Gleichberechtigte Elternschaft: Der Papa macht jetzt auch mal was

Dadfluencer setzen sich in den sozialen Medien öffentlich mit ihrer Vaterschaft auseinander. Ist das Selbstinszenierung, Profitgier oder Aktivismus?
M it müden Augen und leicht verwuscheltem Haar begrüßt Olli auf seinem „Papa.Kanal“ seine Follower auf Instagram: „Aah … Wochenende! Oder wie Eltern sagen würden: die 48-Stunden-Challenge. Stell dir vor, du hast zwei Tage Zeit, um ein fünf Tage gewachsenes Chaos zu beseitigen, einen Mount Everest an ungewaschenen Kinderklamotten zu besteigen und ihn in seine 5.463 Einzelteile zu zerlegen. Wir verbringen unser Wochenende meistens … getrennt.“
Olli ist Vater von zwei kleinen Kindern und gehört zur Spezies der Dadfluencer – Männern, die auf Social Media ihre Vaterschaft zum Thema machen. Care-Arbeit, Mental Load und fifty-fifty sind dabei die wichtigsten Schlagworte, vieles dreht sich darum, wie man gleichberechtigt Elternschaft lebt und als Vater für seine Kinder da ist.
Olli, der seinen Nachnamen nicht preisgeben möchte, erreicht mit seinem „Papa.Kanal“ 420.000 Follower, das eingangs zitierte Reel wurde 50.000 Mal gelikt. Besonders erfolgreich sind seine humoristischen Nachahmungen des Alltags mit Kindern, etwa wenn er imitiert, wie beim Abendbrot das Essen überall landet, nur nicht im Mund.
Über die letzten Jahre sind mehr und mehr Dadfluencer in den sozialen Medien aufgetaucht und erfreuen sich wachsender Beliebtheit in der Elternbubble. Die taz hat vier getroffen, um herauszufinden: Was macht sie so erfolgreich? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben, wenn der Content sich um die eigenen Kinder dreht? Und worum geht es ihnen mit ihren Inhalten?
Sebastian Tigges – der „Walking Dad“
In einer Geschichte über Dadfluencer darf ein Name nicht fehlen: Sebastian Tigges. Er gehört wohl zu den bekanntesten in Deutschland. Das Treffen findet in Berlin-Prenzlauer Berg statt, wo der 41-jährige Vater von zwei Kindern seit 14 Jahren wohnt. Es ist ein Freitagmorgen in einem urigen Eckcafé im Erdgeschoss eines sanierten Altbaus, mit der Frau hinter der Theke ist Tigges per Du. Vor dem Café zieht ein konstanter Strom von Radelnden auf dem Weg zur Arbeit vorbei. Tigges ist etwas zerstreut: „Tut mir leid, ich bin gedanklich noch bei den Kindern, ich komme gerade von der Kita.“ Sehr verzeihlich, Eltern wissen, wie fordernd die Morgenroutine sein kann.
Dennoch ist Tigges mehr als präsentabel erschienen, in Wildlederjacke, Bluejeans und Loafern – so kennt man ihn aus seinen nachdenklichen Storys auf Instagram. „Ich hatte nie ein Problem damit, offen über meine Gefühle und unsere Beziehung zu sprechen“, sagt Tigges. Er habe aber nicht damit gerechnet, dass sich so viele Leute dafür interessieren und zuhören. Das große Interesse kam auch durch die Prominenz seiner damaligen Partnerin, der Schauspielerin und Ex-„Germany’s Next Topmodel“-Teilnehmerin Marie Nasemann.
In einem gemeinsamen Podcast verhandelte das Paar Intimes aus dem Leben mit zwei kleinen Kindern. Auch eskalierte Streits wurden dort nachbesprochen, Tigges berichtete etwa, dass er seine Frau wüst beleidigt hatte. In einem früheren Leben war er Anwalt für Insolvenzrecht in einer großen Berliner Kanzlei, mit dem Start des Podcasts vor fünf Jahren folgte der schleichende Übergang zur Person des öffentlichen Lebens.
