Bundeswehr bekommt sexuelles Fehlverhalten nicht unter Kontrolle
Exklusiv
Sexuelles Fehlverhalten Warum die Bundeswehr beim Schutz von Soldatinnen scheitert
Stand: 30.09.2026 • 09:00 Uhr
Die Bundeswehr bekommt das Problem um sexuelles Fehlverhalten nicht in den Griff, wie Recherchen von REPORT MAINZ zeigen. Experten sprechen von einem Führungsversagen und kritisieren das interne Meldewesen. Dabei wirbt die Bundeswehr vor allem auch um Frauen.
Von Claudia Kaffanke und Finn Jakob Keilmann, SWR
"Ich fühle mich von der Bundeswehr im Stich gelassen", erzählt die 19-jährige Marine-Soldatin Sina F. im Interview mit dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ. Sie hatte die sexuelle Belästigung durch einen ranghöheren Kameraden bei der Bundeswehr ihren Vorgesetzten gemeldet und sei danach dem Mobbing ihrer Truppe schutzlos ausgesetzt gewesen. "Er hatte mir seinen speichelnassen Finger ins Ohr gesteckt und mich gefragt, ob mir das gefallen würde, und ob ich nochmal etwas von ihm so tief in mir haben wollen würde", erzählt Sina F. Die junge Frau habe "pure Panik" gehabt.
Doch die Soldatin wird erst Monate später versetzt, bis dahin habe sie für den vermeintlichen Verrat an dem Kameraden leiden müssen. Kameraden hätten wiederholt und andauernd nachts gegen ihre Türe getreten, sie als "Meldeschlampe" beschimpft und sie bedroht.
"Meldungen werden als Nestbeschmutzung wahrgenommen"
Karen Hagemann ist Mitbegründerin des internationalen Forschungsverbandes "Militär, Krieg und Geschlecht/Diversität". Sie kritisiert, es gebe in der Bundeswehr noch zu viele Defizite im Umgang mit sexuellem Fehlverhalten: "Die Institution Militär beruht auf Kameradschaft, Gehorsam und Disziplin. Meldungen werden häufig als Nestbeschmutzung wahrgenommen." Hagemann fordert "klare Haltung der Führung, klare Schulung des Personals in dieser Sache, eigene Meldewege und Politiken, die versuchen, nicht die Opfer zu diskreditieren, sondern die Täter zu bestrafen".
Eigene Meldewege, also die Möglichkeit für Soldatinnen, sich außerhalb der eigenen Einheit beispielsweise wegen sexuellen Fehlverhaltens zu beschweren, hätten sich bei skandinavischen und den niederländischen Streitkräften bewährt, sagt die Expertin.
Vermutlich hohe Dunkelziffer aus Angst vor Konsequenzen
Bei der deutschen Armee blieben Meldungen gegen übergriffige Kameraden oder Vorgesetzte häufig aus. Dies wird auch in den Berichten der Wehrbeauftragten seit Jahren immer wieder bemängelt. Laura Kleinebrecht ist Anwältin für Wehrrecht, war selbst mehrere Jahre im Justiziariat des Personalmanagements der Bundewehr tätig.
Heute vertritt sie Soldatinnen und Soldaten und kann die Vorbehalte bestätigen: "Das ist tatsächlich ein Problem, was in dem System immanent ist. Das merken wir in der täglichen Mandatsarbeit immer wieder, dass Vorbehalte bestehen, Dinge zu melden, weil man das Gefühl hat: Wird mir das nachteilig ausgelegt? Weil derjenige, über den ich mich beschwere, vielleicht auch derjenige ist, der mich nachher beurteilt oder dafür sorgt, dass ich ein dienstliches Fortkommen habe", so die Anwältin für Wehrrecht.
Dabei sei in der Wehrbeschwerdeordnung klar geregelt, dass niemand benachteiligt werden dürfe, der eine Beschwerde einlegt.
Überproportionaler Anstieg der Verdachtsmeldungen
Obwohl die Zahlen der Verdachtsmeldungen jährlich ansteigen (zuletzt von 413 im Jahr 2024 auf 472 im Jahr 2025), ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Wie eine Sprecherin des Bundesministeriums für Verteidigung auf Anfrage von REPORT MAINZ erklärt, habe es in diesem Jahr einen "überproportionalen Anstieg" im Meldewesen bei den Verdachtsmeldungen über Verstöße nach § 184i StGB (sexuelle Belästigung) und sonstigen Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung gegeben.
