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Thursday, September 24, 2026

Digitalisierung in der Kardiologie: Zwischen Fortschritt und Frust

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Wie weit Möglichkeiten und Alltag in der digitalen Kardiologie auseinanderliegen, zeigen die Herztage der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Unter dem Titel „Künstliche Intelligenz im Alltag der Kardiologie“ trafen die Vision eines Krankenhauses ohne Tastatur und der Frust über PDF-Sammlungen und leere Ordner in der elektronischen Patientenakte aufeinander. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung der DGK gemeinsam mit dem Digital Cardiology and Artificial Intelligence Committee der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC).

Max Tschochohei, Softwareentwickler bei Google, zeigte zum Einstieg, wie stark die Forschung zu KI-gestützten klinischen Entscheidungsunterstützungssystemen gewachsen ist. In der Klinik greife man dagegen bei schwierigen Fragen zum Smartphone und frage ChatGPT. Oft bekämen sie wohl die richtige Antwort, offiziell dürften sie das aber nicht. Er stellte die Frage, warum solche Systeme noch nicht in der Fläche ankommen.

Simon Glück, Geschäftsführer der BNK Service GmbH, einer Tochter des Bundesverbands Niedergelassener Kardiologen (BNK), beschrieb die Ausgangslage nüchtern. Die Telematikinfrastruktur (TI) sei Infrastruktur und keine Versorgung. Eine Datenübergabe bringe erst etwas, wenn sich jemand für den nächsten Schritt zuständig fühle.

Sein Beispiel: Eine Klinik entlässt einen Patienten nach einem akuten Koronarsyndrom. Sie weiß, dass er schnell einen Termin beim niedergelassenen Kardiologen benötigt und dass die Lipidsenkung im Blick bleiben muss. Ob diese Information in der Praxis ankommt, stelle aber niemand sicher: „Es gibt kein System dafür“. Außerdem fehlten ein Rückkanal mit Eingangsbestätigung, eine Eskalation bei Warnzeichen („Red Flags“) und eine einheitliche Identifizierung der Patienten. Die Daten seien nicht strukturiert und oft keinem Behandlungsfall zeitlich zugeordnet.

Aus einer stationären Einrichtung habe er gehört, dass dort täglich mehrere Faxe mit Patientendaten eingehen. Man lege sie auf einen Stapel und warte ab, ob der Patient kommt. Eine ähnliche Folie habe er schon vor fast zehn Jahren gezeigt, und seitdem habe sich wenig geändert.

Die elektronische Patientenakte (ePA) sei der Anfang eines „Backbones“ für ein medizinisches Informationssystem. Im Moment sei sie aber vor allem eine Sammlung von PDF-Dokumenten, was regelmäßig bemängelt wird. Den größten Nutzen sieht Glück bisher im Medikationsplan. Dann fragte er in den Saal, wer schon einen TI-Messenger nutzt – nur eine Person meldete sich.

Eine Person aus dem Publikum brachte den Messenger Siilo ins Spiel. Doctolib hatte den Dienst bereits 2023 übernommen und im November 2025 in Doctolib Connect umbenannt. Die Übernahme sehe er kritisch. Vergangene Woche habe sie den TI-Messenger genutzt und einen Kollegen angeschrieben, bisher allerdings keine Antwort erhalten.

Glück sprach auch über Daten aus Wearables, digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) und dem inzwischen vergüteten Telemonitoring bei Herzinsuffizienz. Für diese Daten fehle eine „Brückenfunktion“ in die Versorgung. Er forderte ein „digitales Betriebssystem für den Versorgungspfad“, dazu gehören für ihn eine eindeutige Patientenidentität und Interoperabilität, ein strukturierter Mindestdatensatz, der sich jedoch in der Entwicklung befindet, Register und Feedbackschleifen sowie Regeln für Governance und Kompetenz. Das größte Problem sei bei all den Plänen die Finanzierung. Mit der aktuellen Gesetzgebung „laufen wir eher wieder rückgängig“.

