Angriffe auf russische Rechenzentren: Fake-Bots weiter aktiv
Die Ukraine hat in den vergangenen Tagen mehrfach gezielt große Rechenzentren des russischen Internetgiganten Yandex angegriffen. Seitdem verbreitet sich im Netz millionenfach eine virale Erfolgsmeldung: Dadurch seien Propaganda-Accounts in den sozialen Medien, die vor allem rechtsgerichtete, AfD-nahe oder prorussische Narrative verbreiten, verstummt. Auf nahezu allen sozialen Plattformen verbreiten sich Postings, die diesen Zusammenhang herstellen oder es gar als belegt ansehen.
Diese Aussagen verbreiten sich aktuell im Netz
Besonders große Reichweite fand etwa der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský. Sein Post bei X wurde inzwischen mehr als vier Millionen Mal angezeigt, in Form von Screenshots verbreitete er sich rasend schnell anderswo im Netz. "Russische Rechenzentren werden angegriffen, und die Online-Aktivität rund um die AfD fällt plötzlich ab", postet Zdechovský bei X.
"Heerscharen" rechtsgerichteter Bots seien plötzlich "verschwunden", Twitter dadurch "viel freundlicher" geworden, schreibt der renommierte Historiker und Osteuropa-Experte Timothy Snyder bei X. In den USA gehen Aussagen viral, dass auch zahlreiche Accounts der Maga-Bewegung verstummt seien. Auch Medien wie der "Focus" und der "Standard" griffen die These auf und berichteten von einem angeblichen Ausfall von AfD-Bots. Das Problem: Für die Behauptungen gibt es bisher keine konkreten und überprüfbaren Belege.
Allein bei TikTok kursieren unzählige Videos, die die Behauptung verbreiten, die Ukraine hätte russische Social Bots zum Verstummen gebracht.
Quelle: ZDF / TikTokWas stimmt: Russland steuert seit Jahren Desinformationskampagnen in sozialen Netzwerken und nutzt dazu regelmäßig sogenannte "Social Bots", also Accounts, die sich als gewöhnliche Nutzer ausgeben. So werden bestimmte Narrative verbreitet, häufig werden dabei rechtsgerichtete Positionen verstärkt.
- Videos mit gefälschten Stimmzetteln ohne AfD gehen viral - Spur führt nach Russland
- Propaganda gegen ukrainischen Minister: Nein, vom Ukraine-Geld der EU wurde keine Luxusjacht gekauft
- Russische Fake-Videos nehmen Landespolitiker ins Visier
Der britische Premier Burnham hat eine russische Einmischung beim Brexit-Referendum bestätigt, ohne Details zu nennen. Einfluss durch Desinformation hält er auch in Deutschland für möglich.
12.10.2026 | 0:24 minVirale Grafik weist mehrere Fehler auf
Als vermeintlichen Beleg für angeblich verstummte Social Bots verweisen Internetnutzer meist auf eine von zwei Grafiken. Zdechovský postete etwa eine Grafik mit der deutschen Beschriftung "tägliche Aktivität über 3 Monate". Sie zeigt einen massiven Einbruch Mitte Oktober.
Jedoch hat diese Grafik mehrere klare Fehler und Auffälligkeiten:
- Zdechovský postete die Grafik am 11. Oktober, der angezeigte Graph umfasst jedoch Daten, die bis zum 15. Oktober, also in die Zukunft, reichen.
- Achsenabschnitte sind nicht einheitlich, die Distanzen zwischen den Daten auf der X-Achse sind nicht gleich.
- Für die Daten wird keine Quelle genannt und keine Definition, was "Aktivität pro Tag" genau bedeutet.
Die Grafik, die viral ging und den Einbruch der "täglichen Aktivität" rechtsgerichteter Bots zeigen soll, ist voller Fehler.
Quelle: ZDF / X.comAuf Anfrage von ZDFheute räumt Zdechovský ein, dass er aktuell über "keine unabhängig überprüfbaren Daten" verfüge, die zweifelsfrei eine Verbindung zwischen den Angriffen und einem Rückgang der Aktivitäten von Desinformationsnetzwerken belegen. "Ich habe nie behauptet, dass solch eine Verbindung definitiv belegt ist", schreibt Zdechovský. Er habe die Grafik als "interessante Information geteilt, die bereits in den sozialen Medien kursierte". Die Anmerkungen von Experten nehme er ernst; er habe nicht mit der großen Reichweite des Posts gerechnet.
Ich erkenne an, dass ich vielleicht hätte deutlicher sein sollen, dass die Originalquelle fehlt und dass die Grafik nicht unabhängig überprüft wurde.
Tomáš Zdechovský, EU-Abgeordneter
KI-Fakes täuschen Medienberichte vor und verbreiten erfundene Skandale über Politiker. Können solche Desinformationen Wahlen beeinflussen - und die Demokratie gefährden?