Dieser Anstieg habe den Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, veranlasst, in seinem internen Truppenbefehl nach dem Sommer den Umgang mit sexualisiertem Fehlverhalten in den Streitkräften zu thematisieren, so die Sprecherin des Bundesministeriums für Verteidigung. In dem internen Truppenbefehl schreibt der höchste Soldat der Bundeswehr, die Zahl der gemeldeten Fälle sei zu hoch, solche Verhaltensweisen hätten "keinen Platz in den Streitkräften", die Prävention von sexualisiertem Fehlverhalten sei eine "vorrangige Aufgabe der Diziplinarvorgesetzten".
"Integration von Frauen in die Bundeswehr gescheitert"
Auch Militärhistoriker und Bundeswehr-Kenner Sönke Neitzel kritisiert, dass die Bundeswehr ihr Personal diesbezüglich besser schulen müsse, vor allem auf den unteren Führungsebenen: "Von der Charakterstärke der Gruppen- und Zugführer hängt sehr viel ab. Die sind nah an ihren Soldaten, wissen, was vor sich geht und müssen sehr deutlich machen, wenn es zu Fehlverhalten kommt - auch im vordisziplinaren Raum - dann bekomme ich es mit dem Gruppenführer zu tun."
Zum jetzigen Zeitpunkt hält Neitzel "die Integration von Frauen in die Bundeswehr für gescheitert". Frauen würden von "einigen als Störfaktor empfunden in der männlichen Kampfgemeinschaft", so der Militärhistoriker.
Das Ministerium entgegnet dem auf REPORT-MAINZ-Anfrage, Frauen seien in der Bundeswehr "akzeptiert und respektiert". Es gebe keinen "werte- und rechtsfreien Raum, für keine Personengruppe" in der deutschen Armee.
Seit 25 Jahren stehen Frauen alle militärischen Laufbahnen offen, sie sind aber nach wie vor eine kleine Minderheit von 13,6 Prozent. Jetzt, erstmalig, soll eine Dunkelfeldstudie klären, wie viele Soldatinnen von Belästigung und Übergriffen tatsächlich betroffen sind.
Durchsetzung einer Null-Toleranz-Politik
Major Nora Zeimet ist selbst betroffen von Missbrauch durch einen Kameraden. Sie kämpft seit Jahren für mehr Sichtbarkeit der Betroffenen und fordert im Interview mit REPORT MAINZ ein Umdenken in der Truppe: "Ich glaube, es sind viel mehr Frauen betroffen, als wir wissen. Solange wir nicht daran arbeiten, sexuelle Belästigung bei der Bundeswehr zu enttabuisieren, wird sich an dem Problem nichts ändern", kritisiert die Soldatin.
Konteradmiral Tobias Abry aus der Hauptabteilung Streitkräfte verantwortet fachlich das Thema Innere Führung. Als Sprecher des Ministeriums verweist er auf bestehende Ansprechstellen, sieht aber durchaus Handlungsbedarf: "Wir müssen gucken, ob die Stellen, die wir bisher haben, ausreichend sind, um eine Null-Toleranz-Policy durchzusetzen, um den Opferschutz in den Mittelpunkt zu stellen und um den Betroffenen einen Safe Space zu geben."
Der Generalinspekteur habe sehr deutlich gemacht, dass er mehr investieren wolle in die Ausbildung, vor allen Dingen in die Kompanie-Ebenen rein und hier nochmal Verhaltenssicherheit erzeugen wolle, weil er wolle, dass diese Null-Toleranz-Politik verstanden und auch umgesetzt werde, so Abry. "Und deshalb müssen wir noch mehr tun im Bereich der Ausbildung, das ist uns auch völlig klar", erklärt der Konteradmiral im Interview mit REPORT MAINZ.
Die Bundeswehr hat das Ziel, den Frauenanteil in der Truppe auf mindestens 20 Prozent zu erhöhen. Auf ihrer Internetseite zitiert die Bundeswehr Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) so: "Gerade in Zeiten globaler Bedrohungen brauchen wir Streitkräfte, zu denen Frauen ganz selbstverständlich dazugehören."
Sendehinweis: Mehr zu dem Thema erfahren Sie in dem REPORT MAINZ-Feature "Belästigt. Gemobbt. Missbraucht. Soldatinnen in Gefahr?" in der ARD-Mediathek
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