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Tuesday, September 22, 2026

Deutschland vor dem Winter: Gasnotstand oder Panikmache?

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Aktuell, das heißt bis zum 20. September 2026, waren rund 141 Terawattstunden Gas eingespeichert, das sind gut 57 Prozent der Speicherkapazitäten. Im gesamten letzten Winter wurden laut Netzagentur knapp 134 Terawattstunden entnommen. Das klingt zunächst beruhigend, vor allem weil der letzte Winter recht kalt und daher 'heizungsintensiv' war.

Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Gasspeicher-Füllstände aber niedrig. Bereits am 4. September hatte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zu Wort gemeldet und ein Eingreifen vom Bund verlangt. Wenige Tage später warf die Grünen-Opposition der Wirtschaftsministerin Versäumnisse vor: "Die Gasspeicher sind nicht gefüllt. Die Mangellage droht", sagte Co-Fraktionschefin Britta Haßelmann.

Äußerungen wie diese hatten den Eindruck erweckt, im Winter werde es in Deutschland nicht mehr genug Gas geben - es werde zu einer Mangellage kommen. Das werde der Wirtschaft schaden und viele Haushalte würden nicht heizen können.

Zur Beurteilung der aktuellen Lage müssen aber verschiedene Parameter berücksichtigt werden. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass auch im Winter Gas importiert wird. Hinzu kommt, dass die Importwege und -quellen seit einigen Jahren diversifiziert worden sind. Deutschland ist nicht mehr von einem einzigen Importeur so abhängig wie bis 2022 von Russland.

Müssen wir uns warm anziehen?

Die von der DW befragten Marktteilnehmer und Experten sind in der Frage, ob das gespeicherte Gas für den Winter reicht, recht entspannt. Charlie Grüneberg, Sprecher des Verbandes der Gas- und Wasserstoffwirtschaft, erinnert an die auf mittlere Sicht geschlossenen Verträge: "Wer seinen Gasbedarf für den Winter bei einem verlässlichen Lieferanten vertraglich abgesichert hat, bekommt die vereinbarten Mengen."

Etwas skeptisch klingt Sebastian Heinermann. Der Geschäftsführer der Initiative energien-speichern.de, dem deutschen Verband der Gas- und Wasserstoffspeicher, weist zwar darauf hin, dass es technisch noch möglich sei, "die Gasspeicher in Deutschland auf einen Füllstand von rund 77 Prozent zu bringen."

Niedersachsen: Das Gelände des unterirdischen Erdgasspeichers in Jemgum
In Anlagen wie diesen in Jemgum an der Unterems wird Gas unterirdisch gespeichertBild: Astora

Dazu sei ein Befüllungsniveau nötig, das "so in den letzten drei Wochen nicht ein einziges Mal zu beobachten war. Setzt sich der Trend unverändert fort, dann wird zum 1. November ein Füllstand von nur rund 65 Prozent erreicht", so Heinermann.

Eindeutiger äußert sich die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Sie sieht offenbar keinen Grund zu Beunruhigung: "Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Erkenntnisstand weiterhin als gering ein", teilte deren Sprecherin, Nadia Affani, der DW auf Anfrage mit.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) befürchtet auch keinen Notstand. Sprecherin Susanne Ungrad schrieb der DW auf Anfrage: "Das BMWE beobachtet alle Entwicklungen sehr genau, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen Versorgungsengpass."

Kein Grund zur Sorge

Ungrad zählt erklärend die Parameter auf, die den Gaspreis bestimmen: "verfügbare Speichermengen, laufende Importe über Pipeline und LNG-Terminals, die Nachfrageentwicklung und die Situation auf den europäischen und internationalen Energiemärkten. Wir sind vorbereitet auf weitere Entwicklungen."

