Koreanische Halbinsel: Wettrüsten auf Hochtour
Am Mittwoch (14.10.26) hat Nordkorea vor seiner Pazifik-Ostküste zwei Arten von U-Boot-gestützten Marschflugkörpern getestet. Einen Tag zuvor hatte Machthaber Kim Jong Un im neuen Museum der Rüstungsindustrie eine Interkontinentalrakete begutachtet, die Berichten zufolge Ziele auf dem amerikanischen Festland erreichen kann.
Auch Südkorea entwickelt seine modernen Waffensysteme weiter. In der vergangenen Woche verfolgte der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung den Teststart der ersten im Land entwickelten Hyperschallrakete - als Reaktion auf den Test einer sogenannten Hyperschall-Mittelstreckenrakete Nordkoreas Anfang Oktober. Diese legte eine Distanz von 350 Kilometern zurück, bevor sie ihr Ziel traf. Die südliche Hauptstadt Seoul liegt etwa 50 Kilometer von der "Demilitarisierten Zone" (DMZ) entfernt, der innerkoreanischen Grenze.
"Genosse Kim Jong Un brachte die Erwartung und Überzeugung zum Ausdruck, dass alle Raketentruppen des Landes in verantwortungsvoller Kampfhaltung ihren Aufgaben zur Verteidigung der Souveränität und Sicherheit der Republik treu bleiben würden", berichtete die nordkoreanische Staatsagentur KCNA.
Was führt Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un im Schilde?
Fortschrittliche Waffensysteme
Sowohl Nord- als auch Südkorea konzentrieren sich besonders auf die Entwicklung von Hyperschalltechnologie. In einer Zeit zunehmender Spannungen im indopazifischen Raum ermöglicht diese Technologie eine erhebliche Steigerung der Offensivfähigkeiten.
Hyperschallraketen sind Waffen, die sich mit Mindestgeschwindigkeiten von Mach 5, also der fünffachen Schallgeschwindigkeit, bewegen. Das entspricht etwa 6.100 Kilometern pro Stunde. Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit gestalten sich für Verteidigungssysteme die Identifikation, Verfolgung und Abwehr solcher Flugkörper wesentlich schwieriger. Ein weiterer Vorteil gegenüber früheren Raketenmodellen ist die Fähigkeit, den Kurs während des Flugs zu verändern, abzusinken oder Zickzackmanöver durchzuführen, was die Abfangbarkeit deutlich erschwert.
Nord- und Südkorea beenden Lärmbelästigung
"Auf der koreanischen Halbinsel herrscht seit vielen Jahren ein Wettrüsten. Hyperschallwaffen sind nur die jüngste Erscheinungsform davon", erläutert Chris Green, Berater für die koreanische Halbinsel bei der International Crisis Group, gegenüber der DW.
Hyperschallwaffen seien zur Priorität für den Süden geworden, da der Norden seine Fähigkeiten weiter ausgebaut und zudem militärische sowie wirtschaftliche Beziehungen zu Russland geknüpft habe, so Green. "Nordkorea verfügt zwar über Atomwaffen, doch deren Einsatz gilt als unrealistisch, da stets die Gefahr besteht, dass die USA das Land im Gegenzug vollständig zerstören würden."
"Für den Norden ist es nicht überraschend, dass die geopolitische Lage in der Region ihn dazu veranlasst hat, fortschrittliche konventionelle Waffen zu entwickeln, um die Vorherrschaft auf der Halbinsel zu erlangen", so Green weiter.
Nordkorea nicht unterschätzen
Obwohl sich nicht mit Sicherheit bestätigen lässt, dass die Waffen, die Nordkorea nach eigenen Angaben entwickelt hat, tatsächlich die behaupteten Fähigkeiten besitzen, wäre es ein Fehler, Pjöngjang zu unterschätzen, betont Green.
Nord- und Südkorea – siebzig Jahre im Kalten Krieg
"Wir kennen ihre tatsächlichen Fähigkeiten nicht. Es ist möglich, dass vieles Propaganda ist. Allerdings gibt es eine lange Reihe von Fällen, in denen Nordkoreas Fähigkeiten zunächst unterschätzt wurden – nur um sich später als real herauszustellen", sagt Green.
Chun In-bum, ehemaliger General der südkoreanischen Streitkräfte und heute Senior Fellow am National Institute for Deterrence Studies im US-Bundesstaat Ohio, teilt diese Einschätzung: „"Ob die Angaben der Wahrheit entsprechen, ist reine Spekulation. Aber jeder umsichtige Militärplaner sollte immer vom Schlimmsten ausgehen."
Die Beherrschung der für Hyperschallraketen erforderlichen fortschrittlichen Technologie durch Nordkorea scheint ziemlich überraschend zu sein. Es ist weiterhin unklar, wie das Land diese Fähigkeiten erworben hat. "Wahrscheinlich haben sie sich die Technologie auf illegalem Weg beschafft", sagt Ex-General Chun. "Sie schnüffeln bei Unternehmen in den USA, Südkorea und Japan, aber auch mit Hilfe ihrer Verbündeten."
Unabhängig von der Herkunft der Daten ist die Tatsache besorgniserregend, dass Nordkoreas Hyperschallraketen offenbar funktionieren. "Eine größere Offensivfähigkeit erhöht die von Nordkorea ausgehende gesamte Gefahrlage. Verfügt das Land zudem über schwerer abzufangende Trägersysteme, steigt möglicherweise die Versuchung, diese einzusetzen", glaubt Chun.
"Natürlich ist das reine Spekulation", fügt er hinzu, "doch ich bin zuversichtlich, dass nach Lösungen zur Neutralisierung dieser speziellen Bedrohung gesucht wird. Allerdings gibt es dafür bislang keine gute Lösung."
Kein entscheidender Wendepunkt
Green betont, dass sich die von beiden Seiten entwickelten einsatzfähigen Systeme gegenseitig ausgleichen könnten. "Ich glaube nicht, dass dies das Kräfteverhältnis grundsätzlich verändert", sagt Green. "Nordkorea verfügt weiterhin über seine nukleare Abschreckung und verfolgt eine 'Stachelschwein-Strategie', bei der es mit einer scharfen und unnachgiebigen Haltung versucht, andere auf Distanz zu halten." Auch südlich der entmilitarisierten Zone stelle dies keinen grundlegenden Wendepunkt dar.
"Es ist jedoch klar, dass, wenn der Norden seine Offensivsysteme weiterentwickelt und in größerem Umfang einsetzen kann", so Green weiter, "eine Diskussion über verbesserte Raketenabwehrsysteme unvermeidlich wird, nicht nur in Südkorea, sondern auch in Japan. Dies wirft dann komplexere sicherheitspolitische Fragen auf."
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