Großbritanniens großes KI-Dilemma
Die britische Regierung ist in einem Dilemma, sie will Wachstum und gleichzeitig die Gemeinden einbeziehen. Doch gegen die geplanten Datenzentren regt sich Protest.
22.09.2026 | 2:43 minGanz in der Nähe der bei Touristen berühmten Brick Lane in London prallen gerade zwei Welten aufeinander. Die britische Bauministerin Angela Rayner von der Labour-Partei drückt hier gegen den Willen von Anwohnern den Bau eines Datenzentrums durch. Und das, obwohl in dem Stadtteil dringend Sozialwohnungen gebraucht werden.
Aktivist Jonathan Moberly findet das unmöglich, sagt er: "Hier zeigt sich die Wohnungskrise ganz besonders. Aber hier sollen Büros und ein Datenzentrum hin!"
Dies ist der am dichtesten besiedelte Ort in Großbritannien.
Jonathan Moberly, Aktivist "Save Brick Lane"
Rechenzentren stellen das Fundament der Digitalisierung dar. Dort werden Daten gespeichert und verarbeitet. Zugleich zeigt sich dort Europas Abhängigkeit vom Ausland.
08.08.2026 | 3:01 minRechenleistung für Börse und Banken?
Der Grund für den umstrittenen Standort ist offenbar die Nähe zum Londoner Finanzzentrum. Und die Börse braucht superschnelle Rechenleistung und Daten-Verbindungen. "Das ist bares Geld wert", erklärt Ökonomin Aleksandra Peeroo von der Universität Hertfordshire: "Es gibt bestimmte Anwendungsbereiche für Rechenzentren, die eine sehr geringe Latenzzeit erfordern. Es geht also im Grunde darum, wie schnell die Daten übertragen werden können. Dies ist beispielsweise bei Finanzdienstleistungen der Fall."
Hier zählt Lichtgeschwindigkeit. Nur deshalb stellt man hier ein Datenzentrum hin. Das hat keinen Vorteil für uns hier, sondern nur einen Vorteil für die Banker.
Jonathan Moberly, Aktivist "Save Brick Lane"
Die britische Regierung in der Zwickmühle
Der neue Premierminister Andy Burnham will den Gemeinden mehr Entscheidungsmacht geben. Gleichzeitig will er mehr Wachstum in jedem Winkel des Landes.
KI treibt den Bau riesiger Rechenzentren voran - und bringt Jobs sowie Steuereinnahmen. Doch der hohe Bedarf an Strom und Wasser sorgt für Kritik vor Ort.
14.07.2026 | 3:03 minHier an der Brick Lane läuft beides gegeneinander. Der Gemeinderat ist gegen das Datenzentrum - die Regierung setzt es trotzdem durch: Mit neuen Befugnissen für Wachstumsprojekte. Und Datenzentren, so bekräftigte Premierminister Andy Burnham jüngst im Parlament, seien Wachstumsmotor für die Zukunft.
Die Datenzentren können ein Magnet sein, der andere Investitionen anzieht.
Andy Burnham, Premierminister Vereinigtes Königreich
Die Zweifel in der Bevölkerung wachsen
Doch nicht überall seien die betroffenen Anwohner davon überzeugt, dass sie an dem Wachstum teilhätten, beobachtet Aleksandra Peeroo von der Universität Hertfordshire: "Es geht um lokale Anliegen: Was geschieht mit unserer Heimat? Warum muss das ausgerechnet hier sein?
Wir glauben nicht, dass wir diejenigen sein werden, die davon profitieren. Die Vorteile werden anderswohin fließen, doch wir sind es, die auf allen Kosten sitzen bleiben.
Aleksandra Peeroo, Universität Hertfordshire
Darüber hinaus zweifelten manche am gesellschaftlichen Nutzen von KI Anwendungen. "Es gab einen großen Skandal um die Möglichkeit, mittels KI Bilder anderer Menschen zu manipulieren und sie nackt darzustellen - sogenanntes 'Nudifying'," so Aleksandra Peeroo.
Das eigentliche Problem scheint darin zu liegen, dass der Regierung derzeit keine Informationen darüber vorliegen, wer die Hauptnutzer dieser Rechenzentren sind und wofür diese Rechenzentren tatsächlich verwendet werden.
Aleksandra Peeroo, Universität Hertfordshire
Die Schwarz-Gruppe will Milliarden Euro in ein Rechenzentrum bei Rostock investieren. Bis 2033 soll in Dummerstorf ein Datacenter mit 240 Megawatt Leistung entstehen.
27.08.2026 | 1:32 minZuspruch und Unmut nicht nur in London
Auch in Schottland gibt es deswegen Diskussionen. Hier locken viel günstige Windenergie und kühles Klima Datenzentrums-Investoren. Und für manchen Bauern mit niedrigen Erträgen ist ein Datenzentrum ein willkommenes Geschäft.
Doch die Großbauprojekte sind nicht neben jedem idyllischen Dorf willkommen: Anwohner und Umweltschützer protestierten jüngst in Edinburgh und forderten einen Stopp solcher Pläne. Das schottische Parlament diskutiert derzeit ein Moratorium.
In Finnland sollen viele Rechenzentren entstehen. Der Strombedarf dafür ist enorm und der Strom im Land könnte dann knapp werden. Für die Betreiber hat die Regierung die Stromsteuer vervielfacht.
17.08.2026 | 2:05 minLokalpolitiker David Torrance von der Scottish National Party hat zwar nichts gegen die Datenzentren. Doch was er nicht versteht: "Wir haben doch Industriegebiete und ungenutzte Brachflächen."
Wieso muss man die Datenzentren dann in Dörfer und auf grüne Wiesen bauen?
David Torrance, Scottish National Party
Die Regierung will das Vereinigte Königreich zum KI-Weltmeister machen. Doch das Volk will die dafür notwendigen Datenzentren nicht im Hinterhof.
Beim Thema KI dominieren US-Player den Markt. Doch Europa will unabhängiger werden. Wie das gelingen könnte, zeigen seltene Einblicke bei Frankreichs Militär und beim KI-Riesen Mistral.
25.03.2026 | 6:32 minWolf-Christian Ulrich ist ZDF-Korrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland.
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