Prof. Gerhard Hindricks vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) trat deutlich offensiver auf. „Die Zukunft der Medizin wird auf digitalen Plattformen entschieden“. Für die nächsten zwei bis drei Jahre erwartet er eine deutliche Beschleunigung. Als Gründe nannte er weniger Regulierung, eine „risikoaffinere Haltung“ und Geld, denn digital aufgestellte Häuser arbeiteten wirtschaftlicher und besser. Die Technik sei nicht das Problem: „Wir haben ein Implementierungsproblem“, so Hindricks.

DHZC und Charité wollen das „kontaktlose und keyboardlose Krankenhaus“. Zwanzig Jahre lang habe man Ärzte vor Computer gesetzt, jetzt müsse man sie dort wieder wegholen. Im Neubau des DHZC sollen Patienten, Pflegekräfte und Ärzte freihändig sprechen und dokumentieren. Eine sprachgesteuerte „Ambient AI“ überträgt die Inhalte automatisch in die Systeme. Radarsensoren sollen Biosignale ohne Berührung erfassen. Vernetzt wird über 5G und später 6G, Hindricks verwies dazu auf die Hightech-Agenda der Bundesregierung. KI-Agenten sollen die Abläufe steuern.

Hindricks selbst arbeite schon so: „Ich erstelle keinen Arztbrief mehr, der nicht KI unterstützt ist“. Patientengespräche würden nach ausdrücklicher Zustimmung aufgezeichnet. Auf Knopfdruck gebe es zusätzlich eine Fassung in einfacher Sprache, die der Patient auch versteht. Hindricks sagte außerdem einen Durchbruch der Robotik voraus. Elon Musk möge er nicht, aber was Tesla mit autonomen, adaptiven Robotern mache, „das ist einfach unfassbar“.

Zum Stand der Charité zeigte Hindricks, dass sie auf der HIMSS-Skala für den Digitalisierungsgrad (0 bis 7, hoch ist besser) derzeit auf allen Ebenen bei 0 bis 1 liege. Mit dem Krankenhausinformationssystem (KIS) Epic wolle man auf 5 bis 6 kommen und in fünf Jahren überall 6 bis 7 erreichen. Epic koste zunächst 250 Millionen Euro, „und da sind die Sekundärkosten noch nicht“ eingepreist. Im zweiten Quartal 2029 sollen rund 24.000 Beschäftigte und 3600 Betten auf einen Schlag umgestellt werden. Das sei ein „riesiges Investment“. Wenn es irgendwo ein sinnvolles Invest geben müsse, dann in der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Für die Entscheidung sei die Charité kritisiert worden, „von Menschen, die nichts davon verstehen“. Dabei habe ein zuvor defizitäres Haus mit Epic innerhalb von zwei Jahren einen zweistelligen Millionengewinn erreicht, das Klinikum Luzern habe Ähnliches geschafft.

Das Gesundheitswesen braucht laut Hindricks selbstlernende Systeme, die mit jedem Datensatz besser werden. Die Menschen müssten verstehen, „dass da auch der individuelle Datenschutz, wo er depersonalisiert ist, komplett enden muss“. Auch die Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Sektor müssten fallen. Krankenhäuser und Niedergelassene hielten sie teils aufrecht, um „Claims abzustecken und Kohle abzusichern, da müssen wir uns ehrlich machen“.

Laut Prof. Holger Thiele vom Herzzentrum Leipzig spricht man nicht über die Zukunft, wenn es um KI in der Rhythmusdiagnostik geht. Die KI sei besser als die kardiologische Zunft und werde das Langzeit-EKG für die Suche nach Vorhofflimmern überflüssig machen. Als Belege nannte er Studien, unter anderem aus Nature Medicine. Bei AV-Blöcken, wenn das Herz zu langsam schlägt, und anderen Befunden gelte dasselbe: „All das kann die KI besser als der trainierte Kardiologe, die Kardiologin oder die Rhythmologin“. Auch bei der Entscheidung, wer einen implantierbaren Defibrillator (ICD) bekommt, könne KI helfen.

