Kampf gegen Hundepisse in Wien: Nach dem Wasserlassen Wasser lassen

In Wien startet das Projekt „Schönes Gassi“: Hundebesitzer kriegen ein Flascherl, um den Urin ihrer Tiere wegzuspülen. Klingt verrückt, ist vernünftig.
O h je, wenn dieser Vorschlag demnächst auch in Deutschland auf den Tisch kommt, gewinnt die AfD gleich wieder fünf Prozentpunkte. Die zugehörigen Kommentare unter den Online-Meldungen und in den sozialen Medien könnte man jetzt schon allesamt im Voraus schreiben. Was wollen sie uns noch alles verbieten? Haben wir keine anderen Probleme? Und das mit unseren Steuergeldern!
Aber der Wiener mit seiner Morbidität und seinem Schmäh fürchtet weder Shit- noch Pissstorm. Deshalb startet im Bezirk Neubau (der heißt tatsächlich so) der österreichischen Hauptstadt nun das Modellprojekt „Schönes Gassi“. Herrchen, Frauchen und alle anderen, die mit Hunden spazieren gehen, können sich beim Bezirksamt ein Flascherl abholen, das sie fortan mit Wasser befüllen und – selbstredend neben dem „Sackerl für Gackerl“ – beim Gassigehen mitführen sollen, um dann nachzuspülen, wenn der Hund das Beinchen hebt oder die Hündin in die Hocke geht.
Nun verfügt man zwar auch in Wien üblicherweise schon über eigene Flaschen im Haushalt, aber natürlich ist das Angebot vor allem ein Marketinggag, auch wenn die Hundespülflasche eigens zum Gassigehen designt worden ist. Ziel ist es, überhaupt erst mal ein Verständnis für das zunächst eher abwegig scheinende Anliegen zu wecken und Menschen dafür zu motivieren, dem Hund das Wasser nach dem Wasserlassen hinterherzutragen.
Gefährlich für die Umwelt
Hunde-Pipi nachspülen, im Ernst? Allerdings. Und zwar aus gut nachvollziehbaren Gründen. Hunde-Urin enthält, wie bei Säugern einschließlich dem Menschen allgemein üblich, Harnstoff und Salze, und einmal ausgeschieden, werden diese an Baum, Mauer und Luft umgehend in Ammoniak mit seinem charakteristisch stechenden „Pipi-Geruch“ umgewandelt. In der Folge kommt es zu Verätzungen an Rinde und Wurzeln sowie zu Eintrittspforten für das Holz schädigende Pilze.
Das ist natürlich bei vergleichsweise wenig Urinproduzenten und vielen Bäumen, also auf dem Land oder im Wald, kein Problem. In Städten, wo auf wenig Bäume ziemlich viele Hunde kommen, hingegen sehr wohl. Urin gehört in Großstädten daher tatsächlich zu den Hauptfeinden von Baum und Busch. Wer das Problem grundsätzlich nicht glauben mag, kann im eigenen Garten gerne eine empirische Studie durchführen und sich eine Weile immer am selben Gehölz erleichtern, um dem dann beim langsamen Umfärben von Grün in Braun zuzuschauen.
Das Problem verschärft sich zudem, je trockener und wärmer es ist – und je trockener und wärmer es noch wird – der vergangene Sommer und der Klimawandel lassen grüßen. Weshalb das Nachspülen in vielen südeuropäischen Städten längst unter Androhung von teils drakonischen Strafen lang geübte und rechtsverbindliche Praxis ist.
Das Nachspülen schafft die Schadstoffe zwar nicht aus der Welt, durch die Verdünnung reduziert es aber sowohl die ätzende Wirkung als auch die geruchliche Belästigung, die wir aus jeder Fußgängerunterführung bestens kennen.
Keine Medienkrise für Hunde
Es erscheint natürlich zunächst absurd, bei zunehmender Dürre und allerlei Bewässerungsverboten nun hektoliterweise Wasser dem Hunde-Urin hinterherzuschütten, aber die Abwägung kommt gerade in trocken-heißen Gebieten zu einem eindeutigen Ergebnis zugunsten der Hundespülung, zumal durch Urin gefällte Bäume eben auch dem Ziel der klimagerechteren Stadt im Weg liegen.
Wer jetzt schließlich noch um das Wohl der Hunde besorgt ist, kann beruhigt sein: Zwar kommunizieren die Vierbeiner bekanntlich über die Geruchsmarken, die sie mit dem Urin setzen, und nutzen die Straßenbäume daher als eine Art Lokalzeitung, aber die Hundenase ist fein genug, um alle wesentlichen Nachrichten trotz Verdünnung wahrnehmen zu können – es droht also keine Medienkrise für Hunde.
Wenn demnach alles dafür spricht, wäre die Spülpflicht dann nicht auch eine Idee für deutsche Städte? Kaum. Hierzulande wäre man ja schon froh, wenn die menschlichen Einwohner beim Kauf von ein paar Wegebieren im Spätkauf oder zur Maß auf dem Oktoberfest eine zusätzliche Flasche mit Wasser an die Hand bekämen, um ihre Notdurft fortzuspülen. Da brauchen wir über Hunde-Urin wohl gar nicht erst nachzudenken.
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