ICANN veröffentlicht Liste möglicher neuer Top-Level-Domains
1615 Anträge für die Eintragung neuer Top-Level-Domains verzeichnet die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). In der gestern Abend veröffentlichten Liste finden sich auch 84 Anträge aus Deutschland, darunter neue Städtedomains für .muenchen, .bremen und .ulm sowie Markennamen wie .adidas, .liebherr oder .biontech. Der längste deutsche Wunschzettel kommt von der NextGEN TLDs GmbH mit 22 Anträgen auf Portfolio-TLDs, darunter Begriffe wie .cert, .config, .cyber, .update oder .upload.
Die ICANN hat sich viel Zeit genommen für die vierte Lizenzierungsrunde für neue Top-Level-Domains. Zuletzt konnten Unternehmen 2012 die Neueintragung von Namen in die von der privaten Namensverwaltung gemanagte Root-Zone beantragen. Nach fast eineinhalb Jahrzehnten ist der Bedarf entsprechend groß.
Die ICANN notiert 333 Anträge auf Eintragung von Markennamen als TLDs, 16 sogenannte Community Applications, vergleichbar der 2012 von mehreren Gruppen begehrten .gay, und immerhin 15 Geonamen, zu denen auch .muenchen, .bremen und das von den Ulmer Stadtwerken beantragte .ulm gehören.
Run auf .agent, .agentic
Fast alles, was Rang und Namen im KI-Bereich hat, möchte den String .agent für sich eintragen lassen. Neben OpenAI, Google und Meta haben sich zehn weitere Bewerber in die Schlange gestellt. Am Ende wird der Gewinner über eine Auktion von der ICANN gekürt und bis dahin gelten strenge Regeln gegen Absprachen der Bewerber. Auch andere KI-bezogene Strings wie .agi, .aiagent oder auch einfach .agnt sind umkämpft. Für manchen vielleicht tröstlich: Ein halbes Dutzend Antragsteller möchte gerne .human als TLD in der Root-Zone haben.
Das Gros der Bewerbungen kommt wie auch schon 2012 aus den USA. 864 Anträge stammen aus Nordamerika, darunter einer für .trump von der Markenholding des US-Präsidenten. Europa folgt mit 506, vor dem Raum Asien/Australien/Pazifik mit 218. Die Zahlen für Afrika sowie für Lateinamerika und die Karibik (nur 11 Anträge) illustrieren einmal mehr die digitale Spaltung – gerade einmal 16 Bewerbungen von sieben Antragstellern trudelten aus Afrika ein. Mehrere davon, etwa .larus und .nrs (für Number Resource Society), stammen dabei aus dem Umfeld des Hongkonger IP-Adressverkäufers Lu Heng.
Das von der ICANN aufgelegte Programm zur Unterstützung kapitalschwacher Bewerber, gerade auch aus den Ländern des Südens, hat nur 56 qualifizierte Bewerber mit zusammen 51 Anträgen angelockt. Das ist kaum verwunderlich, bleiben die Kosten trotz einer Reduktion der Bewerbergebühr von 227.000 US-Dollar um 75 Prozent beträchtlich – auch ohne reichlich anfallende Zusatzkosten.
.euro für die Europäische Zentralbank
Die großen Zahlen aus den USA und Europa stammen dabei vor allem von den sogenannten Portfolio-TLD-Betreibern. Böse Zungen sprechen auch schon mal von digitalen Grundstücksspekulanten. Stolze 36 Millionen US-Dollar investiert etwa die Link Freedom Group, die von Malta aus 158 Anträge an die ICANN gesandt hat. Eine Gruppe ehemaliger und aktueller Afilias-Gründer und -Teilhaber will unter dem Dach der NextGEN TLDs GmbH mit bescheidenen 22 Anträgen ins Geschäft kommen.
Eine interessante Bewerbung hat die Europäische Zentralbank eingereicht. Sie will sich .euro sichern, möglicherweise passend zu ihren Plänen für den digitalen Euro. Eine eigene TLD, so argumentieren Experten, könne, entsprechend betrieben, ein Souveränitätsanker sein.
Langer Weg zur TLD
Noch ist es ein langer Weg bis zur Eintragung der TLDs. Erst im kommenden Jahr rechnet man mit dem Start der aufwendigen Überprüfungen in technischer, rechtlicher und finanzieller Hinsicht.
Bis zum 21. Oktober haben die Bewerber Zeit, auf ihre mitangemeldeten Ersatz-Strings umzusteigen, etwa um Konflikte zu vermeiden. Vom 17. November 2026 bis 16. März 2027 können dann Regierungen, Öffentlichkeit und Markeninhaber Einwendungen erheben. Dann wird zum Unmut mancher per Los bestimmt, welche Bewerbungen zuerst von der ICANN abgearbeitet werden.
Rund vier Dutzend haben laut dem Fachblatt Domain Incite schon jetzt aufgegeben und ihre ICANN-Gebühr nicht bezahlt. Auch Projekte, die es am Ende in die Root schaffen, können scheitern. Zu denen aus der Runde von 2012, die in den vergangenen drei Jahren aus der Root ausgetragen wurden, gehören VW (.volkswagen), Ferreros hochumstrittene .kinder-TLD oder auch die Marken-TLD .lancaster und die des Telcoriesen .comcast.
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