CDU und Fetischkultur: Ganz in Schwarz

Berlin ist links, heißt es. Dabei könnten die Konservativen die Abgeordnetenhauswahl wieder gewinnen. Wer sie wählt? Ein Besuch beim Fetisch-Festival.
Und plötzlich sind da Schreie. Mitten auf der Berliner Fuggerstraße lässt ein Mann in Polizeiuniform seine Peitsche niedersausen, zrapp, zrapp, auf den nackten, roten Hintern des Typen vor ihm auf dem Pflaster. Ein Schrei, ein Stöhnen. Dann wieder: zrapp. „Eine kleine Pause, bitte“, keucht der Kniende. Er grinst, in seinem Nacken noch den Stiefel des Uniformierten.
Willkommen in Berlin-Schöneberg, zu Brutalität und Bratwurst, zum traditionellen Fetischfestival „Folsom Europe“, einem „sichtbaren Zeichen für Selbstbestimmung, Akzeptanz und den Schutz vielfältiger Lebensentwürfe“, wie René Powilleit von der CDU das Straßenfest nennt.
Rings um den Mann mit der Peitsche: Männer mit Biergläsern, überhaupt, nur Männer weit und breit, Tausende. Lederwesten, Lack, Hundemasken, nackte Haut. Sie betrachten Quälereien, schauen sich an Marktständen Dildos, Ledergeschirre, Intimgehänge an – und vom Wahlplakat lacht der schwule CDU-Kandidat für die Wahlen am 20. September herunter.
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Linkspartei und CDU lagen in den letzten Umfragen zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses ungefähr gleichauf. Eine rot-grün-rote Mehrheit scheint möglich, genauso aber könnte die CDU wieder stärkste Kraft werden. Berlin ist links, heißt es oft. Doch Hunderttausende Berliner:innen wählen konservativ – in den Außenbezirken, aber auch hier im zentralen Bayerischen Viertel, wo die CDU für die parallel stattfindende Bezirkswahl mit dem Slogan „Der Regenbogenkiez wird Chefsache“ wirbt. Hier, wo auch jenseits des September-Festivals gern gefoltert, getanzt und gefickt wird, schickt die CDU seit 2009 Jan-Marco Luczak in den Bundestag.
„No pain, no gain“
Auf die Konservativen kommt es gerade an. In ganz Deutschland. Gehen sie den Rechtsextremen auf den Leim? Kopieren sie deren Themen und Strategien, verhelfen sie ihnen zur Macht? Oder schaffen sie es, zu widerstehen, mit einem Konservatismus, der anständig sein will und menschenfreundlich und liberal. Was das ist, liberaler Konservatismus, das lässt sich in Schöneberg beobachten.
An einem Stand knistert es laut, dort hantiert einer in Armeeuniform mit Elektroden. Er elektroschockt die Brustwarzen eines Halbnackten, schließt dann einen Kerl mit Hundemaske an einen Stromregler an, dreht die Spannung hoch. „No pain, no gain“ steht auf dem Shirt des Gequälten, als der Schmerz zu groß wird, hebt er zuckend den Arm, steht auf, umarmt seinen Folterer. Der Nächste, bitte.
Foto: Jeremy Knowles
Die Gegenwart ist unsicher, da suchen Menschen nach Gemeinschaft und nach festen Konventionen. Beides sind nicht zuletzt auch konservative Werte – und beides bietet die Leder-Fetisch-Szene. Jeder, der hier herkommt, weiß genau, was ihn erwartet. Es gibt klare Codes für Zugehörigkeit und strenge Regeln. Denn ohne Konsens, ohne Safeword kein Gepeitsche, das ist hier allen völlig klar. Und am Vorabend des Straßenfestes wird beim „Classic meets Fetish“-Konzert in der Zwölf-Apostel-Kirche die Gemeinschaft sogar zur Gemeinde.
Hauptsache, keine AfD, das sagen die meisten hier auf dem Fest
René Powilleit, Jeans, Lederwestchen, Bart, 37 Jahre alt, drückt sich jetzt durch die Menschenmenge. Seit 17 Jahren ist er Parteimitglied und zudem Berliner Landesvorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union (LSU), eines Vorfeldvereins der CDU. Mit dem Fetischfestival, sagt Powilleit, gehe es darum, Räume zu verteidigen, in denen jede:r ohne Angst die eigene Identität zeigen kann. Die Angst, sie sitzt tatsächlich noch vielen Queers in den Knochen, seit der Berliner CSD Ende Juli drüben im Tiergarten mit einem islamistischen Anschlag endete.
