur auf Startrampen und in Kontrollzentren. Sie beginnt auch in den Werkstätten junger Raumfahrt-Start-ups. Dort sollen die Technologien entstehen, mit denen Deutschland im neuen Wettlauf um den Weltraum zumindest wieder Anschluss findet.
US-Raketenabwehr
:"Golden Dome": So viel Sci-Fi steckt in Trumps Mega-ProjektMit dem Raketenschirm "Golden Dome" will Trump die USA gegen alle Arten von Luftangriffen schützen. Doch Experten halten die unverwundbaren Staaten von Amerika für eine Illusion.
von Kevin Schubert, Jochen Spieß
mit Video1:16
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Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ZDF und ARD am 30.09.2026 ab 05:30 Uhr.
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