Deutschlands Olympiabewerbung: München glüht schon mal vor

Im entscheidenden Finale um die Olympia-Bewerbung schlägt München das Ruhrgebiet mit Köln mit Vorsprung. Welche Zahl aber wird 20XX sein?
So strahlen Verlierer selten. Das Lächeln auf dem Gesicht von Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, leuchtete nicht ganz so hell wie der gewaltige Kronleuchter im Foyer des noblen Kurhauses zu Baden-Baden, aber er tat wirklich alles, um so zu tun, als mache es ihm gar nichts aus, dass nun München und nicht Köln mit der Region Rhein/Ruhr in das Rennen um Olympische Sommerspiele geht. „Deutschland hat gewonnen“, sagte er nach der Pleite bei der Abstimmung auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds am Samstagnachmittag.
Die olympischen Sportverbände hatten sich gerade mit deutlicher Mehrheit von 91 zu 50 Stimmen für die bayerische Landeshauptstadt ausgesprochen, da schaltete Wüst brav die Rolle des Olympiafans, der nun alles dafür tun möchte, dass die Spiele nach 1972 wieder einmal nach Deutschland kommen. Ebenso brav haben sich die Vertreter der Sieger dieses Samstagnachmittags, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von der CSU und Münchens grüner Oberbürgermeister Dominik Krause, bei den unterlegenen Bewerbern aus NRW für den fairen Wettbewerb bedankt.
Auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), deren zweiter Teil live in der ARD übertragen worden ist, wurde alles dafür unternommen, um nur ja keine Verlierer zu präsentieren. Dabei gab es schon vor dem Tag der Abstimmung zwei geschlagene Bewerbungen, die viel Geld in das Kandidatenrennen gesteckt haben. Insgesamt sind wohl mehr als 50 Millionen Euro in das Rennen um den Status eines deutschen Olympiabewerbers geflossen.
In Hamburg weiß man schon seit Ende Mai, dass die Spiele 2036, 2040 und 2044 woanders stattfinden werden. Und Berlin hatte nach dem Wahlsieg der olympiafeindlichen Stadt-Linken seine Bewerbung zwei Tage vor der Abstimmung in Baden-Baden zurückgezogen. Dass die Evaluierungskommission des DOSB die Hauptstadt zuvor deutlich schlechter bewertet hatte als die Pläne aus München und Nordrhein-Westfalen, ließen die Berliner Bewerber bei der Verkündung ihres Rückzugs tunlichst unter den Tisch fallen.
Lucky Loser
In Baden-Baden präsentierten sie sich dann als glückliche Verlierer, ganz so wie Hendrik Wüst. Kai Wegner, der bald aus dem Amt des Regierenden Bürgermeisters ausscheiden wird, durfte nochmal eine Dienstreise machen und meinte im Kurhaus, er sei „dankbar, dass ich heute hier sein kann“. Na klar. Noch einmal durfte er sich staatsmännisch geben, als er meinte, jetzt komme es darauf an, geschlossen hinter der Bewerbung Deutschlands zu stehen.
Da hatte es die versammelte Polit- und Funktionärselite schon oft gehört, wie wichtig der Zusammenhalt in Deutschland sei und wie groß die Rolle des Sports für die deutsche Nation sein könne. Es ging sehr deutsch zu an diesem Tag, und hätte nicht die ARD den nachmittäglichen Part der Veranstaltung übernommen, man hätte glatt den Einruck gewinnen können, Olympische Spiele seien eine rein nationale Angelegenheit. Dann waren in Einspielern auch der Superschwimmer und 26-malige Olympiasieger Michael Phelps aus den USA zu sehen oder Usain Bolt, der Sprinter aus Jamaika, der achtmal Gold auf olympischen Laufbahnen gewonnen hat.
Zuvor hatten Grußwortgeberinnen wie Baden-Württembergs Landesentwicklungsministerin Theresa Schopper oder der Staatsminister für Sport im Kanzleramt, Ronald Rauhe, die kraftspendende und heilende Kraft des Sports beschworen. Wer diese arg deutsche Nabelschau über sich ergehen ließ, musste denken, Deutschland sei ein todgeweihter Patient, der baldmöglichst durch Olympia gesundgeküsst werden soll.
Einer der echten Gewinner des Tages, Daniel Günther, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, in dessen Landeshauptstadt die Segelwettbewerbe stattfinden sollen, wenn München den IOC-Zuschlag erhält, wollte die Veranstaltung nicht so negativ sehen. Deutschland habe endlich wieder mal eine positive Geschichte erzählt.
Becker und Klopp
In all der deutschen Befindlichkeitshuberei war es Tennisikone Boris Becker, der als Erster den Blick geweitet hatte. Becker, der zusammen mit Michael Stich 1992 bei den Spielen in Barcelona Gold im Doppel gewonnen hatte, meinte in einer kleinen Promirunde auf der Bühne, dass Olympia keine Religionen kenne, grenzenlos sei. Dann kehrte auch er der Welt wieder den Rücken zu und träumte vom „positiven Patriotismus“ in Deutschland, so wie ihn Jürgen Klopp, der Trainer der deutschen Männerfußballnationalmannschaft, gerne in der Gesellschaft verbreitet sähe.
