Generalstreik in Frankreich: Sie hoffen, dass das nur der Anfang ist

In 207 Städten wurde in Frankreich gestreikt. Unterwegs mit der Lehrerin und Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft Nara Cladera.
Die Schüler*innen laufen ganz vorn, klar, sagt Nara Cladera. Dann die Gewerkschafts-Chef*innen, auch klar. „Und dann kommen wir schon.“ Die Lehrer*innen. Bei der größten Demo in Frankreich seit Jahren wollen auch sie vorn dabei sein. Alles hat ja an den Schulen angefangen. „Und dann kommt Planète Boum Boum.“ Planète Boum Boum? „Wie erklärt man das jetzt?“, fragt Cladera ihre Kollegin, die neben ihr am Donnerstagmorgen in der Garage des Gewerkschaftshauses im 10. Pariser Bezirk steht und Flugblätter in einen Transporter lädt. „Techno-Demo-Kollektiv“, ist die Antwort.
Cladera, 57, ist Grundschullehrerin und eine der Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaft SUD éducation. Sie arbeitet südlich von Paris, im Département Val-de-Marne. Dort liegt der Vorort Créteil, wo die großen Bildungsproteste Mitte September begonnen hatten.
Premierminister Sébastien Lecornu will 2027 rund 10 Prozent des Regierungsbudgets einsparen. 1.800 Lehrerstellen sollen wegfallen, 2026 waren bereits 4.000 gestrichen worden. Als die Sparpläne bekannt wurden, protestieren zuerst Lehrer:innen des Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil gegen fehlendes Personal und unbesetzte Stellen. Ihre Schüler:innen schlossen sich an. „Und von da aus ging es immer weiter,“ sagt Cladera. „Es breitete sich aus wie ein Tropfen Öl, der ins Wasser fällt.“
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Sieben Mal gab es seitdem landesweite Proteste. Für den 5. November haben praktisch alle Gewerkschaften des Landes zum Streik aufgerufen.
Bis zu 20 Prozent ihrer Schüler:innen seien depressiv
Cladera steigt auf den Fahrersitz, eine Kollegin setzt sich neben sie. Draußen staut sich der Verkehr. Viele Pendler sind auf das Auto ausgewichen, rund die Hälfte der Regionalzüge fällt streikbedingt aus. „Das ist doch schon mal was“, sagt Cladera. Sie lenkt den Transporter durch den Pariser Nordosten.
„Der Druck“, sagt ihre Kollegin, „der hat viele Schüler:innen aufgebracht“. 37 Stunden pro Woche verbrächten Gymnasiast:innen in der Schule, die Aussichten auf einen Studienplatz seien völlig ungewiss. 15 bis 20 Prozent ihrer Schüler:innen seien depressiv, sagt Claderas Kollegin.
Jetzt sind sie am Place de la République angekommen, wo die Demo starten soll. „Die haben den Verkehr immer noch nicht gesperrt, das darf nicht wahr sein“, sagt Cladera. Sie parkt den Transporter auf dem Fahrstreifen.
Foto: Piotr Pietrus
Es sei auch die Repression, die Schüler*innen auf die Straße treibe, sagt sie. „Die Polizei hat sie direkt vor den Schulen angegriffen, mit Tränengas beschossen.“ Einschüchterung, um die Mobilisierung zu ersticken. „Aber sie haben das Gegenteil erreicht. Das wird groß heute.“
Haushalt ohne Zustimmung
Am Mittwoch hat die Nationalversammlung über Macrons Haushaltsentwurf abgestimmt: 458 Abgeordnete stimmten dagegen, 0 dafür, obwohl Macrons Fraktion 90 Abgeordnete hat. Die Verfassung erlaubt ihm jedoch, den Haushalt auch ohne Parlamentszustimmung aufzustellen. Seit 2022 macht Macron das jedes Jahr so. Geht es nach den Gewerkschaften, soll der erste Generalstreiktag deshalb nur der Anfang einer langen Protestwelle sein.
Die Gewerkschaftsleute um Cladera pumpen große Ballons auf und zurren sie auf dem Dach des Transporters fest. In den umliegenden Cafés liegt die Tageszeitung Le Parisien. „Die Liste der 200 heruntergekommensten Gymnasien Frankreichs“ ist die Titelgeschichte. Ordner legen Binden an, die Straße füllt sich. Sophie Binet, die Chefin der Gewerkschaft CGT, bedankt sich bei allen, die trotz der Gewalt der Polizei der vergangenen Wochen auf die Straße gegangen seien. „Die Frage ist nicht, ob wir gewinnen, sondern wie viel“, sagt Binet.
Bejubelt wird der Linkspopulist und EU-Skeptiker Jean-Luc Mélenchon. Überall sind Plakate seiner Partei La France insoumise
Doch seit 1990 hat die französische Industrie ein Drittel ihrer Arbeitsplätze verloren. Chinesische Autobauer übernehmen französische Fabriken, die nicht mehr gebraucht werden, um dort Elektroautos zu bauen – mit einem Bruchteil der früheren Belegschaften. So sind nur noch rund zwei Millionen Französ*innen Gewerkschaftsmitglieder, keine acht Prozent der abhängig Beschäftigten. Anders als in Deutschland liegt die Rolle der Gewerkschaften in Frankreich vor allem darin, sozialpolitischen Druck auf den Staat zu machen. Doch der ist heute so hoch verschuldet wie nie zuvor. Fast 116 Prozent der Wirtschaftsleistung waren es 2025, 3,5-mal so viel wie 1990.
