Oleschky-Evakuierung: Wer verhandelt für Russland und die Ukraine?
Eine lokale Waffenruhe ermöglicht in der von Russland besetzten Stadt Oleschky im Süden der Ukraine eine humanitäre Mission. Koordiniert wird sie vom ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinez und seiner russischen Amtskollegin Jana Lantratowa. Ein Video ihres jüngsten Treffens im belarussischen Gomel, bei dem beide über den Austausch von Kriegsgefangenen gesprochen haben, verbreitete sich im Internet rasant und erzielte Millionen Aufrufe. Darin begrüßen sich Lubinez und Lantratowa überraschend herzlich: "Jana Walerjewna, ich freue mich, Sie wiederzusehen!" - "Gleichfalls!"
Was ist über die Ombudspersonen Russlands und der Ukraine bekannt, die unerwartet produktive Verhandlungen führen?
"Ich kann jederzeit anrufen oder schreiben"
Die 37-jährige Jana Lantratowa ist seit Mai russische Ombudsfrau. Nach ihrer Ernennung erklärte Lantratowa, sie wolle sich dafür einsetzen, dass Teilnehmer des Ukraine-Krieges und ihre Familien Hilfen erhalten und dass junge Menschen über ihre Rechte aufgeklärt werden. Weitere Aufgaben seien die "Prävention von Extremismus" und die "Förderung besonders schutzbedürftiger Bevölkerungsgruppen".
Lantratowa nahm schnell Kontakt zu Lubinez auf. "Wir haben sofort vereinbart, dass wir uns treffen", bestätigte ihr ukrainische Amtskollege. Ergebnis des Treffens im Juni war eine "faktisch tägliche Arbeitskommunikation" und ein neues Format für den Austausch Gefallener, so Lubinez. "Wir sind endlich soweit, dass die russische Seite von quantitativen Vorgaben abgerückt ist. Es läuft nicht mehr nach dem Prinzip 100 Leichen gegen 100 Leichen. Jede Seite übergibt so viele, wie sie hat", berichtete er. Ferner sei der Austausch von Dokumenten geregelt worden. "Da die diplomatischen Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland abgebrochen sind, ist dies für die Bürger beider Länder die einzige Möglichkeit, Bescheinigungen von staatlichen Stellen zu erhalten", erläuterte Lubinez.
"Eine wohlüberlegte Karriere als Staatsbeamtin"
"Ein absoluter Emporkömmling, eine opportunistische Dame. Eine wohlüberlegte Karriere als Staatsbeamtin", schrieb Lew Ponomarjow, Gründer der russischen Bewegung "Für Menschenrechte" über Lantratowas Laufbahn. Sie begann im Jahr 2009 als Regional-Koordinatorin der Jugendbewegung "Junge Garde" der regierenden Partei "Einiges Russland". Wenige Jahre später wurde Lantratowa Mitglied des Rates für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und Menschenrechte beim russischen Präsidenten. Sie beteiligte sich an der Arbeitsgruppe zur "Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte auf dem Gebiet der Ukraine". In dieser Zeit reiste Lantratowa nach Donezk und Luhansk, befasste sich mit Flüchtlingsfragen und Gefangenenaustauschen, sprach von einer "humanitären Katastrophe" sowie der Notwendigkeit, "die Zivilbevölkerung im Donbass zu schützen". Dabei warf sie den ukrainischen Behörden vor, im Osten des eigenen Landes Menschenrechte zu verletzen.

2021 wurde Lantratowa Abgeordnete von Russlands Staatsduma, wo sie den Ausschuss für die Entwicklung der Zivilgesellschaft leitete. Lantratowa war an der Ausarbeitung von fast 600 Gesetzesentwürfen beteiligt - unter anderem zur Schaffung eines Registers für "ausländische Agenten" sowie zur Verschärfung der Strafen für die Verbreitung von "Falschinformationen" über die russische Armee.
