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Monday, September 14, 2026

Tango-Bravo-Konzert in Berlin: Hier schwitzen alle

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Ruth Lang Fuentes

Am Kottbusser Tor in Berlin verliert man schon mal den Überblick. Der findet sich dann beim Tanzen zu Tango Bravo im Monarchen wieder.

E in unklares Gedudel klingt über den Kotti, als ich aus der U1 aussteige. Eine Gruppe Leute sitzt auf einer versifften Couch auf dem Kreisel und Musik dröhnt aus einem Lautsprecher, während Wolfgang Kubicki vom Wahlplakat der FDP hinter ihnen auf sie herunterschaut. „Die Linken nennen uns nicht ohne Grund Wirtschaftspartei“, meint er, aber das interessiert hier wirklich niemanden. Stattdessen ertönt jetzt laut Werbung über den vermüllten Platz – Spotify Premium kann man sich auf dem Kotti-Kreisel eben nicht leisten. Den Leuten auf der Couch scheint das ziemlich egal zu sein, sie lassen weiterlaufen, bis wieder Gitarrengeklimpler ertönt. Neben mir laufen immer wieder teilnahmslose Menschen die U-Bahn-Treppen rauf und runter, während ich auf dich warte.

Wir sind nämlich hier verabredet, um uns heute Abend „den heißesten Disco-Rock der Hauptstadt“ anzuhören. So jedenfalls die Ankündigung. Eigentlich sind wir dieses Wochenende mitten im Umzug, und alles tut mir weh, aber dann dachten wir uns, ein Bierchen und ein bisschen Musik zwischendurch können auch nicht schaden. Es ist schließlich Samstag, und außerdem kennen wir den Bassisten der Band, weil wir schon öfters in der Kneipe zusammen für unseren Fußballverein gelitten haben. Tango Bravo heißt die Band, und heute ist auch nicht irgendein Konzert, sondern das Release-Konzert ihres allerersten Albums.

Während ich also auf dich warte, versuche ich, für mich zu erraten, wer auch auf dem Weg in den Monarchen ist und wer aus anderen Gründen hier abhängt – gar nicht so einfach. Der Typ mit dem blutigen Cut am Auge vielleicht? Der schwankende, der einem anderen jungen Mann mit Mullet eine Zigarette abschnorrt? Der Typ im Netzhemd? Die Gruppe junger Bauchfrei-Frauen oder die zwei Typen in Fußball-Trikots?

70er-Jahre-Wohnzimmer-Atmosphäre

Dann bist du endlich da, wir holen uns noch einen Burger als „Grundlage“ und müssen den Eingang zum Monarchen erst mal finden. Hinter der zugestickerten Tür, die Treppe hoch, der kleine Raum ist schon voll, als wir ankommen, es riecht nach Zigarettenrauch. Hat was von einem Wohnzimmer, also einem aus den 70ern, in dem man rauchen darf. In einer Ecke zieht sich die Band noch um – ganz in Bee-Gee-Weiß, wie Tango Bravo eben auftritt. Wir holen uns ein Bier.

Bald schon springen die vier Musiker in Weiß auf die Bühne, loben die „schöne Aussicht auf Berlin“, die U-Bahn fährt ein weiteres Mal auf unserer Höhe vorbei, aber wir hören sie nicht. Denn der Beat setzt ein. Der Drummer gibt den Rhythmus vor und: Er singt! Und wie. Bass, Gitarre und Synthesizer lassen uns bestimmt fünfzig Jahre in der Zeit zurückreisen. Die Zeit von Disco, von „richtigen“ Bands mit Instrumenten und so und die Zeit der Hits. Das Album trägt nicht umsonst den Titel „Disco Rock Forever“. Der Klang ist so gut, dass du mich überrascht anschaust: „Sie sind so unglaublich gut abgemischt“, sagst du und so was sagst du sonst nie.

Es fängt rockig an, wird dann wieder funkiger, dann wieder balladiger. Ich brauche etwas, um darauf zu kommen, an wen mich die Stimme des Schlagzeuger-Sängers erinnert. Liam Gallagher? Ja, vielleicht. Ein wenig klingt es jetzt nach Oasis oder jetzt doch nach Ram Jam? Dann kommen die „Lovesongs“, und ich muss irgendwie an Roy Orbison denken. Man weiß es nicht. Es sind schon Tango-Bravo-Songs, und doch kommen sie einem immer irgendwie bekannt vor. Eingängig gehen sie ins Ohr, ein Hit nach dem anderen, oder auch nicht. Jedenfalls bekommt man Lust zu tanzen, und das sehen alle anderen im Raum auch so.

„Die bräuchten noch ein paar Background-Vocals, dann wäre es noch geiler“, sagst du. Und dann gehen wir endlich von der Bar weg, weiter nach vorne in den Raum hinein. Spätestens bei der Zugabe schwitzen hier alle, und bei der Band ist alle Anspannung gewichen – jetzt darf auch noch jeder sein Solo liefern. Das tun sie auch. Über den groovenden Bass legt sich noch einmal die Synthesizermelodie. Und am Ende ist doch alles schneller vorbei als gedacht. Schade. Wir holen uns noch ein Bier. Am Merch-Stand erfahre ich, dass es Tango Bravo schon seit zehn Jahren gibt und sie wohl auch vor Kurzem den größten Live-Bandcontest Europas gewonnen haben. Wundert mich nicht.

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Ruth Lang Fuentes Autorin

Geboren 1995 in Kaiserslautern, bis Januar 2023 taz Panter Volontärin. Sie studierte Mathematik in Madrid und Heidelberg. Schrieb dort für Studierenden- und Regionalzeitung. Seit 2022 schreibt sie im Wechsel mit Aron Boks die taz.FUTURZWEI-Kolumne "Stimme meiner Generation".

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