Hamas-Überfall am 7. Oktober: "Eine Horrorgeschichte türmte sich auf die andere"

Hamas-Überfall am 7. Oktober"Eine Horrorgeschichte türmte sich auf die andere"
07.10.2026, 06:13 Uhr
Von Hubertus Volmer
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Vor drei Jahren ermorden Hamas-Terroristen die Eltern von Maoz Inon. Statt Rache zu fordern, engagiert er sich für eine Aussöhnung von Palästinensern und Israelis. Seine Botschaft trägt er bis zum UN-Sicherheitsrat: "Unsere Trauer kann keine Entschuldigung für Krieg sein."
Am 7. Oktober 2023 bekommt Maoz Inon per Whatsapp eine Nachricht von seinem Vater. "Guten Morgen. Sitzen im Schutzraum", schreibt der ihm. "Wir haben das Haus verriegelt. Hören Raketenbeschuss. Keine Ahnung, was hier vor sich geht."
Im Rückblick klingt es überraschend, aber Inon ist zu diesem Zeitpunkt nicht übermäßig beunruhigt: Beschuss durch palästinensische Terroristen ist man in Israel gewohnt. Dazu kommt, dass seine Eltern unmittelbar neben dem Gazastreifen leben: Als Inon 14 Jahre alt war, zogen sie mit ihm und seinen Geschwistern in die Ortschaft Netiv HaAsara, keine 400 Meter von den Grenzbefestigungen entfernt. Immer wieder fliegen Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen nach Israel, auch nach Netiv HaAsara. Zwischen 2005 und 2010 sterben dort drei Menschen infolge dieses Beschusses.
Das ist der Grund, warum Inon sich zunächst kaum Sorgen macht. "In den vergangenen zwanzig Jahren waren für Israelis und Palästinenser, die so nah an der Grenze wohnten, Raketen, Sirenen und Schüsse zu einer beständigen und alltäglichen Begleitmusik geworden", schreibt er in einem Buch. "Es war 'normal' geworden."
"Ein Abgrund aus Schmerz und Fassungslosigkeit"
Dann sieht Inon in seinem Handy Bilder und Videos von Bewaffneten, die mit Jeeps durch die Stadt Sderot fahren, wenige Kilometer von Netiv HaAsara entfernt. Er ruft seinen Vater an, der jetzt von Luftschutzsirenen und Schüssen berichtet. Es wird das letzte Gespräch sein, dass Maoz Inon mit seinem Vater führt.
Im Laufe des Tages erreichen immer neue Nachrichten Inon und seine Geschwister. "Eine Horrorgeschichte türmte sich auf die andere", schreibt er. "Immer, wenn wir dachten, wir hätten den Tiefpunkt erreicht, zog es uns erneut den Boden unter den Füßen weg, und wir sanken noch tiefer in einen Abgrund aus Schmerz und Fassungslosigkeit."
Am Nachmittag erfahren sie: Ihre Eltern, Yakovi und Bilha Inon, sind tot. Hamas-Kämpfer haben sie erschossen, das Haus in Brand gesteckt. "Der Leichnam unseres Vaters war so schwer verbrannt, dass seine Überreste erst zwei Wochen später inmitten der Asche und der Trümmer unseres Elternhauses identifiziert werden konnten. Von unserer Mutter blieb nichts."
Eine Nachricht als "Lichtstrahl in der Dunkelheit"
Was Inon beschreibt, ist mehr als der Verlust von nahen Angehörigen. Er berichtet von einem "bodenlosen Abgrund von Trauer und Schmerz", von Albträumen und einem "Trauerzyklus, der immer und immer wieder von Neuem begann".
Nicht nur für Inon und seine Geschwister, für ganz Israel und für Juden weltweit ist der 7. Oktober, der sich an diesem Mittwoch zum dritten Mal jährt, eine in höchstem Maße traumatische Erfahrung. 20 Menschen werden allein in Netiv HaAsara ermordet. Insgesamt töten die Hamas-Terroristen 1200 Menschen. 250 Menschen werden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Es ist das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust.