Mit Blick auf Google-Entwickler Tschochohei stellte Thiele die Frage: „Wir haben ja einen Google-Software-Entwickler hier, müssen wir das alles den großen Konzernen überlassen?“ Patientinnen und Patienten gäben den großen Konzernen ohnehin schon riesige Datenmengen. Offen sei, wie Krankenhäuser und Fachgesellschaften damit umgehen. Die ESC setzt dem eigene Angebote entgegen. Dazu gehört ein Chat in ihrer App, der auf Basis der europäischen Leitlinien Vorschläge macht, wie ein einzelner Patient behandelt werden sollte. Unter ihrer neuen Präsidentin Cecilia Linde hat die ESC außerdem eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich um Aus- und Weiterbildung, Data Science und Leitlinien kümmert . Dort gehe es auch um die Frage, ob Leitlinien, die nur etwa alle fünf Jahre überarbeitet werden, noch zeitgemäß sind oder ob neue Modelle weiterhelfen könnten. Langfristig sehe die ESC neben Kardiologen und Rhythmologen auch Spezialisten für digitale Kardiologie und KI. So wolle die Fachgesellschaft „die Revolution der KI“ begleiten und vor allem für die Qualität sorgen.

Clemens Scherer vom LMU Klinikum München zeigte, wie KI die Forschung beschleunigt. Beispiele waren die Vorhersage von Proteinstrukturen mit Googles AlphaFold und ein Netzwerk aus KI-Agenten, das Medikamentenkombinationen gegen akute myeloische Leukämie vorschlug. Er warnte aber vor erfundenen Quellenangaben. Eine Auswertung von Nature fand unter rund 4000 Publikationen 65 mit halluzinierten Referenzen. Große Forschungsnetzwerke wie das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) mit seiner Heart Bank hält er für unverzichtbar. Die Digitalisierung sei dort bisher allerdings zu kurz gekommen.

Inga Drossart ist seit fast 30 Jahren Herzpatientin und betreut als Patient Engagement Officer das Patientenforum der ESC. Sie sagte, dass allein bei ChatGPT täglich rund 40 Millionen Gesundheitsfragen gestellt würden. Dass Patienten heute Zugang zu Wissen haben, hält sie für wichtig. „Die KI ersetzt den Arzt nicht und das ist auch nichts, was Patienten wollen“. Patienten suchten aber einen Berater, der sich die mitgebrachten Informationen gemeinsam mit ihnen ansieht. Digitale Gesundheitskompetenz dürfe man nicht allein den Patienten aufbürden. „So ein Patient ist keine Bedrohung“.

In der anschließenden Diskussion meldete sich der Berliner Kardiologe Benny Levenson zu Wort. Levenson führt eine Gemeinschaftspraxis in Berlin-Charlottenburg und ist Vorsitzender der Assembly of International Governors des American College of Cardiology (ACC). Er widersprach Hindricks. Dass Kliniken und Niedergelassene ihre Pfründe verteidigten, sei „ein gestriges Phänomen und ein gestriges Argument“.

Mit den Hybrid-DRGs, die der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf den Weg gebracht hatte und bei denen ambulant und stationär gleich vergütet wird, sei man längst weiter. Das eigentliche Kernproblem sei, abgesehen davon, „dass wir digitale Analphabeten sind, insgesamt in der Versorgung“, laut Levenson, „dieses irrsinnige Problem des übersteigerten Datenschutzes“. Estland und Israel machten vor, wie es besser geht. Die Politik treibe die Entwicklung in zwei „sehr negative“ Richtungen. „Auf der einen Seite, wenn, ich komme aus einem möglicherweise demnächst linksfaschistischen Bundesland“, dort solle der Datenschutz weiter ausgebaut werden, „weil keiner irgendwas sehen darf, weil alles dem Einzelnen gehört“. Levenson erinnerte dabei an die Volkszählung in den 1980er-Jahren. Auf der anderen Seite, Richtung AfD, gebe es einen Trend, über jeden alles wissen zu wollen. Von Hindricks wollte Levenson erfahren, wie wahrscheinlich es sei, dass Deutschland bald ein so digitalisiertes Gesundheitssystem bekomme wie andere Länder.