Inzwischen ist Sebastian Tigges nicht mehr nur „Mann von“. In den letzten vier Jahren hat er sich eine eigene stabile Präsenz auf Instagram aufgebaut. 160.000 Menschen folgen ihm dort. Als „Walking Dad“ hat er sich beim Spazierengehen mit Kinderwagen durch seinen Kiez gefilmt und vielen Eltern aus der Seele gesprochen: „Wenn wir da jeden Tag Duplo spielen und da stundenlang sitzen – ich finde das richtig langweilig.“ Seine Videos prägten so das Bild vom Dadfluencer in der öffentlichen Wahrnehmung.
Foto: Piotr Pietrus
Die Beziehung zu Marie Nasemann indes hat nicht gehalten. Vor anderthalb Jahren trennte sich das Paar. Heute kümmern sich die beiden im Wechselmodell um den sechsjährigen Sohn und die vierjährige Tochter. Der gemeinsame Podcast wurde auch nach der Trennung noch eine Weile fortgeführt, bis im November 2025 die vorerst letzte Folge herauskam.
Mental Load und Selbstkritik
Tigges blieb Influencer und hat vor Kurzem als solcher mit der Veröffentlichung seines Buches „Becoming Dad – Was ich gerne früher übers Vatersein gewusst hätte“ einen neuen Meilenstein erreicht. Der Wechsel vom digitalen in den analogen Raum ist zwar finanziell vermutlich deutlich weniger attraktiv als Werbekooperationen auf Instagram. Trotzdem umweht die traditionelle Ware Buch eine Ausstrahlung, ein symbolischer Wert, der mit Storys auf Instagram nicht zu erreichen ist.
Direkt nach Erscheinen hat sich Tigges gefilmt, wie er durch das große Berliner Kulturkaufhaus Dussmann schlendert und stolz festhält, neben welchen Autoren er nun ausliegt. Auf die Spiegel-Bestsellerliste hat es das Buch nicht geschafft: „Das wäre natürlich fürs Ego schön gewesen“, gibt Tigges zu, „trotzdem bin ich sehr glücklich mit diesem Projekt“.
wochentaz
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In dem Buch berichtet Tigges davon, wie er unvorbereitet in die Vaterrolle gerutscht ist. Obwohl das Kind geplant war, stellt er rückblickend fest, dass er gar keinen Plan hatte. Im Gegensatz zu seiner Partnerin hatte er sich damals überhaupt nicht vorbereitet: „Ich agierte erst, wenn es konkret wurde. Wenn etwas zu schleppen war oder ein Schrank aufgebaut werden musste. Erst viel später verstand ich, dass das eigentliche Problem nicht in einem einzelnen Möbelstück lag, sondern darin, wer sich zuständig fühlte. Die mentale Verantwortung für das große Ganze war wie selbstverständlich auf Maries Schultern gefallen.“ Ein Paradebeispiel für das typische Ungleichgewicht der Mental Load in heterosexuellen Beziehungen. Selbst wenn der Vater anwesend ist und sich beteiligt, haben die Mütter den Blick fürs große Ganze.
Dieses anfängliche Ungenügen ist ein zentrales Motiv der vaterschaftlichen Erzählungen auf Instagram. Es geht um eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit, sie wird als Problem ausgemacht für die mangelnde Übernahme von Care-Arbeit und Mental Load. Dem anfänglichen Scheitern folgen die Läuterung und das Bekenntnis zur gleichberechtigten Elternschaft, meist nach Auseinandersetzungen mit den Partnerinnen, die ihre Männer auf eine mangelnde Verantwortungsübernahme hinweisen.
