"Operation Chargeback": Merkur-Tochterfirma wickelte Zahlungen ab
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Geldwäsche-Netzwerke Merkur-Tochterfirma taucht in Zahlungsflüssen auf
Stand: 23.10.2026 • 07:04 Uhr
Im Rahmen der "Operation Chargeback" ermitteln Behörden gegen internationale Geldwäsche-Netzwerke. Ex-Wirecard-Manager sind inzwischen angeklagt. Nach BR-Recherchen führen Spuren auch zu einer Tochterfirma des Glücksspielkonzerns Merkur.
Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR
Die Euro Payment Group (EPG) bietet laut ihrer Internetseite sichere und zertifizierte Onlinezahlungen an. Die Firma gehört zu Deutschlands größtem Glücksspielkonzern Merkur, einst gegründet von Paul Gauselmann. Der Bundesverdienstkreuzträger starb im August kurz vor seinem 92. Geburtstag. Das von ihm geschaffene Firmenimperium macht seinen Umsatz mit Spielhallen, Online-Casinos - und mit der EPG.
Die Merkur-Tochterfirma lässt sich nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks mit dem sogenannten Chargeback-Skandal in Verbindung bringen, der vor einem Jahr international für Schlagzeilen sorgte. E-Mails, interne Dokumente und vertrauliche Ermittlungsunterlagen zeigen, dass die EPG Kreditkartenzahlungen für Scheinfirmen und Betreiber von Fake-Websites abgewickelt hat.
Hoher Schaden mit erbeuteten Kreditkartendaten
Die "Operation Chargeback" ist ein Ermittlungsverfahren des Bundeskriminalamts (BKA) und der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz gegen internationale Betrugs- und Geldwäschenetzwerke. Im Zentrum stehen der Missbrauch von Kreditkartendaten sowie illegale Zahlungsabwicklungen über nur zum Schein gegründete Firmen und Internetseiten.
Im Zeitraum von 2016 bis 2021 sollen die mutmaßlichen Täter so 300 Millionen Euro erbeutet haben. Anfang November vergangenen Jahres ließen die Ermittler 60 Objekte in neun Ländern, darunter Deutschland und die USA, durchsuchen.18 Haftbefehle wurden vollstreckt. Auch ehemalige Wirecard-Manager sitzen in Untersuchungshaft.
Über Wirecard war nach BR-Recherchen auch die EPG involviert. Als sogenannter "Payment Facilitator" fungierte sie als Bindeglied zwischen der Wirecard-Bank und Online-Händlern, deren Kunden mit Kreditkarten bezahlt haben.
Chargeback-Betrug lief über Scheinfirmen
Die Angeklagten im Chargeback-Verfahren sollen Hunderte Scheinfirmen aufgesetzt und damit mehr als 2.000 professionell gestaltete Fake-Websites, vor allem aus dem Bereich Pornografie, betrieben haben. Mithilfe dieser Seiten, ebenfalls zum Schein gegründeten Online-Händlern und missbrauchten Kreditkartendaten sollen die Betrugsnetzwerke rund 19 Millionen Abos abgeschlossen und Abbuchungen initiiert haben.
Möglich war der groß angelegte Betrug, weil Führungskräfte von Zahlungsdienstleistern geholfen haben sollen, die betrügerischen Umsätze zu generieren und abzuwickeln. Die Koblenzer Behörde ermittelt nicht nur gegen ehemalige Mitarbeiter von Wirecard, sondern auch gegen Beteiligte anderer deutscher Zahlungsdienstleister. Weil die EPG über eine Tochterfirma aus Malta operierte, wurden die deutschen Ermittler laut Generalstaatsanwaltschaft Koblenz in diesem Fall nicht tätig.
Euro Payment Group wickelte Zahlungen für Scheinfirmen ab
Ähnlich wie beim Betrugsmuster im Chargeback-Verfahren mit Scheinhändlern und Pornoseiten liefen nach Recherchen des BR auch Zahlungen ab, die die Merkur-Tochterfirma EPG abgewickelt hat. Das belegen interne Dokumente der Kreditkartenfirma Visa. So sind in einer Excel-Tabelle rund 30 Firmen aufgeführt, die als "Merchant" (Händler) bezeichnet werden.
Diese Händlerfirmen sind zum überwiegenden Teil im britischen Consett registriert. Im Wirecard-Komplex sind diese sogenannten Consett-Unternehmen als Briefkastenfirmen bekannt geworden, die mit Strohleuten Scheingeschäfte getätigt haben. In der Tabelle tauchen neben den Händlernamen verschiedene Kürzel auf, zum Beispiel "WIZNETPRO".
Spur führt zu Chargeback-Netzwerk
BR Recherche hat diese Kürzel entschlüsselt und aufgedeckt, welche Firmen dahinterstehen. Die bei EPG registrierten Scheinhändler lassen sich so einem weiteren Firmen-Netzwerk zuordnen, über das letztlich die Fake-Abos der Pornoseiten abgerechnet wurden.
Am Ende landeten die Gelder dadurch bei weiteren Briefkastenfirmen, die meist auf Zypern oder in Großbritannien registriert waren und ein Konto bei der Wirecard Bank hatten.
Die Ermittlungsbehörden rechnen diese Zahlungsempfänger Ray Akhavan zu. Akhavan, in der Szene "Pornobaron" genannt, galt als enger Vertrauter des untergetauchten Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek. 2024 starb Akhavan in Los Angeles an einer Überdosis Drogen. Nach Erkenntnissen der Ermittler war er eine Schlüsselfigur im Chargeback-Skandal.
Visa verhängte Strafzahlungen
Bei Visa ist die EPG mehrfach negativ aufgefallen. Internen E-Mails und Unterlagen zufolge hat sich das Kreditkartenunternehmen 2016 und 2017 wiederholt bei Wirecard wegen der hohen Chargeback-Raten im Zusammenhang mit EPG-Händlern beschwert. Chargebacks sind Rückbuchungen reklamierter Zahlungen. Diese seien "exzessiv", schrieb etwa ein Visa-Mitarbeiter aus dem Bereich Risiko-Management im Mai 2017 an Wirecard. EPG müsse deswegen sein Händler-Portfolio umstrukturieren.
Und: Die Merkur-Tochter sei der "worst Chargeback case" von Visa Europa, schrieb der Kreditkartenkonzern in einer zusätzlichen Überblicksdarstellung. In der Folge verhängte das Kreditkartenunternehmen Strafzahlungen in Höhe von mehreren 100.000 Euro. Visa äußerte sich dazu auf Anfrage nicht.
Merkur: Keine Kenntnis von "betrügerischem Zweck" gehabt
Ein Merkur-Sprecher bestätigte dem BR, die Strafzahlungen habe es gegeben, "die daraus entstandenen Ausfälle hat EPG getragen". Auch räumte er ein, "die von Ihnen genannten Gesellschaften waren überwiegend Händler" des EPG-Portfolios.
Allerdings betonte er, "von einem betrügerischen Zweck der abgewickelten Zahlungen" habe das Unternehmen "zu keinem Zeitpunkt Kenntnis" gehabt. Das gesamte Kartenprocessing für Online-Händler sei "im Frühjahr 2017 beendet" worden. Ehemalige Führungskräfte der EPG äußerten sich auf BR-Anfrage nicht zu den Geschäften der Gesellschaft.
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