Überhaupt Jürgen Klopp. Obwohl er nicht in Baden-Baden war, ist er einer der Hauptdarsteller dieses Startschusses für eine deutsche Bewerbung beim Internationalen Olympischen Komitee gewesen. Am frühen Nachmittag, kurz bevor das Ergebnis der nationalen Vorentscheidung verkündet wurde, erschien er groß auf der Leinwand hinter dem Podium im Kursaal. In einem eingespielten Video berichtet er davon, wie er 1972 von seinem Vater im Auto nach München mitgenommen worden sei, um bei den Spielen ein paar Wettbewerbe anzuschauen. Fünf sei er da gewesen, habe Unvergessliches erlebt. Dann erinnerte er an das Sommermärchen, die Fußball-WM 2006 in Deutschland. „Wir haben uns so sehr gemocht wie nie zuvor und wie möglicherweise danach nie mehr.“
Der höchste Repräsentant Deutschlands konnte gegen Deutschlands derzeitigen Lieblingsmenschen nicht mithalten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte sich in seiner von ein paar Schaulustigen viel bestaunten Luxuslimousine vor das Kurhaus chauffieren lassen und zur Versammlung gesprochen. Auch er beschwor, wie sollte es anders sein, „die verbindende Kraft des Sports“.
Sein präsidial-routiniert vorgetragener Appell: „Bauen wir Barrieren ab, nutzen wir den Schwung, um unser Land voranzubringen und zu bekräftigen, wer wir sind und was wir bleiben wollen.“ Er nannte Deutschland ein „weltoffenes, liberales Land“, das sich der Welt präsentieren möge, ganz so, als könnte man allen Ernstes nach dem Sieg der AfD bei den Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt die Bundesrepublik noch genauso beschreiben, wie es vor dem Votum üblich war.
Als Markus Söder nach der Verkündung der Ergebnisse darauf angesprochen wurde, wie er mögliche Olympische Spiele 2036 in Deutschland, 100 Jahre nach den Propagandaspielen der Nazis, anzugehen gedenke, stellte er fest: „Deutschland ist ein ganz anderes Land als 1936.“ Da hat er gewiss recht. Wie Deutschland allerdings in zehn Jahren aussehen wird, das kann auch er nicht wissen. „Wir dürfen unser Land nicht radikalen Kräften überlassen“, sagte er dazu nur. Wie gewohnt verzichtete er darauf, dabei die Gefahr von rechts außen beim Namen zu nennen. Außerdem sagte er: „Olympia ist ein Chancenschub für die Demokratie.“ Spiele in Deutschland sollen nun also das Land einen und noch dazu die Demokratie retten.
Vielleicht kann ihm ja einmal jemand sagen, dass Olympische Spiele alles andere als Katalysatoren für Demokratie sind. Sollte Söder noch einmal nach Baden-Baden kommen, mag er vielleicht einen Blick werfen auf die Büste für Pierre de Coubertin, den Begründer der olympischen Bewegung der Neuzeit, die am Rande des Kurparks zu bestaunen ist. Sie wurde 1938 gestiftet und soll als Dankeschön der Nazis an den Franzosen und Führerverehrer aufgestellt worden sein, nachdem die Athleten aus Frankreich beim Einmarsch der Athleten 1936 ins Berliner Olympiastadion ihre Arme zum Hitlergruß in die Höhe gehalten haben.
Test, Test
Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause, der zur Feier des Abstimmungserfolgs nun unbedingt mit Markus Söder zusammen auf dem Oktoberfest in München eine Runde in der Achterbahn „Olympia Looping“ fahren möchte, hat dann noch darauf hingewiesen, wie sehr sich die Stadt ins Zeug legen muss, will sie wirklich ins Rennen um die Spiele 2036 eingreifen.
Bereits im März 2027 evaluiert das IOC die eingegangenen Interessenbekundungen. Nur wer den ersten Test besteht, schafft es in den „zielgerichteten Dialog“ mit dem IOC, bevor dann 2029 auf einer IOC-Vollversammlung über den Gastgeber abgestimmt wird. Es wird mit mehr als zehn Bewerbungen aus aller Welt gerechnet, unter anderem aus Doha, Istanbul, dem indischen Ahmedabad oder Budapest.
Die Münchner Stadtgesellschaft darf sich jetzt also vorbereiten auf Diskussionen über die Kosten Olympischer Spiele. Krause ist davor nicht bange. Er spürt „den Vibe in der Stadt“, wenn es um Olympia geht. Dann stellte er noch einmal die Münchner Rechnung vor, nachdem Olympia in seiner Stadt 10 Milliarden Euro kosten werde. Die Hälfte davon seien die „Eventkosten“, die zu 100 Prozent durch Sponsoring und Ticketing refinanziert werden könnten. Die andere Hälfte sind Kosten für Investitionen in die Infrastruktur wie das Olympische Dorf.
Mit dem Freistaat Bayern sei man ja schon in guten Gesprächen, jetzt komme es noch darauf an, den Bund ins Boot zu holen. „Deutschland ist die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt“, sagte Söder, das werde man doch wohl schaffen. Und schon wurde das Land, das gerade noch als so klein und verzagt dargestellt wurde, bärenstark. Wirkte da etwa schon die zuvor beschworene heilende Kraft Olympias?
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