Neuer Roman von Juli Zeh: Die Beweislage ist dünn

In Juli Zehs neuem Roman „Pony Show“ gilt es, einen Mordfall in der Verlagsbranche aufzuklären. Immerhin: Was zu lernen über die deutsche Justiz gibt es.
Foto: Doro Zinn/laif
Wenn Juli Zeh einen Roman veröffentlicht, ist diesem ein Platz auf der Bestsellerliste stets sicher, und so wird es auch diesmal sein. Das liegt neben der medialen Omnipräsenz der Autorin vor allem daran, dass sich ihre Leser:innenschaft bei der Lektüre der Vorstellung hingeben kann, hier mal so richtig den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Das Ganze ist dann immer hübsch eingekleidet in gut lesbare, nicht sperrige Sätze und avanciert so in kürzester Zeit zum „Buch der Saison“, vielleicht sogar zu dem „der Stunde“.
Der wahrscheinlich interessanteste Aspekt an Zehs neuem Roman, „Pony Show“, ist, dass sich Teile der Handlung selbst mit dem Buchmarkt, der Verlagsbranche und eben jenen Erwartungen des Publikums an Literatur auseinandersetzen, die auch „Pony Show“ wieder zu einem Verkaufserfolg machen werden.
Betty, die Hauptfigur des Buchs, ist Chefin eines erfolgreichen Hamburger Verlages, in dieser Rolle zunächst unangefochten und meinungsstark: „Betty mag keine Romane, in denen Schriftsteller über Schriftsteller schreiben“, weiß die zweite Hauptfigur, ihr Anwalt Mark, über ihre Abneigung gegenüber autofiktionalen Stoffen zu berichten. Sie verlegt sie dann trotzdem. Ihr Verlagsprogramm, das müsse punktuell überraschend sein, aber im Ganzen verlässlich, findet Betty. Die Leserschaft befinde sich in einer „postfaktischen Verwirrung“.
Der Roman
Juli Zeh: „Pony Show“. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. 512 Seiten, 25 Euro
Zum Glück hat die Gesellschaft Institutionen gegen die postfaktische Verwirrung hervorgebracht, zu denen die Medien gehören, die sich im besten Fall mindestens der Wahrhaftigkeit verpflichten. Oder die Strafjustiz, deren Aufgabe es ist, eine Sanktion für das zu finden, was sich im Laufe eines Prozesses als hoffentlich wahres Geschehen herausstellt. Dass Medien und Justiz ihren Job in dieser Hinsicht aber besonders gut machen, dahinter setzt Zeh mit „Pony Show“ ein Fragezeichen.
Amerikanischer Verfolgungseifer
Denn Betty wird vor dem Landgericht Hamburg angeklagt – wegen Mordes. Der in seinem Verfolgungseifer eher US-amerikanisch daherkommende Staatsanwalt wirft ihr vor, ihren deutlich jüngeren Verlagsassistenten Fero umgebracht zu haben. Es ist ein Mord ohne Leiche, Fero ist zwar weg, aber ob er tot ist, weiß niemand. Die Beweislage ist dünn.
Fero war wenige Monate zuvor als junger Lektoratsassistent in Bettys Leben getreten. Er war talentiert, frech, gut aussehend. Er hatte „eine dunstige Intelligenz in den Augen, die aus den tiefen Schichten des Bewusstseins heraufzusteigen scheint“. Was sich pathetisch liest und ein bisschen auch nach unheilbarer Augenkrankheit klingt, fand bei Betty Anklang: Sie band ihn in ihr Chefinnendasein ein, lektorierte zusammen mit ihm ein Manuskript, lud ihn zum Essen ein und entwickelte auch sonst eine gewisse Versessenheit. Bis das Ganze ins Tragische kippte.