Was die Ukraine Lantratowa zur Last legt
Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) erhob 2024 in Abwesenheit Anklage gegen Jana Lantratowa. Die ukrainischen Ermittler werfen ihr vor, an der Deportation von Kindern aus Cherson beteiligt gewesen zu sein. Sie soll während der russischen Besatzung der Stadt mit Inna Warlamowa, der Ehefrau des Chefs der Partei "Gerechtes Russland", Sergej Mironow, zwei Kinder aus einem dortigen Kinderheim nach Russland gebracht haben.
"Wir haben vereinbart, bei null anzufangen"
Lubinez ist einer der wenigen ukrainischen Amtsträger, die regelmäßig mit der russischen Seite in Kontakt stehen. Erste Gespräche mit der damaligen Ombudsfrau Tatjana Moskalkowa gab es im Oktober 2022. Es folgten weitere Treffen, meist im Rahmen von Gefangenenaustauschen. Diese Arbeit setzt Lubinez mit Lantratowa fort. "Wir haben vereinbart, bei null anzufangen", sagte Lubinez nach dem ersten Treffen im Juni.

Bekannt wurde Lantratowa in der Ukraine vor allem durch ein Video, in dem ein Mitglied der ukrainischen Delegation russische Vertreter umarmt. Es löste viel Empörung aus. Lubinez erklärte daraufhin, es habe sich nicht um Mitarbeiter seines Büros, sondern um Angehörige von "Geheimdiensten" gehandelt und fügte hinzu, dass das ukrainische Verhandlungsteam verschiedene Ansätze verfolge, insbesondere die Taktik eines "guten und bösen Polizisten".
Vor Beginn seiner politischen Laufbahn war Dmytro Lubinez als Unternehmer und Jurist tätig, bevor er 2010 in den Stadtrat von Wolnowacha im Osten der Ukraine gewählt wurde. Später leitete er im ukrainischen Parlament den "Ausschuss für Menschenrechte, die Deokkupation und Reintegration der vorübergehend besetzten Gebiete, nationale Minderheiten sowie interethnische Beziehungen". Lubinez' Heimatstadt Wolnowacha geriet im März 2022 unter russische Besatzung. Im Juli 2022 wurde Lubinez Menschenrechtsbeauftragter des Parlaments. Sein zentrales Anliegen ist es, Menschen aus russischer Gefangenschaft und aus den besetzten Gebieten herauszuholen.
Lubinez richtet klare Worte an internationale Organisationen. Er hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wiederholt dafür kritisiert, dass es nicht genügend Druck auf Russland ausübt, um Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen und zivilen Geiseln zu erhalten. Als im September 2024 drei ukrainische IKRK-Mitarbeiter bei einem russischen Angriff in der Region Donezk ums Leben kamen, warf er der Leitung des Komitees vor, in einer Stellungnahme zu der Tragödie Russland mit keinem Wort erwähnt zu haben.
Was Lubinez in der Ukraine kritisiert
Auch in der Ukraine scheut es Lubinez nicht, Missstände anzusprechen, darunter die sogenannte "Busifizierung", einen Vorgang, bei dem Männer gewaltsam in Busse der territorialen Rekrutierungszentren gezerrt werden, um sie in den Krieg zu schicken. Lubinez findet, dass sich die Zentren in einer Krise befinden. Er prangert Korruption auf verschiedenen Ebenen der Rekrutierung an, aber auch die illegale Einberufung von Personen, die Aufschub genießen. Lubinez verlangt Körperkameras und eine Videoüberwachung in den Räumen der Zentren. Zugleich betont er, dass eine weitere Rekrutierung für die Armee nötig sei, sie müsse aber im Rahmen der Gesetze ablaufen.
Zahlen aus Lubinez' Büro zeigen, dass sich die Probleme verschärfen. 2022 gingen beim Ombudsmann 18 Beschwerden über Verstöße bei der Rekrutierung ein, 2023 waren es über 500, 2024 mehr als 3400 und 2025 waren es schon 6000. Allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres sind schon mehr Beschwerden eingegangen als im gesamten Vorjahr.
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