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Wednesday, September 30, 2026

Manipulationsskandal am Finanzmarkt hält Türkei in Atem - fünf Fragen, fünf Antworten

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Wer in der Türkei sein Geld anlegt, will vor allem eines: dass es seinen Wert behält. Das ist angesichts einer Inflation von rund 30 Prozent gar nicht so leicht. Viele Menschen, die ohnehin mit den Folgen der Wirtschaftskrise kämpfen, kaufen deshalb Gold, Devisen oder Aktien, und immer öfter auch Fondsanteile, die hohe Renditen versprechen.

Doch der Aktienmarkt ist für viele Türken zur Falle geworden. Mitte September stürzte der Leitindex BIST 100 an einem einzigen Tag um sechs Prozent ab und verlor binnen weniger Handelstage rund 12 Prozent.

Auslöser für diesen Kurssturz war ein handfester Manipulationsskandal. Rund 455.000 Anleger sind betroffen, mehr als 45 Personen wurden festgenommen, eine hochrangige Politikerin der Regierungspartei AKP ist zurückgetreten.

Fünf Fragen zu einem Skandal, der das Land in Atem hält.

Was ist passiert?

Es begann damit, dass einige Anbieter von Investitionsfonds Schwierigkeiten hatten, Rückzahlungen an Investoren fristgerecht zu leisten. Betroffen waren unter anderem Fonds der Gesellschaften Pusula Portföy und Tera. Allein in zwei Tera-Fonds steckten rund 6,5 Milliarden Euro Vermögen.

Dann schritt die Finanzmarktaufsicht SPK ein und schloss die Fonds von sieben Vermögensverwaltern, darunter Tera, Pusula und Atlas. Insgesamt sollen laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu 131 Fonds liquidiert werden.

Die Istanbuler Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Betrugs, Verstößen gegen das Kapitalmarktgesetz und Gründung einer kriminellen Vereinigung, teilte Justizminister Akin Gürlek mit.

Der Verdacht: Die Fondsgesellschaften sollen den Wert ihrer Fonds künstlich aufgebläht haben, während in Wahrheit wertlose "Schrottaktien" in ihren Fonds steckten.

Unter den bisher 45 Verhafteten sind auch Führungskräfte von Investmentfirmen. Zudem wurde das Vermögen von 42 Personen und 46 juristischen Personen eingefroren, so Gürlek auf dem Kurznachrichtendienst X. 

Auch die Börse in Istanbul zieht Konsequenzen: 27 Aktien fliegen zum 1. Oktober aus dem Leitindex BIST 100.

Bekommen die Anleger ihr Geld zurück?

Die Fonds werden liquidiert: Ihre Vermögenswerte werden verkauft und der Erlös wird im Verhältnis der Fondsanteile an die Anleger verteilt. Die Frist dafür wurde von zunächst drei auf sechs Monate verlängert. Laut Aysel Gündoğdu, einer selbstständigen Finanzberaterin in Istanbul, soll das den Verkaufsdruck senken, damit Aktien nicht zu Schleuderpreisen verkauft werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Abwicklung jedes Fonds sechs Monate dauert. Je nach Marktlage kann sie auch schneller abgeschlossen sein.

Eine Garantie gibt es nicht. Ein Investmentfonds ist kein Sparkonto, sein Wertverlust trifft den Anleger. Gündoğdu erwartet, dass Geldmarktfonds weitgehend ausgezahlt werden. Bei Hedge- und Aktienfonds mit kaum handelbaren "Schrottaktien" könnte es dagegen schwieriger werden.

Dabei muss man Marktverluste und Schäden durch mögliche Unregelmäßigkeiten trennen.

Die Ökonomin und Kolumnistin Güldem Atabay betont, man müsse unterscheiden zwischen Kursverlusten und Manipulation: Anleger tragen das Marktrisiko, aber falsche Informationen, künstlich aufgeblähte Kurse oder fehlende Kontrolle müssen sie nicht hinnehmen.

Ehemalige Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya am Flughafen Atatürk
Die AKP-Vizechefin Fatma Betül Sayan Kaya ist zurückgetreten. Ihr wird vorgeworfen, in der Fondskrise zu Unrecht viel Geld verdient zu habenBild: AP Photo/picture alliance

Haften Fondsgesellschaft und Manager für den Schaden?

Wird ein Fonds geschlossen oder abgewickelt, können die Aktien und andere Wertpapiere im Portfolio verkauft werden. Die Frage ist, wie viel sie wert sind und wie leicht sie sich verkaufen lassen.

Finanzexpertin Gündoğdu glaubt, dass das Fondsvermögen die Forderungen der Anleger nicht deckt. Zudem habe es strukturelle Versäumnisse gegeben. "Die Krise ist weit größer als eine einfache Liquiditätskrise. Es gibt Fehler in Verwaltung und Aufsicht."

Sie hält es daher für möglich, dass auch das Vermögen der Fondsgründer und -manager herangezogen werden kann, um den Fehlbetrag zu auszugleichen.

Ökonomin Atabay fordert, die Verantwortlichen zu benennen und den Schaden bei ihnen einzutreiben. Nach der Liquidation der Fonds müsse geklärt werden, wer für mögliche Rechtsverstöße verantwortlich ist. "Die Liquidation ersetzt keine Rechenschaft", so Atabay.

Was hat die Krise politisch gekostet?

Die Krise hat in der regierenden Partei AKP bereits zum Rücktritt einer hochrangigen Politikerin geführt. Fatma Betül Sayan Kaya, stellvertretende Parteivorsitzende und frühere Familienministerin, bat Präsident und Parteichef Erdoğan, "sie von allen Ämtern zu entbinden." Dies ist seit Jahren ein oftmals benutzter Begriff in der AKP, wenn jemand zum Rücktritt gezwungen wird.

Hintergrund sind Vorwürfe zu Aktiengeschäften von ihr und ihrem Mann İlyas Kaya im Zusammenhang mit der Fondskrise. Politische Verantwortung, schrieb sie auf Social Media, gehe über rechtliche hinaus. Ihr Amt solle die Aufklärung nicht belasten.

Die Opposition will das Thema nun ins Parlament tragen. Selçuk Özdağ, Fraktionsvize der Gruppe Yeni Yol, kündigte an, sobald das Parlament wieder tagt, einen Antrag auf eine parlamentarische Untersuchung zu stellen. Sie soll klären, ob Politiker in den Manipulationsskandal verwickelt sind.

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