Der Roman erzählt aus der Perspektive von Bettys Anwalt Mark den zähen Verlauf des Gerichtsprozesses nach, und wird dabei stellenweise selbst etwas zäh. Das liegt auch daran, dass man der Erzählperspektive Marks nicht entkommen kann. Anwalt und Mandantin vergewissern sich gleich zu Beginn ihrer Zugehörigkeit zum mittleren bis höheren hanseatischen Bürgertum, indem sie herausfinden, dass sie ihren Wein bei demselben Pfälzer Winzer bestellen, Namedropping inklusive. Mark sieht sich als glücklichen Mann: „Haus, Carport, Kinder. Sommerurlaub auf Lanzarote. Im Winter zum Skifahren in die Schweiz. Alle wollen das. Weil es das Höchste ist, das man auf dieser Welt bekommen kann. Mehr geht nicht. Was soll falsch daran sein?“ Vieles von dem, was Mark sagt, ist sehr nervig, und man muss ihn dann wohl oder übel 500 Seiten lang ertragen.
Für Mark selbst eher ungünstig ist erstens, dass er seine Mandantin attraktiv findet, und zweitens, dass sie ihm nur sehr zögerlich erzählt, weswegen sie nun eigentlich vor Gericht sitzt. Dass eine Angeklagte ihrem Anwalt über Hunderte Seiten nicht genug mitteilt, um von ihm sinnvoll verteidigt zu werden, ist eigentlich nur mit dem formalen Argument zu erklären, dass so ein Justizthriller für den notwendigen Unterhaltungswert nun mal eine gewisse Länge und den ein oder anderen Plottwist braucht. In der tatsächlichen Handlung liegende Gründe für Bettys Salamitaktik gibt es jenseits einer etwas konstruiert wirkenden Langzeitloyalität Bettys Fero gegenüber nicht.
Kampf gegen das weibliche Geschlecht?
Betty ist sich derweil sicher, dass hier eigentlich ein Stellvertreterkampf ausgefochten wird, und sie verkündet im Zeitungsinterview mit einem der vielen schematisch-skrupellos überzeichneten Pressevertreter:innen, die im Roman auftauchen: Der Prozess sei nichts anderes als ein Kampf gegen das weibliche Geschlecht. Insbesondere wenn die Frau, wie in ihrem Fall, wider die gesellschaftliche Norm einen deutlich jüngeren Mann liebt.
Diese patriarchale Dimension des Gerichtsverfahrens wiederum lässt feministische und linke Aktivist:innen auf den Plan treten, die vor dem Gericht demonstrieren, deren Klugheit Zeh aber als eher gering einschätzt. Was schade ist, hätte sie hier doch auch einmal präziser hinschauen können. Eine weitere Dauerdebatte, die Manipulierbarkeit der Öffentlichkeit durch die sozialen Medien, verwebt die Schriftstellerin im letzten Drittel des Romans mit dem Fortgang des Gerichtsprozesses, kann dem zum Thema bereits anderswo Gesagten und Geschriebenen aber auch nichts wirklich Neues hinzufügen.
Dasselbe gilt für die immer wieder durchschimmernde Skepsis gegenüber einem allzu absoluten Wahrheitsbegriff: „Wahrheit ist eine ästhetische Kategorie. Die schönste Geschichte gewinnt“, lässt Zeh über ihre Protagonistin Betty ausrichten. Schlauer wird man dadurch nicht; und so klingen viele der Zeitgeistthemen bei Zeh ohne größeren Erkenntnisgewinn bloß an, selbst der Ukrainekrieg hat einen kleinen Auftritt. Immerhin: Es gibt für Nichtjurist:innen Wissenswertes über die deutsche Justiz zu lernen, zum Beispiel, dass sie chronisch unterfinanziert ist, dass Schöffen wichtiger sind, als man so denken könnte, und dass Justizwachtmeister total nette Leute sind.
Letztlich schreibt Zeh in „Pony Show“ aber über Erfolg, Macht, Liebe zwischen Mann und Frau und die Möglichkeit, das eigene Glück bei jemand anderem zu finden als einem selbst. Insofern ein gewöhnlicher Roman, zu dessen Gewöhnlichkeit es dann auch passt, dass Anwalt Mark darin trotz seiner Nervigkeit, seines Alkoholismus, seiner Unprofessionalität und Übergriffigkeit am Ende zweifelhafterweise doch noch ein Held werden darf.
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