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Friday, October 16, 2026

Musik-Biennale Venedig: Mit der Ewigkeit vertraut

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Wo Hingabe und Ernst befreiend wirken: Eindrücke von der 70. Ausgabe der Musikbiennale von Venedig zwischen Tiefenentspannung, Ballonkunst und Lärmbad.

Julian Weber

An den Haaren fängt es an, dann wandern die Finger zur Nase, von dort befühlen sie den Kehlkopf. Der Reihe nach werden beim Singen Organe betastet. „Din-din-din daba din-din-din.“ Herz, Eingeweide und Knie, jeder Körperteil klingt anders. Nicht die einzige interessante Erfahrung beim Lachyogaworkshop an der Musikbiennale von Venedig. Wobei der New Yorker Ambientmusiker Laraaji sagt, eigentlich sei das hier ein Playshop; alles wirkt lustvoll inszeniert, und doch soll das Tast-Sing-Spiel beim Soulsearching helfen.

Wer singt, betet gleich zweimal, wie es die Augustinermönche einst formulierten. Laraaji hat auch etwas Mönchisches an sich. In Orange gekleidet, strahlt der 83-jährige US-Künstler, der einst von Brian Eno im New Yorker Washington Square Park entdeckt wurde, gravitätische Ruhe aus; zwischendurch tapert er zu seiner Zither, klickert darauf ein paar Akkorde und singt relaxt, obwohl er eigentlich Kommandos gibt. Wenn er einen großen chinesischen Gong anschlägt, fühlt sich das an, als würde man von Big Ben persönlich wach geküsst. Das Ding hallt im ganzen Raum nach, löst ein episches, freundlich zugewandtes Bodybeben aus, an einem Sonntagmittag, an dem die Gondeln in Venedig definitiv keine Trauer tragen.

Laraaji nimmt die Schüchternheit mit Vokalisen: „Din-din-din daba din-din-din“, nur die Vokale ändern sich. Schon bugsiert er uns zur Lobpreisung: „Ich habe eine schöne Nase / Ja, meine Nase ist sehr schön.“ Wir blicken auf die Nebenleute, lobpreisen deren Nasen. Ähnlich geht er beim Lachen vor. Vom etwas zwanghaft hervorgepressten Operetten-Hahaha zum ansteckenden Hohoho, schließlich ein Lachflash, der umso besser funktioniert, je gleichmäßiger in den Rücken geatmet wird.

Strumpfsockig über einen Teppich tanzend

Strumpfsockig tanzend geht es über einen Teppich; den Vorbeitanzenden in die Augen schauend, sage ich: „I laugh you.“ Habe ich das wirklich gesagt? Ja: Ich lache dich! Der Yogi buttert noch mit einem Gag drüber: „Bevor ihr den Boss um Gehaltserhöhung angeht, erst ’ne Viertelstunde auf dem Klo singen!“ So bringt er den ganzen Saal dazu, alle viere von sich zu strecken. Augen zu: Gonggg! 90 Minuten später bin ich geistig und körperlich erfrischt, die Touristenmassen – egal.

Musik-Biennale Venedig

Laraajis Eröffnungskonzert „Alignment“ (Neujustierung) am Abend zuvor passt bestens zum Motto „Child of Sound“ der 70. Musikbiennale von Venedig. Das Kind im Titel steht für eine offene Form des Zuhörens. Manchen Zuschauern an der alten Schiffswerft Arsenale fällt das schwer: Pausenlos glotzen sie auf ihre Handys, während Laraajis Zitherklänge davonflattern wie Schmetterlinge. Wenn er sich ans Synklavier setzt und mit knabenhafter Stimme Standards aus dem American Songbook intoniert, wird seine Musik spirituell. „Celestial Realms“ (Himmelsreich) heißt eines seiner Alben aus den 1980ern. Bald färbt sich der Himmel blutrot, bevor die Sonne, begleitet von Laraajis Zitherklängen, langsam in der Dunkelheit versinkt.

Um das Anzapfen von göttlichen Reservoirs ging es an der Musikbiennale mehrfach. „Heaven Is Ours“ ist die Performance von brasilianischen baloeiros aus den Favelas von Belo Horizonte und São Paulo betitelt, die zu Baile-Funk-Klängen ihres DJs Anderson do Paraíso sieben Heißluftballons in einer Halle des Arsenale vorführen und draußen einen in die Luft steigen lassen. Baloeiros sind Geistesverwandte von Graffitisprayer:innen, alles dreht sich um Stil.

Ballons und Baile Funk

Passagiere werden keine befördert, Kabinen fehlen, trotzdem verheißen die Ballons und ihre Hüllen aus Seidenpapier soziale Mobilität. Sie suggerieren Freiheit, wo diese Mangelware ist. Ihre Hüllen zieren eigene Designs, Konterfeis von Spielkarten und maskierte Superheld:innen; psychedelische Farbschraffuren wie auf altem Porzellan. In Brasilien sind öffentliche Vorführungen der Ballons verboten. Wie angegossen passt der Sound von DJ Anderson do Paraísos fetter Bassdrum zum Anschwellen der Ballons durch Heißluft. Auch das klickende Build-up der Hi-Hat verbindet sich mit der aufwallenden Hülle, die im Wind wogt.

