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Wednesday, October 28, 2026

Regisseurin über ihren Film „Glaube“: „Die Angst macht Gespräche so binär“

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Eine private Entscheidung erschüttert Gewissheiten: In Alauda Ruiz de Azúas Film „Glaube“ emanzipiert sich eine junge Frau, indem sie ins Kloster geht.

Thomas Abeltshauser

Im Spielfilm „Glaube“ erzählt Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa vom Wunsch einer 17-Jährigen, als Nonne ins Kloster zu gehen: Das stellt den Zusammenhalt ihrer Familie auf die Probe. Zum deutschen Kinostart des vielfach preisgekrönten Films spricht die Atheistin über religiösen Trost, weibliche Wut und die Schwierigkeit, Menschen zu verstehen, deren Überzeugungen man nicht teilt.

taz: Vor einem Jahr, noch bevor „Glaube“ in San Sebastián die Goldene Muschel gewann, hofften Sie, dass der Film die Zuschauer dazu bringen würde, sich selbst zu hinterfragen. Was hat Sie an den Reaktionen seither überrascht?

Alauda Ruiz de Azúa: Ich hatte anfangs nicht erkannt, wie unbequem dieser Film für manche Menschen ist. Manche Zuschauer suchten vor allem eine ideologische Bestätigung: Wer gewinnt hier? Wer verliert? Der Film zieht keine klare Grenze zwischen den Guten und den Bösen. Andere ließen sich auf die Widersprüche ein: Sucht dieses Mädchen Schutz und hat zugleich echte religiöse Gefühle? Wie gehe ich als Erwachsene damit um? Daraus entstanden sehr tiefgehende Gespräche, unabhängig von den Überzeugungen der jeweiligen Zuschauer.

Im Interview: Alauda Ruiz de Azúa

1978 in Barakaldo bei Bilbao geboren, studierte audiovisuelle Kommunikation und Englische Literatur im Baskenland. Schon für ihren ersten Kinofilm „Cinco lobitos“ erhielt sie 2023 den Goya-Filmpreis der Academia de las Artes y Ciencias als beste Nachwuchs-Regisseurin. „Glaube“ gewann fünf Preise beim Filmfestival von San Sebastián, darunter die begehrte „Goldene Muschel“, erhielt beim Mittelmeer-Filmfest von Montpellier die Antigone d'Or und wurde bei den Goyas 2026 in fünf Kategorien ausgezeichnet, darunter der für den besten Film.

taz: Warum fällt es uns so schwer, jemanden zu verstehen, ohne ihm gleich recht geben zu müssen?

Ruiz de Azúa: Es gibt fast eine Angst davor, andere zu verstehen, als würde man ihre Haltung dadurch schon legitimieren. Verstehen heißt aber weder rechtfertigen noch gutheißen. Diese Angst macht Gespräche so binär. Mich interessiert, ob wir unsere moralische Überlegenheit beiseitelegen können, wenn wir jemanden verstehen wollen. Beim Schreiben muss ich die Motive jeder Figur zumindest teilweise verstehen, ohne die dunklen Seiten des Konflikts auszublenden.

taz: Sie selbst glauben nicht an Gott. Warum wollten Sie von einer jungen Frau erzählen, die ins Klausurkloster gehen möchte?

Ruiz de Azúa: Als ich etwa 19 oder 20 war, hörte ich über Bekannte von einer ähnlichen Geschichte. Ich verstand nicht, warum jemand in diesem Alter diesen Weg wählen wollte, eine der radikalsten Formen einer religiösen Entscheidung. Diese Faszination blieb. Bei der Recherche entdeckte ich die Konflikte, die das in Familien auslösen kann. Selbst traditionelle Familien, die ihre Töchter auf religiöse Schulen schicken und die Erstkommunion feiern, reagieren oft geschockt: Wir sind zwar gläubig, aber ein solches Leben wollen wir nicht für dich. Dieser Widerspruch interessierte mich sehr.

taz: Ihre Hauptfigur Ainara ist 17, hat ihre Mutter verloren und fühlt sich allein. Wie lässt sich ihr Wunsch verstehen, ohne ihren Glauben aus dieser Verletzlichkeit zu erklären?

Ruiz de Azúa: Vielleicht können wir ihr religiöses Empfinden nicht nachvollziehen, aber ihre Einsamkeit schon. Als Jugendliche erkennt sie, wie schmerzhaft die Welt sein kann. Diese Angst kenne ich aus meiner Jugend. Aber Menschen können widersprüchliche Dinge gleichzeitig empfinden. Und mir ist wichtig, dass etwas Rätselhaftes bleibt. Als ich mit jungen Frauen über ihre Berufung sprach, beschrieben sie reale Gefühle: Schmerz, Erleichterung, Liebe. Fast etwas Körperliches. Vielleicht ist das durch ihre Erziehung entstanden, durch eine Phase besonderer Verletzlichkeit oder durch beides. Aber man kann einem Menschen nicht einfach sagen: Was du fühlst, fühlst du gar nicht.

