Commerzbank-Übernahme: Was auf Beschäftigte und Mittelstand zukommt
Stand: 08.10.2026 • 08:57 Uhr
Die italienische Großbank UniCredit steht vor der Übernahme der Commerzbank. Jetzt beginnt die entscheidende Phase - mit gravierenden Folgen für Mitarbeiter und Firmenkunden.
Im Schatten des Frankfurter Commerzbank-Turms liegt das Büro von "Indigo Headhunters". Von dort vermittelt Geschäftsführer Andreas Krischke mit seinem Team seit 20 Jahren Fach- und Führungskräfte in der Finanzbranche. Aus dem Wolkenkratzer nebenan rufen ihn gerade viele an.
"Das Paradoxe dabei ist, dass sich gerade die Personen bei mir melden, die gar nicht unmittelbar von einem Jobverlust bedroht sind", so Personalvermittler Krischke.
Doch die aktuelle Unsicherheit und die Aussicht auf einen "zähen Integrationsprozess" führen nach seiner Beobachtung dazu, dass sich gerade die Leistungsträger, die die Commerzbank gar nicht verlieren möchte, nach Jobalternativen umsehen.
Klare Antwort von der Börse
Wenn es um die Zukunft der Commerzbank geht, liefert die Börse schon jetzt eine klare Antwort auf den Ausgang des Übernahmepokers, der vor zwei Jahren startete. Seit September 2024 ist der Wert der Commerzbankaktie um 223 Prozent gestiegen.
In den aktuellen Kurs sei schon eingepreist, dass die UniCredit trotz aller Fragezeichen mit der Übernahme der Commerzbank eine "paneuropäische Bank" baue, erklärt Florian Heider, Direktor am Frankfurter Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE. "Deswegen ist der Kurs jetzt so hoch."
Zugleich haben derzeit einzelne Meldungen oder sogar Gerüchte über den Stand der Übernahme großen Einfluss auf den Wert der Commerzbank-Aktie. Genau damit ist auch in Zukunft zu rechnen: Der Aktienkurs wird wohl so lange stärker schwanken, bis die zentralen Fragen der Übernahme geklärt sind.
Unsicherheit für die Beschäftigten
Mit Ungewissheit leben müssen auch die mehr als 40.000 Beschäftigten der Commerzbank. Doch zumindest die Richtung ist klar: In Zukunft werden viele Arbeitsstellen wegfallen.
Auch ohne Übernahme will die Commerzbank bis 2030 nach eigenen Angaben 7.000 Vollzeitstellen sozialverträglich abbauen. Denn es gib in der gesamten Bankenbranche einen generellen Kostendruck sowie große Sparpotenziale durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.
"Diese Effekte potenzieren sich, wenn zwei Institute mit entsprechenden Doppelstrukturen zusammenkommen", erklärt Headhunter Krischke. Das war beispielsweise auch schon so, als 2008 die Commerzbank die Dresdner Bank kaufte.
Vergangene Versäumnisse bedrohen Unabhängigkeit
Wegen der damaligen Übernahme konnte die Commerzbank heute, fast 20 Jahre später, überhaupt erst zum Übernahmekandidaten werden. Denn der damalige Kauf der Dresdner Bank in der globalen Finanzkrise brachte die neue Großbank in Schieflage, der deutsche Staat musste das Institut mit Steuermilliarden retten und bekam dafür Aktienanteile.
2024 reduzierte der Bund diesen Aktienanteil von 16,5 auf 12 Prozent. Die UniCredit griff zu, kaufte weitere Aktien und hat inzwischen faktisch auf der nächsten Hauptversammlung im Mai 2027 eine Mehrheit. Der deutsche Staat hat so inzwischen an Einfluss verloren.
"Die Verhandlungsposition ist geschwächt", sagt Heider. Nichtsdestotrotz seien zwölf Prozent "solide" für die weiteren Gespräche. Denn für "fundamentale Veränderungen bei der Commerzbank" brauche UniCredit 75 Prozent der Aktien. Derzeit ringen Bund, Commerzbankvorstand und UniCredit um die Zukunft der zweitgrößten Privatbank in Deutschland.
Die Finanzierung des Mittelstands
Für den Wirtschaftsstandort spielt die Commerzbank als Finanzierer des Mittelstands eine zentrale Rolle. Nach eigenen Angaben wickelt die Bank 30 Prozent des deutschen Außenhandels ab.
So ist die Commerzbank beispielsweise auch die Hausbank der Schunk Group aus dem mittelhessischen Heuchelheim. 10.000 Beschäftigte stellen Maschinen und Werkstoffe für den globalen Markt her.
Unternehmens-Chef Peter R. Manolopoulos ist seit Jahrzehnten mit der Commerzbank "sehr zufrieden", macht aber zugleich klar: "Wenn die Commerzbank ihre Rolle als Finanzierer des Mittelstands nicht mehr wie gewohnt wahrnimmt, müssen wir in Zukunft auf andere Banken setzen."
Hoffnung auf einen "europäischen Champion"
Bei einer Übernahme gibt es nach Ansicht des Bankenexperten Florian Heider durchaus auch Chancen für bessere Finanzierungsbedingungen, da die Bankenlandschaft in Deutschland bisher eher kleinteilig strukturiert ist. "Sollte hier tatsächlich ein europäischer Champion entstehen, gibt es eine Alternative zu den großen US-Banken."
Doch was auch immer in den nächsten Wochen und Monaten passieren wird: Zumindest die Privatkunden der Commerzbank merken wohl von all dem nichts. Bei Girokonto, Depot oder Immobilienfinanzierung sind auch mit einer "italienischen Commerzbank" keine Veränderungen zu erwarten.
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