17.09.2026 | 15:58 minCloudflare-Daten falsch gedeutet: Yandex-Crawler haben Betrieb eingestellt
Auch ein Screenshot aus einem Monitoring-Portal des IT-Dienstleisters Cloudflare wird als vermeintlicher Beleg herangezogen. Auch dort ist ein deutlicher Einbruch bei "Bot-Aktivitäten" zu erkennen. Jedoch beruhen viele Deutungen dieser Grafik auf einem Missverständnis der Nutzer.
Bei den Bot-Aktivitäten, die dieses Cloudflare-Portal erfasst, handelt es sich insbesondere um sogenannte Crawler, also automatisierte Abfragen bei Webseiten, um deren Inhalte für Suchmaschinen zu erfassen. Yandex ist der wichtigste Suchmaschinen-Betreiber Russlands; auch Google und andere Anbieter nutzen solche automatisierten Crawler.
Daten des Anbieters Cloudflare zeigen tatsächlich enen Abfall des sogenannten "Bot traffics" - dabei handelt es sich allerdings nicht um Social Bots.
Quelle: ZDF / Cloudflare RadarDie ukrainischen Angriffe haben tatsächlich zu weitreichenden Ausfällen bei Yandex-Servern geführt, verschiedene Internetangebote waren nicht verfügbar. Mit Bots, die Falschbehauptungen in sozialen Medien verbreiten, hat dies aber nicht automatisch etwas zu tun.
Russland greift in der Ukraine verstärkt Rechenzentren und Netzanbieter an. Wenn Server zerstört werden oder das Netz ausfällt, könnte das für große Probleme im Alltag der Ukrainer sorgen.
09.10.2026 | 1:28 minSelenskyj greift Bot-Gerüchte in Rede auf
Zusätzliche Reichweite erhielten die Gerüchte auch durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er griff sie bei einer Rede beim Warschauer Sicherheitsforum am Montag auf: "Als unsere Angriffe die Yandex-Rechenzentren erreichten, konnte man auf einmal etwas einfacher atmen auf vielen Social-Media-Seiten", sagte Selenskyj in einer per Video übertragenen Rede.
Es gab weniger Hass, weniger Spaltung, und weniger Provokationen. Weil es weniger Bots gab. Und es ist klar, wo diese Bots herkamen - wenn sie verschwanden, nachdem Yandex vom Netz ging.
Wolodymyr Selenskyj
Konkrete Belege nannte aber auch Selenskyj nicht.
Sprengstoff-Drohnen in Leipzig, gefälschte Videos, erfundene Vorwürfe gegen Kandidaten - und Bots: Vor den Landtagswahlen stellt sich vor allem die Frage, wer steckt dahinter?
28.08.2026 | 45:58 minExperten sehen keine Abnahme bei Online-Aktivitäten rund um AfD
Experten für Desinformationskampagnen im Netz beobachten bislang keine Auswirkungen der Angriffe auf prorussische Kanäle. Auch ein Abfall der Online-Aktivität um die AfD sei aus den Daten nicht zu lesen, schreibt Josef Holnburger, Geschäftsführer des Thinktanks Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), auf Anfrage von ZDFheute.
Wir können bei den von uns beobachteten Aktivitäten keinen Rückgang sehen, der sich durch die Angriffe auf Yandex-Rechenzentren begründen lässt.
Josef Holnburger, Geschäftsführer CeMAS
Auch ZDFheute hat sich auf die Suche begeben bei Accounts, die in der Vergangenheit immer wieder Inhalte der russischen Desinformationskampagne "Storm-1516" verbreitet haben. Von Stille ist dort keine Spur, die begutachteten Kanäle sind weiterhin dauerhaft aktiv.
Anfang August wird am Flughafen Leipzig eine Drohne mit Sprengstoff entdeckt. Gleichzeitig kursieren gefälschte Videos auf Social Media. Und das kurz vor den Landtagswahlen. Wer steckt dahinter?
27.08.2026 | 45:58 minBot-Aktivitäten nur schwer messbar
Holnburger merkt auch an, dass es unklar sei, ob sich die Aktivität russischer Social Bots überhaupt so präzise messen lasse, wie die Grafiken nahelegten: "Auskunft könnten dazu nur die Plattformbetreibenden selbst liefern", erklärt Holnburger. "Und wir wissen, dass diese sehr unterschiedlich gegen russische Desinformationskampagnen vorgehen". Auf X gebe es beispielsweise nur wenig Bereitschaft dazu, schreibt der Experte.
Die Behauptung, dass die Aktivität von aus Russland gesteuerten Social Bots eingebrochen sei, kann Holnburger "nicht nachvollziehen". "Ich glaube, dass hier auch viel Wunschdenken bei der Verbreitung dieser Beiträge mit dabei ist."
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.