Gaspreis-Schock trifft deutsche Industrie

Einen eher ganzheitlichen Blick hat auch Charlie Grüneberg vom Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft: "Entscheidend ist, ob genug Gas beschafft ist und nach und durch Deutschland transportiert werden kann: Lieferverträge, Speicher, Pipelineimporte und LNG greifen ineinander. Nach Investitionen in LNG-Terminals, neue Importwege und Reverse-Flow-Möglichkeiten ist die Infrastruktur heute deutlich robuster als 2022."

Eine Reverse-Flow-Pipeline ist eine Rohrleitung, deren Pump- und Kompressorstationen so umgebaut wurden, dass Öl oder Gas auch in die entgegengesetzte Richtung der ursprünglichen Fließrichtung transportiert werden kann - etwa, wenn sich Lieferanten und Handelswege ändern.

Der Preis steigt

Wenn der Winter kommt und mehr geheizt wird, sollte Gas teurer werden: Wächst die Nachfrage, steigt der Preis. Das lässt sich bereits beobachten, sagt Sebastian Heinermann vom Verband der Gasspeicher. "Der Gaspreis lag im zweiten Quartal über die verschiedenen Kontrakte am Terminmarkt auf einem Niveau von ca. 46 Euro pro Megawattstunde. Zuletzt ist der Gaspreis auf über 80 Euro angestiegen."

Olaf Geyer von der US-Unternehmensberatung Arthur D. Little beobachtet den deutschen Markt und weist ebenfalls auf die Preisentwicklung hin. Er sieht auch kein akutes Versorgungsproblem, aber: "Wenn der Winter kalt wird oder auf der Importseite etwas ausfällt, kann es schnell teuer werden."

Charlie Grüneberg sieht jedoch keinen Automatismus. "Belastbare Preisprognosen" seien schwierig. Zwar könnten niedrige Speicherstände die Preise steigen lassen, "wenn zusätzliche Mengen am Markt beschafft werden müssen." Doch zeichne sich auf der Angebotsseite keine Knappheit ab: "Nach heutigem Stand gibt es jedoch keine Hinweise auf eine physische Mengenknappheit zum Ende des Winters; auch die Terminmärkte signalisieren dies derzeit nicht."

Wilhelmshaven an der Nordsee: Am 3. Januar 2023 ist die erste vollständige Ladung Flüssigerdgas angekommen
Am 3. Januar 2023 kam in Wilhelmshaven an der Nordsee die erste vollständige Ladung Flüssigerdgas anBild: Sina Schuldt/dpa/picture alliance

Das BMWE weist darauf hin, dass "die derzeit für Termingeschäfte für den Winter aufgerufenen Preise nur geringfügig über den Spotmarktpreisen für sofortige Geschäfte liegen. Der übliche Sommer-Winter-Spread, der die Einspeicherung von Gas über die Sommermonate wirtschaftlich machte, war damit nicht gegeben."

Dem Spread liegt das Prinzip zugrunde, im Sommer billig einzukaufen und im Winter teurer zu verkaufen. Das hat wegen der Sperrung der Straße von Hormus nicht funktioniert - Gas wurde im Sommer nicht billiger, sondern teurer.

Wirksame Marktanreize

Was muss bei der Bevorratung in Zukunft anders laufen? Olaf Geyer nimmt, wie das BMWE, den Sommer-Winter-Spread in den Blick: Die Speicher seien nicht voller, weil sich das wirtschaftlich nicht gerechnet habe. "Für die Zukunft braucht es bessere Anreize zur Befüllung - und bei den Versorgern ein Risikomanagement, das nicht nur auf den Einkaufspreis schaut, sondern auch darauf, wie stark der tatsächliche Verbrauch von der Planung abweichen kann."

Wirksame wirtschaftliche Anreize zur Speicherbefüllung fordert auch Sebastian Heinermann: "Mittelfristig braucht Deutschland einen verlässlichen Marktrahmen, der über Anreize, Verpflichtungen oder eine Kombination beider Instrumente eine ausreichende Befüllung dauerhaft absichert und zugleich möglichst viel marktwirtschaftlichen Spielraum erhält."

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