Als sich der sozialdemokratische Präsidentschaftskandidat Raphaël Glucksmann an die Demospitze stellt, wird er ausgebuht. Es sei ihm „völlig egal, ob Aktivisten meine Anwesenheit nicht gefällt“, sagt er Reportern – geht dann aber. Bejubelt wird hingegen der Linkspopulist und EU-Skeptiker Jean-Luc Mélenchon. Überall sind die Plakate der von ihm hierarchisch geführten Partei La France insoumise (LFI, Unbeugsames Frankreich). Junge Frauen tragen Schilder: „LFI statt LBD“. LBD sind die Gummigeschoss-Gewehre der Polizei, mit denen diese in den vergangenen Wochen demonstrierende Schüler:innen verletzt hat. In einem Straßencafé lässt sich der linke Autor Didier Eribon mit Mélenchon ablichten und postet das Foto stolz.
Palästina allgegenwärtig
Feuerwehrleute in Uniform sind auf der Straße, in Frankreichfahnen gehüllt wie in einen Mantel. Andere tragen die Fahnen wie Bürgermeister über der Brust. Eine alte Frau hält ein Schild hoch: „Endlich wieder 17 sein“. Schüler:innen halten Plakate: „Mehr Lehrer, weniger Faschos.“ Palästina ist allgegenwärtig: „Finanziert Schulen, keinen Genozid“. Ein Mann hat einen Stand aufgebaut, er verkauft Frankreichfahnen, Palästinafahnen und Kufijas für 10 Euro. Viele nehmen auf ihren Schildern Bezug auf zurückliegende Wahlen: Ungarn, Serbien, Israel, Brasilien, USA, sie hoffen auf den Vibe-Shift, einen antipopulistischen globalen Stimmungswechsel, der auch in Frankreich ankommt und im nächsten Frühjahr Marine Le Pen von der Macht fernhält.
Ein Anarchisten-Block hält sich nicht an die Marschordnung. Er stellt sich vor die erste Reihe. Tiefschwarz, vermummt, die Fäuste oben. Ein riesiges Transparent: „Wir werden nur das haben, was wir uns zu nehmen wissen“. Die Fotografen halten drauf, als hätten sie ein seltenes Tier entdeckt. Nach ein paar Minuten kommen Hundertschaften der Polizei. Ohne Vorwarnung stürmen sie in den Block, prügeln auf die Demonstranten ein, reißen das Transparent mit der unerhörten Plünderungs-Propaganda herunter und schleifen einige Schwarzgekleidete davon.
Cladera will losfahren, aber der Transporter kommt nicht vom Fleck. Zehntausende strömen aus allen Richtungen auf den Boulevard Voltaire und ziehen wie ein wabernder Teppich zum Place de la Nation. Es dauert mehr als zwei Stunden, bis die Wagen, die eigentlich an der Demospitze fahren sollten, sich in Bewegung setzen können.
Foto: Piotr Pietrus
Es gehe „um die Umverteilung des Reichtums, um soziale Gerechtigkeit“, sagt Cladera. „Schon die Schüler:innen sagen: Wir sehen, dass unseren Eltern das Geld nicht bis zum Monatsende reicht.“
1,6 Millionen Demonstranten
Am Donnerstag zeigt sich, wie groß der Einfluss der Gewerkschaften noch ist. Im ganzen Land wird gestreikt, in 207 Städten seien insgesamt 1,6 Millionen Menschen zu den Demos gekommen, meldet die CGT am Abend. 350.000 seien es allein in Paris gewesen. Das Innenministerium spricht von 600.000 landesweit, es blieb fast überall friedlich. Die Frustration über den neoliberalen und autoritären Macron, die Angst vor einer Präsidentin Le Pen, die Wut der Jugend über die Bildungsmisere – viele hoffen, dass die Verzahnung der Schüler*innen- und der Sozialproteste eine neue politische Dynamik auslöst und die Gewerkschaften eine womöglich tragende Rolle spielen.
Die Lehrer*innen von SUD éducation wissen jedenfalls, was die jungen Leute hören wollen. Das von ihnen eingeladene Planète-Boum-Boum-Kollektiv liefert ab, spielt seine Kirmestechno-Version des Sowjet-Hits „Katjuscha“, „Alles was wir wollen ist Generalstreik“ als Refrain. Mit brennenden Bengalos zieht der Block am Abend auf den Place de la Nation.
„Wir hoffen, dass das heute nur der Anfang ist“, sagt Cladera. „Die Regierung ist nervös, wir dürfen nicht nachgeben“, schreibt die SUD abends. Was das genau heiße, das werde man dann sehen, sagt Cladera. Es sei immer „ein Mysterium, wie so eine politische Dynamik weitergeht“.
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