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Wednesday, September 16, 2026

Kosovo-Sondertribunal in Den Haag: Ein Stück später Gerechtigkeit

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Das Urteil gegen Ex-Präsident Hashim Thaçi löst im Kosovo scharfe Kritik aus. Es könnte aber langfristig ein positives Signal für die Zukunft sein.

D as unsägliche Erbe der Jugoslawien-Kriege wirkt bis heute nach, von einer Aufarbeitung der Vergangenheit kann keine Rede sein. Das war Ende August rund um den Tod des früheren bosnisch-serbischen Generals und verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladić zu beobachten.

Tausende Ser­b*in­nen huldigten ihrem „Helden“. Auch die Serbisch-Orthodoxe Kirche segnete ihren verdienten „Gotteskrieger“, was sogar im Nachbarland Montenegro zu politischen Verwerfungen führte. Wohlgemerkt: Mladić zeichnet für das Massaker in Srebrenica 1995 mit über 8.000 Toten verantwortlich, während Serbien unter dem rabiat durchregierenden Staatschef Aleksandar Vučić in der Warteschleife für einen EU-Beitritt steht. Passt das zusammen? Wohl kaum.

Auch der Urteilsspruch des Den Haager Kosovo-Sondergerichts vom Mittwoch dürfte einen Dialog zwischen Serbien und dem Kosovo aktuell kaum befördern, sondern eher weiter spalten und polarisieren. Hashim Thaçi, Ex-Präsident des Kosovo und gern gesehener Gast westlicher Politiker*innen, sowie drei frühere Kommandeure der Kosovarischen Befreiungsarmee UÇK wurden wegen Kriegsverbrechen erstinstanzlich zu hohen Haftstrafen verurteilt. Viele Albaner*innen, nicht nur im Kosovo, schäumen – fühlen sich doch nicht wenige von ihnen ausschließlich als Opfer der nationalistischen Repressionsmaschine eines Slobodan Milošević.

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Doch „saubere“ Krieg gibt es nicht, Täter und Opfer auf beiden Seiten hingegen sehr wohl. Und bekanntermaßen ist es immer die Zivilbevölkerung, die die höchste Zeche zahlt. Zu prüfen, ob und welcher Verbrechen sich Thaçi und die drei Mitangeklagten schuldig gemacht haben, das war der Arbeitsauftrag des Gerichts.

Serb*innen, die Angehörige verloren haben oder über deren Schicksale auch nach Jahrzehnten immer noch im Unklaren sind, dürften die Urteile als ein Stück Gerechtigkeit interpretieren, das ihnen zuteilgeworden ist. Das könnte vielleicht ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft sein: Schon jetzt gibt es – wenn auch nur wenige – Ver­tre­te­r*in­nen beider Seiten, die an einer Aussöhnung arbeiten. Doch der Weg dorthin wird schmerzhaft sein und sehr, sehr lang.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.

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