Mbappé-Boykott in China: Schluss mit lustig

Der französische Fußballstar Kylian Mbappé wird wegen einer belanglosen Bemerkung zur Zielscheibe der chinesischen Zensurwut.
Es war eine beiläufige Aussage aus einem französischen Podcast, die bereits sieben Monate zurückliegt. Und dennoch hat sie dem Fußballstar Kylian Mbappé einen Boykott in der Volksrepublik China eingebracht, einem der wichtigsten Absatzmärkte für Sponsorendeals weltweit.
Was war passiert? Der 27-jährige Stürmer wurde damals gefragt, welche seiner unzähligen Memes – also im Internet kursierende Fotomontagen – er besonders gelungen finde. Mbappé musste länger nachdenken. Dann sagte er mit einem Grinsen im Gesicht: das mit einem Typen, der wohl ein „chinesischer Diktator“ gewesen war.
Gemeint ist ein Foto des Fußballers, dem die Glatze und die ikonische Zhongshan-Jacke von Chinas Staatsgründer Mao Zedong verpasst wurde. Ziemlich ulkig sieht das Ganze aus, im Übrigen auch für Nichtfußballfans. Und historisch korrekt ist die Bezeichnung „Diktator“ allemal. Doch Pekings Parteiführung war dennoch kein bisschen zum Lachen zumute.
Als Mbappés Aussagen – aus bisher ungeklärten Gründen – Ende Oktober erstmals im chinesischen Netz kursierten, reagierte die Staatsmacht mit einer beispiellosen Boykottkampagne: Die Parteizeitungen prangerten den Franzosen auf ihren Titelseiten an, in den sozialen Medien wütete die patriotische Internetgemeinde, und das Außenministerium urteilte: Mbappé habe „die Gefühle des chinesischen Volks verletzt“.
Boykott von Real Madrid im Staatsfernsehen
Die unachtsame Bemerkung dürfte nicht nur den Fußballstar Millionensummen kosten: So haben sämtliche chinesische Getränkehersteller, die mit Mbappés Konterfei geworben haben, ihre Sponsorenverträge aufgekündigt. Auch das Staatsfernsehen teilte mit, sämtliche Spiele von Mbappés Verein Real Madrid nicht mehr zu übertragen.
Online reagieren viele Chinesen auch offen rassistisch. „Er sollte Baumwolle pflücken gehen und umerzogen werden“, schimpft ein Nutzer auf der Online-Plattform Weibo.
Die meisten Chinesen wissen jedoch nicht, welche Aussagen des Fußballers ihre Gefühle angeblich verletzt haben sollen. Die entsprechende Passage aus dem Podcast-Interview wurde längst im chinesischen Internet zensiert. Und wer die chinesischen KI-Chatbots befragte, erhielt nur folgende Replik: „Hallo, ich kann diese Frage im Moment nicht beantworten. Lass uns über etwas anderes sprechen.“
Fast ebenso absurd wie Chinas Boykottkampagne gegen Mbappé waren die unterwürfigen Entschuldigungen. „Ich entschuldige mich bei jedem, den meine Worte verärgert haben“, ließ der Franzose mitteilen. Sein Team Real Madrid postete: „Unser Verein hegt tiefen Respekt für China, seine Geschichte, seine Kultur und seine Bürger sowie für die Millionen chinesischer Fans, die Real Madrid mit Zuneigung und Bewunderung begegnen.“ Bislang hat der Kotau noch keine Wirkung gezeigt.
Die Angelegenheit zeigt, wie entschlossen die chinesische Staatsführung ist, die Meinungsfreiheit auch jenseits der eigenen Landesgrenzen einzuschränken: Keine Person des öffentlichen Lebens darf sich das Recht herausnehmen, die „roten Linien“ der kommunistischen Partei zu übertreten.
„Der Mao-Revisionismus ist absolut grotesk: Staatsmedien verlangen, dass sich Ausländer vor einem Ungeheuer verneigen, das zig Millionen ihrer eigenen Vorfahren getötet hat“, kommentiert der britische Menschenrechtsaktivist und China-Kritiker Luke de Pulford: „Dabei hat Mbappé lediglich etwas gesagt, das jeder weiß, der sich auch nur oberflächlich mit Geschichte beschäftigt hat: Mao war nicht einfach nur ein Diktator, sondern der größte Massenmörder des vergangenen Jahrhunderts.“ Die Journalistin Cheng Lei, die mehrere Jahre in China inhaftiert war, meinte: „Je stärker man an China gebunden ist, desto mehr wird man zu dessen Gefangenem.“
Tatsächlich begegnet man als Chinakorrespondent der bereits selbstverständlichen Selbstzensur innerhalb der Sportwelt immer wieder. Vor wenigen Jahren sagte der Chinavertreter eines deutschen Bundesligaklubs stolz während eines privaten Gesprächs, dass er dem muslimischen Stürmerstar „Gott sei Dank“ noch ausreden konnte, eine Solidaritätsbotschaft mit den Uiguren zu posten. Das Turkvolk im westchinesischen Xinjiang wurde damals zu Hunderttausenden in politische Umerziehungslager gesteckt.
Die eigentliche Ironie dieser angeblichen Provokation dürfte der Parteiführung in Peking entgangen sein: Das sogenannte Mao-Meme von Mbappé wurde kreiert, um voller Bewunderung zu unterstreichen, wie mächtig der Stürmer geworden ist.
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