Tagebuch aus Georgien: Wo steht denn, dass Bilder immer schweigen müssen?

Im georgischen Zugdidi fordert der Aktivist und Künstler Rosto Zarandia die Behörden heraus – mit Graffiti, Straßenkunst und sehr langem Atem.
Foto: Khatia Khasaia
M anchmal beginnt politischer Protest nicht mit einem Mikrofon und nicht auf einer Rednertribüne, sondern mit einer Spraydose. Und manchmal kommt diese in einer kleinen georgischen Stadt zum Einsatz.
In Zugdidi ist es schwer, anonym zu bleiben. Die kleine Stadt liegt rund 320 Kilometer westlich von der georgischen Hauptstadt Tbilissi, nahe der Trennlinie zum besetzten Abchasien. Viele Menschen kennen einander persönlich oder zumindest über eine Ecke. Es ist eine überschaubare, konservative Welt, in der es nicht üblich ist, allzu sehr aufzufallen.
Wie auf dem Rustaweli-Prospekt in Tbilissi, so finden auch hier seit etwa zwei Jahren proeuropäische Proteste statt. Doch in Zugdidi sind sie leiser, kleiner und persönlicher. Und gerade deshalb sind sie vielleicht sichtbarer.
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Jeden Tag fährt ein leuchtend gelbes Auto zum Treffpunkt der Protestierenden. Auf der Motorhaube und der Karosserie steht: „Finde dich nicht mit der Besatzung ab.“ Das Auto gehört längst zum Stadtbild. Und sein Besitzer, Rosto Zarandia, gehört zu den Menschen, die man in Zugdidi kaum übersehen kann.
Du schweigst. Gefällt dir alles?
Schrift auf dem Protestplakat von Rosto Zarandia
Der Mann ist über 40 Jahre alt und trägt einen langen Bart, in dem bereits graue Strähnen zu sehen sind. Aus dem Kofferraum holt er Plakate mit der Aufschrift „Freiheit für die politischen Gefangenen“. Dann hängt er sich ein Schild um, auf dem steht: „Du schweigst. Gefällt dir alles?“ Das ist seine tägliche Protestkleidung.
Protest mit Plakat, Spraydose und Kunst
Rosto ist Bürgeraktivist. Sein wichtigstes Werkzeug ist die Spraydose. Für ihn ist der öffentliche Raum eine Leinwand für politische Botschaften. Auf die Wände öffentlicher Toiletten malt er Richter, die seiner Ansicht nach von oben vorgegebene Urteile fällen. Er malt auch Porträts politischer Gefangener. So hinterlässt er Graffiti gegen die Besatzung, für einen proeuropäischen Kurs und mit Kritik an der Regierung.
Fast jedes seiner Werke wird schon kurz darauf beseitigt. Nicht nur die Kommune, auch Anwohner übermalen seine Bilder und geben den Wänden ihr früheres, vermeintlich sicheres Aussehen zurück. Doch Rosto kommt wieder. In einer Stadt, die an bestimmte Grenzen des Erlaubten gewöhnt ist, lotet er immer wieder aus, wo genau diese Grenzen verlaufen.
Rostos Protest beschränkt sich längst nicht mehr auf die Wände und Mauern der Stadt. Im November 2025 schuf er gemeinsam mit einem anderen Aktivisten die riesige Geoglyphe „MEGOBARI Act“ – eine rund 380 Meter lange Inschrift auf einem freien Feld. Sie richtete sich an amerikanische Kongressabgeordnete und rief sie dazu auf, die demokratischen Bestrebungen in Georgien zu unterstützen.
Für diese Aktion wurde Rosto sowohl von der Stadtverwaltung Zugdidi als auch vom Umweltministerium mit einer Geldstrafe belegt. Die Behörden warfen dem Aktivisten vor, gegen die Vorschriften zur Nutzung staatlichen Grundbesitzes verstoßen zu haben.
Die Wand ist Teil der Botschaft
Es war nicht sein erster juristischer Konflikt mit den Behörden. Ein örtliches Gericht hat Rosto bereits mehrfach wegen seiner Arbeiten mit Geldstrafen belegt – unter anderem, weil er ein Bild der Journalistin Mzia Amaglobeli auf das Gebäude der Bezirksstaatsanwaltschaft gemalt hatte. Amaglobeli war im Zusammenhang mit den proeuropäischen Protesten festgenommen worden.
Für seine Arbeiten wählt Rosto bewusst Orte aus, die besondere öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine Wand ist für ihn nicht einfach nur eine Fläche, auf der ein Bild entsteht. Sie ist Teil der Botschaft selbst.
So hat sich seine Straßenkunst nach und nach zu einer dauerhaften Auseinandersetzung mit der Stadt entwickelt. Der Ablauf wirkt beinahe mechanisch: Rosto trägt die Farbe auf – die Stadt entfernt sie. Rosto bekommt eine Geldstrafe – er bezahlt sie aus Prinzip nicht. Rosto greift wieder zur Spraydose.
Zu einer endgültigen Konfrontation kommt es nicht. Es gibt keinen Moment, in dem eine Seite die andere endgültig besiegt.
Es gibt nur die nächste Wand. Und Rostos nächstes Bild.
Khatia Khasaia ist Journalistin beim georgischen Dienst von Radio Liberty in Tbilissi. Zuvor arbeitete sie für die unabhängige Medienplattform Sova. Sie nahm am Workshop für Journalistinnen aus Osteuropa der taz panterstiftung teil.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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