Das Versprechen von Law and Order
Poller und ein Großaufgebot an Polizei sollen das Fetischfest schützen. An einem Imbisswagen stehen zwei junge Beamte, futtern Currywurst. Sie schauen zu, wie um sie herum geschlagen und gequält wird. Ob sie unter so vielen Uniformträgern hier manchmal verwechselt werden? „Neee“, sagt der eine, Sprüche kämen aber manchmal. „Weil du so süß bist“, ruft ein Ledermann im Vorbeigehen.
Ging es nach René Powilleit gäbe es noch mehr Polizei im Regenbogenkiez, nicht der sexy Uniformen wegen, sondern für mehr Sicherheit. Auch Notrufsäulen fordert er, und Norbert Gisinger-Daubenberger, Vorstandmitglied beim Verein „Berliner Leder und Fetisch“, sieht das ganz ähnlich. Tatsächlich verheißt die CDU Berlin in ihrem Wahlprogramm mehr Polizei und Videoüberwachung.
Stefan Evers, der schwule Kandidat der Union für das Amt des Regierenden Berliner Bürgermeisters, war gleich nach dem CSD-Anschlag hier im Kiez unterwegs, um in den Fetischkneipen mit diesem Law-and-Order-Versprechen Stimmen zu sammeln. „Mit all dem hat die Union einen weite Reise hinter sich“, sagt LSU-Chef Powilleit.
Foto: Jeremy Knowles
Als Klaus Wowereit sich 2001 mit „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ outete, ätzte ein gewisser Friedrich Merz noch: „Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal.“ Und der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus warnte vor Wowereits „deformiertem Charakter“. Jahrzehntelang blockierte die Union eine Anpassung des Steuer- und Adoptionsrechts, noch 2015 votierte der Berliner CDU-Verband gegen die „Ehe für alle“.
Linke haben den Weg gebahnt
Dass der CDU-Spitzenkandidat nun in Anspielung auf Wowereit groß mit dem Slogan „Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so.“ plakatiert, empfinden deshalb viele linke Queers als Anmaßung. Denn hätten Progressive nicht den Weg gebahnt, könnten Konservative sich heute nicht so leicht als schwul outen – und Schwule sich nicht so leicht als konservativ.
Konservare, das bedeutet bewahren, aber eben nicht, die Zeit zurückzudrehen. So scheint es zumindest die heutige Berliner CDU zu halten. Nach dem Motto: Wir preschen nicht voran, aber wir schaffen auch nicht ab, was Queers an gesellschaftlichem und mit ihnen Sozialdemokrat:innen, Liberale, Grüne und Linke an rechtlichem Fortschritt erkämpft haben.
wochentaz
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Für die Cousine ist es ein Bonus im Wahlkampf, dass Stefan Evers „aus der Familie kommt“, also schwul ist. Trotzdem traut sie der neuen Homofreundlichkeit der Union nicht ganz. Die Cousine sitzt mit ihrem Mann und drei Freunden an einem Biertisch, vor sich ein Weizenbierglas, und beobachtet Pinkelspielchen auf der anderen Straßenseite. Dass der Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf ebenfalls schwul ist, wusste die Cousine nicht. Er ist ihr unbekannt.
Die Cousine wird von allen so genannt, ist aber eigentlich ein Mann, 68 Jahre alt, geboren „an der Plumpe“, also in der Nähe des alten Hertha-Stadions im armen Stadtteil Gesundbrunnen, in Charlottenburg aufgewachsen und schon lange zu Hause hier im Regenbogenkiez. „Hauptsache, Westberlin.“
„Hauptsache, nicht die Blauen!“
„Angst“, habe sie, sagt die Cousine auf die Frage nach der Berlinwahl, verbessert sich dann aber. „Nicht Angst, sondern Spannung“. 40 Jahre ist die Cousine zusammen mit ihrem Freund, er sitzt hier im Lederoutfit, sie im Polohemd, gewählt hat sie schon, im Briefwahlbüro, und zwar die SPD, mit Bauchschmerzen.