Caterina Barbieri, die künstlerische Leiterin der Musik-Biennale, hat mit „Child of Sound“ zum Abschied ihrer Amtszeit ein treffendes Motto gewählt: Die Idee kam ihr 2025, als die US-Künstlerin Meredith Monk sich über den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk gefreut habe „wie ein Kind“. Gefällt Kindern etwas, fällt die Entscheidung spontan. Kein strategischer Like. Keine politics. Das unvorhersehbar Spontane ist ein weiteres Muster der Musikbiennale.

Die kanadische Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson schreibt in ihrem Essay „The Gender of Sound“ davon, dass „jedes menschliche Geräusch autobiografische Anteile“ habe. Lautäußerungen entstünden in „einem sehr privaten Umfeld, und doch ist ihre Klangbewegung öffentlich vernehmbar“, denn die menschliche Stimme ist hörbar nach außen gerichtet. Die patriarchale Gesellschaft teilt Menschen in zwei Gruppen ein: solche, die ihre Stimmen selbst zensieren, und solche, die diese Disziplinarmaßnahme nicht einhalten können (was in der Antike den Frauen zugeschrieben wurde).

Der Kobold mit dem schlohweißen Haar

Veranschaulicht wird das auf dem Konzert des japanischen Noisekünstlers Keiji Haino am Samstagabend. Schon im Anmarsch auf die Bühne lässt der Kobold mit dem schlohweißen Haar das Publikum entgeistert sein, indem er vor der Bühne zwei Becken kurz und trocken über den Köpfen der Sitzenden aufeinandercrasht, dass es nur so rumst. Dazu jault er auf, später tut er das auch am Mikrofon in längeren halb sprachlichen Jeremiaden. Schwingt die Becken in die Luft, schmeißt sie auf den Boden, hebt eines wieder auf, rührt gründlichst darin mit einem Klöppel. Hainos Krach hypnotisiert. Wie von der Tarantel gestochen springt er in die Luft, geht zu einem Metallofon, klöppelt abwechselnd mit zwei Stäbchen.

Hingabe und Ernst – geradezu befreiend. Wo jeder anständige Lesebrillenträger mit leiser Stimme Gelassenheit predigt, ist das Konzert von Keijo Haino die reinste Anspannung mit erfrischend cholerischem Dauerlärm. Er erhält den Goldenen Löwe fürs Lebenswerk, überfällig, für die körperliche Schwerstarbeit, aber auch für die großartige Verwirrung, die den 74-jährigen Keiji-San umgibt. Weil die Simultanübersetzung bei der Preisverleihung überhaupt nicht klappt, sagt er beim Interview im Biennalepalast erst mal gar nichts.

Dann bricht er sein Schweigen mit einem existenzphilosophischen Superhaiku: „Das Bewusstsein, während der eigenen Existenz von einem Moment in den nächsten zu kippen, macht uns mit der Ewigkeit vertraut. Zeit vergeht, ich atme.“ Später ist zu erfahren, dass er sich beim Konzert die Fußsohlen verkokelt hat, weil seine mit einem Synthesizer verbundenen Körpersensoren Kurzschlüsse ausgelöst hatten.

Der in London lebende Münchner Künstler Mechatok könnte ein Enkel von Keiji Haino sein. Auch, weil er sich wie Haino im Lärm pudelwohl fühlt. Nur mit einer Gitarre kommt der 28-Jährige, der Emir Timur Toktemir heißt, am Sonntag auf die Bühne, stöpselt sie in eine DJ-Loopstation. Inmitten von elf Richtmikrofonen wirkt er zuweilen etwas unschlüssig. Umständlich zieht er sich nach jedem Song den Hosenbund hoch, wobei er jedes Mal über sein Gitarrenkabel stolpert. Wenn er endlich wieder ein Riff anspielt, mischen sich Stile und Atmosphären auf danteske Weise. Tav Falco trifft Electronic Body Music downtown. Die venezianische Jugend wird aus der Sitzlethargie gerissen und beginnt enthusiasmiert zu shaken und zu moven.

Ein Zeichen für Verwurzelung in der Stadtgesellschaft setzt die Musikbiennale 2026 mit Umsonstkonzerten. Schöner als die Rollschuhbahn in dem Pinienwäldchen Pineta di Sant’Elena kann eine Bühne nicht sein. Zwischen Spielplatz und Beachvolleyballfeld, Spaziergängerinnen und Anglern wird eine Auftragskomposition des venezianischen Ambientmusikers Gigi Masin und ein Werk der dänischen Komponistin ML Buch aufgeführt: Das achtköpfige belgische Gitarrenensemble Zwerm XL lässt seine Äxte mal eiern, mal wie Mandolinen im Wind klingen. Ein Sonntagsvergnügen ohne Weiteres.

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