Ein paar Tage später erhält Inon wieder eine Nachricht. Sie kommt von Aziz Abu Sarah, einem Palästinenser, den er flüchtig kennt. Beide, Inon und Abu Sarah, sind in Friedensorganisationen engagiert, beide sind beruflich in der Tourismusbranche tätig. Es ist nur eine kurze Beileidsbekundung, aber in den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und Kämpfen zwischen Palästinensern und Israelis ist bereits Beileid über die Konfliktlinie hinweg ein ungewöhnlicher Schritt.
Inon empfindet die Nachricht als "Lichtstrahl in der Dunkelheit". Ebenso ungewöhnlich ist seine Antwort: "Ich weine um meine Eltern", schreibt er zurück. "Aber ich weine auch um jedes Kind in Gaza und all die Menschen, die in der Eskalation des Krieges, der uns nun bevorsteht, ums Leben kommen werden."
"Wir sind alle von Trauma und Verlust durchdrungen"
Es wäre ein Missverständnis, diese Sätze von Maoz Inon als Relativierung des Massakers vom 7. Oktober zu sehen. Das Gegenteil ist der Fall: Inon und auch Abu Sarah wehren sich dagegen, dass ihre Trauer gegen die Trauer von anderen aufgerechnet wird. Denn auch Aziz Abu Sarah trauert: Als er zehn Jahre alt ist, stirbt sein Bruder Tayseer an den Folgen von Folter, die ihm in einem israelischen Gefängnis zugefügt worden war.
Dieser Verzicht auf Aufrechnung kann mitunter leicht skurrile Züge annehmen: Vor einem gemeinsamen Auftritt sagt der Israeli zu seinem palästinensischen Freund, er werde in der gleichen Terminologie über seine Eltern sprechen wie dieser über seinen Bruder. "Wir waren uns einig, dass wir Gleichberechtigung praktizieren müssen", erläutert Inon im Interview mit ntv.de, "denn leider bin ich oft als derjenige vorgestellt worden, dessen Eltern am 7. Oktober ermordet wurden, und Abu Sarah als derjenige, dessen Bruder während der ersten Intifada starb. Wir lehnen diese ungleiche Terminologie ab. Aus unserer Sicht haben wir beide unsere Angehörigen durch den palästinensisch-israelischen Konflikt verloren."
Das Buch, in dem Inon seine Geschichte erzählt, hat er zusammen mit Abu Sarah geschrieben, es heißt "Die Zukunft ist Frieden". Man merkt dem Buch an, dass die beiden Reisende und Reiseführer sind: Sie verstehen es, Geschichten so zu erzählen, dass man sie hören will. Das Buch ist der Bericht von gemeinsamen Reisen durch Israel und das Westjordanland - das "Heilige Land", das vor allem ein traumatisiertes Land ist. "Wir leiden alle, wir sind alle von Trauma und Verlust durchdrungen", sagt Inon in einem Kapitel, in dem er mit Abu Sarah Nazareth und Umgebung besucht. Das heißt nicht, dass alle Traumata gleich sind - aber alle Traumata sollten gleichermaßen respektiert werden, so die Botschaft von Maoz Inon und Aziz Abu Sarah, die sie seit 2024 gemeinsam in die Welt tragen.
Im selben Jahr trafen sie Papst Franziskus, kürzlich sprachen sie vor dem UN-Sicherheitsrat. "Unsere Trauer kann keine Entschuldigung für Krieg sein", sagte Inon dort. Auch vor dem höchsten UN-Gremium berichtete er davon, wie am 7. Oktober eine Welt für ihn zusammenbrach. Die Hamas habe grauenvolle Kriegsverbrechen begangen, indem sie unschuldige Israelis ermordet und verschleppt habe. Zugleich habe die israelische Regierung diese Gräueltaten genutzt, um "einen zerstörerischen Rachekrieg" zu führen. "Rache wird meine Eltern niemals zurückbringen. Rache nährt lediglich einen endlosen Kreislauf von Trauma und Blutvergießen."
"Es ist nicht leicht, Empathie zu zeigen, wenn man selber leidet, aber es ist eine Kraftanstrengung, für die es sich zu kämpfen lohnt", sagt einer der beiden in dem gemeinsamen Buch. Welcher von ihnen? Das kann hier offenbleiben. Für die gemeinsame Botschaft spielt es keine Rolle.
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