Der Film

„Glaube“. Regie und Buch: Alauda Ruiz de Azúa. Mit Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz u.a. Spanien 2025, 115 Min.

taz: Ainaras Vater sagt, er respektiere ihre Entscheidung. Wann wird Respekt zum Im-Stich-Lassen?

Ruiz de Azúa: Genau diese Frage soll sich der Zuschauer stellen: Handelt er aus Respekt, aus Bequemlichkeit, aus Egoismus oder aus mehreren dieser Motive zugleich? Vielleicht versucht er großzügig zu sein und täuscht sich dabei über seine eigenen Beweggründe. Nach geltendem Recht ist man mit 18 erwachsen. Aber welche Verantwortung habe ich als Vater? Kann ich einfach zurücktreten und sagen: Mach, was du willst? Ich spreche von emotionaler Verantwortung, nicht von juristischer.

Mich interessiert, ob wir unsere moralische Überlegenheit beiseitelegen können, wenn wir jemanden verstehen wollen

Alauda Ruiz de Azúa, Regisseurin

taz: Die Tante Maite versucht dagegen, Ainara von ihrer Entscheidung abzubringen. Ist ihr Wunsch, sie zu schützen, auch eine Form von Kontrolle?

Ruiz de Azúa: Bei Maite beschäftigt mich besonders, wie schwer es ist, Toleranz tatsächlich zu praktizieren. Die meisten von uns wollen tolerant sein. Aber manchmal haben wir gute Gründe, es nicht zu sein. Was tun wir als Erwachsene? Sagen wir, was wir denken, versuchen wir zu helfen oder lassen wir das Mädchen gehen? Maite kommt an einen Punkt, an dem sie verzweifelt und explodiert. Sie will ihre Nichte aus Liebe schützen.

taz: Manche Kritiker sehen in Ihrem Umgang mit Maite eine Bestrafung einer unabhängigen, atheistischen Frau. Was antworten Sie darauf?

Ruiz de Azúa: Die eigentliche Bestrafung von Frauen besteht für mich darin, dass manche Zuschauer weiblichen Figuren nicht erlauben, zu explodieren, wütend zu sein oder sich auf eine unbequeme, unvollkommene Weise zu verhalten. Männer können auf der Leinwand Menschen töten und gelten als faszinierend. Eine Frau zeigt Wut, und sofort heißt es: Sie wird bestraft. Als Bestrafung einer Atheistin habe ich Maite nicht geschrieben. Aber man kann in vielem recht haben und gute Gründe für seine Haltung besitzen. Trotzdem kann das Gefühl moralischer Überlegenheit die Verbindung zu einem anderen Menschen zerbrechen lassen.

taz: Was haben Sie durch die Begegnungen mit gläubigen Menschen über Ihre eigene Haltung erfahren?

Ruiz de Azúa: Ich bin etwas toleranter geworden. Ich habe Menschen kennengelernt, die nach dem Tod eines Angehörigen Trost im Glauben fanden. Ich kann weiterhin meine eigene Überzeugung vertreten. Aber ist der richtige Umgang damit, diesen Trost anzugreifen? Ich selbst glaube nicht an Gott. Aber der Trost ist für diesen Menschen real. Außerdem muss man zwischen der Kirche als Institution und den Menschen unterscheiden. Manche glauben, ohne zu praktizieren, andere praktizieren, ohne zu glauben. Manche sind sehr kritisch gegenüber der Kirche und haben trotzdem ihren Glauben. Auch unter Atheisten gibt es unterschiedliche Grade von Toleranz. Mein Vater gehört zu einer Generation, die durch die religiöse Erziehung stark verletzt wurde und allem Religiösen sehr abwehrend begegnet. Es sind weit mehr als zwei Lager.

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taz: Sie arbeiten an einer Serie über OnlyFans. Auch dort interessiert Sie, wie selbstbestimmt junge Frauen entscheiden. Was verbindet diese Stoffe für Sie?

Ruiz de Azúa: Wieder gibt es dieses Dilemma: Warum wollen diese Frauen tun, was sie tun? Und wie sehr wollen sie es? Es geht um den freien Willen, um das System, um Geld. Mich interessieren solche Grauzonen: Situationen, in denen es auch intellektuell und ideologisch schwierig bleibt, zu wissen, was richtig ist.

taz: Ihr erster Langfilm entstand, als Sie schon über 40 waren. Hat Ihnen die Lebenserfahrung geholfen, solche Widersprüche auszuhalten?

Ruiz de Azúa: Natürlich prägen die eigenen Erfahrungen den Blick auf die Welt und die Filme. Dass ich Mutter bin, eine Frau, aus dem Baskenland komme, all das spielt eine Rolle. Das Alter hat mir eine gute Distanz gegeben. Ich habe gelernt, nicht alles so schnell zu beurteilen. Als ich jünger war, konnte ich sehr rasch urteilen und mir in vielem sicher sein. Das Komische ist: Mit zunehmendem Alter bin ich mir bei immer mehr Dingen weniger sicher. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Aber bei mir ist es so.

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