Bezüglich der Hybrid-DRGs pflichtete Hindricks Levenson bei. Sie gingen „in die richtige Richtung und knacken die Sektoren ganz ein bisschen auf“. Dass Sektorengrenzen weiter fallen müssten, sei „unstrittig, auch unter uns“. Er sehe „viel ungerichtete Ängste auf Seiten der Politik“ und forderte mehr Mut zum Risiko. Sonst sei Deutschland international verloren. Die Fachgesellschaften müssten mehr Druck auf die Politik machen. Levenson nannte er dabei einen „der großen Protagonisten“. Themen in immer neue Kommissionen und Taskforces zu schicken, nannte er „angstbehaftetes Gehabe“. Das sei „schädlich und unerträglich und am Ende schlecht für unsere Patienten“.

Scherer sah das anders: „Meiner Meinung nach ist der Datenschutz inzwischen nicht mehr so das Problem, ehrlich gesagt, sondern einfach die technischen Möglichkeiten der Klinik“. Das LMU Klinikum ist nicht an die ePA angebunden. Die IT hat dort, wie viele weitere Kliniken ebenfalls, Sorge vor Viren, die über die ePA in die Kliniksysteme kommen. Die Sorge haben auch die Hersteller.

Auch aus anderen großen Kliniken kämen keine Einträge in der ePA an, sagte Levenson. Zudem bemängelte er den mit dem Spargesetz gefassten Beschluss der Bundesregierung, die Zusatzvergütung für die Befüllung der ePA zu streichen. „Es wird dann keiner mehr etwas in die ePA eintragen“, so Levenson. Tschochohei fragte, warum weiterhin an Arztbriefen festgehalten werde. In der Vergangenheit wurde bereits bemängelt, dass es die „Prosa“ im Brief nicht brauche, sondern die reinen Fakten ausreichten. Als Beispiel nannte er eine Patientin mit elf Arzt- und Befundbriefen, zusammen mindestens 40 Seiten Prosa. Strukturierte Daten seien hilfreicher.

Eine Person aus dem Publikum warnte, der Bevölkerung sei nicht klar, dass Krankenkassen nach der neuen Gesetzgebung personenbezogen in Daten schauen dürften, etwa für Präventionsprogramme. In Zukunft sollen die Krankenkassen mit KI auch die ePA-Daten der Versicherten durchsuchen und Empfehlungen aussprechen können. Am Freitag, den 25. September, wird der Bundesrat über das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) beraten. Es soll den Kassen weitere Befugnisse geben. Geplant sind unter anderem erweiterte Möglichkeiten, Versichertendaten auszuwerten. Ärzteverbände und Patientenvertreter warnen davor, ebenso wie vor der geplanten Forschungskennziffer.

Am Rande der Veranstaltung zeigte Dr. Maximilian Priebe vom UKE, wie nah solche Technik schon beim Patienten ist. Er führte heise online die App Theodor Health vor, die er mitentwickelt hat. Man hält das Smartphone 15 Sekunden an die Brust, das Mikrofon nimmt Herz- und Lungengeräusche auf. Eine KI wertet Rhythmus, Herz- und Atemfrequenz sowie akustische Auffälligkeiten aus. Sie weist auf Unregelmäßigkeiten wie Vorhofflimmern hin und auf Herzgeräusche, die ärztlich abgeklärt werden sollten. Zusätzliche Hardware braucht es nicht. Als Medizinprodukt ist die App des Hamburger Anbieters Acus Health noch nicht zertifiziert. Das Verfahren laufe gerade, sagte Priebe.

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