Da schaltet sich die Tante ein, Lederkappe, schwere Silberkette, befreundet mit der Cousine seit 30 Jahren. „Wenn du die Linke nicht willst, musst du CDU wählen!“. Die Tante ist 67, auch ein Mann, war mal „Ingenieuse“ und ist jetzt in Rente. In Leipzig ist die Tante groß geworden, hat „genug vom Kommunismus“, will niemals die Linken wieder an der Macht sehen.
In Andreas’ Kneipe hier im Kiez habe früher an der Klowand gestanden: Schwule, die die CDU wählen, sind bekloppt, erzählt die Tante. Und es stimme schon, auch Frau Merkel habe nicht für die „Ehe für alle“ gestimmt. Trotzdem, die hätten die erfahrensten Leute. „Und Hauptsache, nicht die Blauen!“, erwidert die Cousine.
Ein Mann mit schwarzen Stiefeln und braunen Hemd läuft vorbei, seine Uniform ähnelt zum Verwechseln jener der SA, der Kampftruppe der Nazis, die in den Dreißigern das queere Treiben hier in Schöneberg zerschlug. Ist dieses Outfit okay? Darf dieser Typ es tragen, weil er ein schwuler Amerikaner ist mit asiatischem Background? Die Fetischszene diskutiert solche Fragen intensiv, als in der Vergangenheit Uniformen mit Hakenkreuzen auf dem Festival auftauchten, sind die Veranstaltenden eingeschritten.
Currywurst für 10 Euro
Ein Stück weiter runter die Straße, der Marktstand der Kita Fuggerstraße mit Streusel- und Mohnkuchen, Muffins und Kaffee. „Der Erlös kommt der Kita zu Gute“, sagt eine der Mütter hier, Mitte 40. Vor mehr als 30 Jahren ist sie aus Montenegro in den Kiez gekommen, sechs Süßspeisen hat sie selbst für den Straßenstand gemacht.
Ob das nicht seltsam ist, hier unter Tausenden Männern, und das am Stand gegenüber Lederstiefel geputzt werden mit Bürsten und Zungen und anderen Körperteilen. „Neee“, sie finde das interessant, zu sehen, was es so gibt auf der Welt. Ihr Mann habe sie und die Desserts am Morgen mit dem Auto gebracht, dabei habe die Tochter richtig erkannt: „Mama, ein Fest, wo die Leute sich anders anziehen.“
Eigentlich bräuchte die Familie eine größere Wohnung, sagt die Mutter, und der gefeierte Regenbogenkiez sei mittlerweile viel zu teuer fürs Familienbudget. „Aber ich will nicht weg von hier.“
Für ihre Currywurst mussten die Polizisten vorhin 10 Euro hinblättern, das Fetischfestival ist auch eine Einnahmequelle für Einzelhändler und Hoteliers. Die Wirtschaft, das Leistungsprinzip, auch das sind für LSU-Chef René Powilleit „konservative Strukturwerte“.
„Jenseits der guten Sitten“
Die AfD hat das Fetischfest im Visier. Sie nutzte den Vorwand, Nachbar*innen wie die Kitaeltern würden sich gestört fühlen, für Anfragen im Abgeordnetenhaus – zur städtischen Förderung des Festivals.
Hauptsache, keine AfD, das sagen die meisten hier auf dem Fest. Am Stand des Quälgeist e. V. hängt ein großes Banner: „Gegen Nazis“, an einem anderen Stand steht „Fetisch ist grenzenlos“. Doch um die 18 Prozent erreicht die AfD auch in den Umfragen zur Berlinwahl, bei einer nichtrepräsentativen Umfrage der Datingplattform Romeo zur Bundestagswahl 2025 lag die AfD mit 27,9 Prozent unter Schwulen überraschend auf dem ersten Platz.
Als Klaus Wowereit 2005 ein freundliches Grußwort zur Eröffnung des Fetischfestivals schickte, wetterte der Berliner CDU-Generalsekretär Frank Henkel noch, das sei mit dem Amt des Regierenden „unvereinbar und geht eindeutig zu weit“. Die Veranstaltung liege „jenseits der guten Sitten“ und sei „an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten“. Das Straßenfest habe mit Toleranz „nichts mehr zu tun, sondern sei ein Akt der Selbstinszenierung einer Szene“.
2026 schickt die CDU nicht nur Politiker vorbei, sondern schreibt in ihrem Wahlprogramm im Abschnitt zu queerem Leben auch, sie wolle „die finanzielle Unterstützung für identitätsstiftende Großveranstaltungen“ sichern. Denn sichern, das heißt: bewahren.
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