Laberpodcast „Papas“ für 50:50
Auch Dadfluencer Hannes Husten hat diese Erfahrung bei seinem ersten Kind gemacht, wie er im Gespräch erzählt: „Am Anfang meiner Vaterschaft war ich nicht verlässlich. Im Wochenbett war ich immer einen halben Tag mindestens nicht da. Heute würde ich sagen: Du musst zu Hause sein, dich kümmern.“ Husten ist die eine Hälfte des Podcasts „Papas“, den er gemeinsam mit seinem Freund Niclas Rohrwacher vor drei Jahren gestartet hat.
Die taz trifft die beiden bei ihrer wöchentlichen Podcast-Aufnahme am Berliner Holzmarkt. Direkt an der Spree sind hier ein Technoclub, Räume für Kreative und eine Kita unter dem Dach einer Genossenschaft versammelt. Im dritten Stock liegt Hustens Studio, in einem kleinen Raum mit zwei Samtsesseln wird der Podcast aufgenommen.
Husten und Rohrwacher haben sich in der Kita ihrer Kinder kennengelernt und bezeichnen sich als beste Freunde. Husten ist Gitarrist und Sänger der Indieband SIND. Auch Rohrwacher ist bühnenerprobt. Der Vater von zwei Kindern ist gelernter Schauspieler, in der Neuköllner Mafiaserie „4 Blocks“ etwa hatte er einen kleinen Auftritt als Start-up-Gründer. Außerdem gibt er die Kinderbuchreihe „Der achtsame Tiger“ heraus.
Foto: privat
Foto: privat
Wie alle Dadfluencer streben auch Husten und Rohrwacher eine gerechte Aufteilung der Care-Arbeit an. Ein großes Thema, ist es doch in Deutschland alles andere als selbstverständlich, dass sich Väter an Kinderbetreuung und Haushaltsführung beteiligen. Laut Zeitverwendungserhebung der Bundesregierung leisten Frauen pro Woche neun Stunden mehr dieser unbezahlten Arbeit als Männer, das entspricht einem Gender-Care-Gap von 43,4 Prozent.
Hannes Husten und Niclas Rohrwacher sagen beide, dass sie „sehr nah an fifty-fifty sind, wenn nicht dort angekommen“. Und wenn auch Väter anfangen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und Verantwortung zu übernehmen, stellen sich auf einmal Fragen, die sich sonst nur Mütter gestellt haben. Etwa: „Neue Schule, neue Freunde – wie unterstütze ich mein Kind?“ Oder: „Ist es schlimm, dass ich schnell wütend werde?“ So lauten die Titel ihrer Rubrik „Kleine große Fragen“.
Applaus für das Selbstverständliche
„Papas“ ist ein Laberpodcast von zwei Kumpels, die unbedarft, aber mit Engagement über ihre Vaterschaft sprechen. Auf Instagram machen sie Reels, in denen sie als „Ronny“ und „Thorben“ überzeichnete Versionen ihrer selbst darstellen. Die Reaktionen in den Kommentarspalten sind durchweg positiv.
Es ist sehr einfach für Väter, die eigentlich nur das Selbstverständliche mit ihren Kindern tun, Applaus zu bekommen – die Norm in unserer Gesellschaft ist noch der arbeitende Vater. Stört das eigentlich die Mütter? Nachgefragt bei Hannes Hustens Ehefrau Fanny. Fanny Husten ist Fotografin, Unternehmerin – und mit „Mama Leisa“ schon seit 2019 Elternpodcasterin. Korrekterweise müsste man also auch Hannes als „Mann von“ vorstellen.
Fanny Husten reagiert gelassen: „Die können ruhig Lob dafür bekommen. Es ist ungewohnt für die Leute, weil es bisher nicht so gelebt wurde. Aber klar, theoretisch ist es kompletter Schwachsinn. Wurde eine Mutter jemals gefragt, warum sie irgendwo alleine mit den Kindern unterwegs ist?“ Worauf sie Wert lege, sei, dass es sich bei dem, was man als Dadfluencer von sich gibt, auch um die Wahrheit handelt. Und das würde sie für ihren Partner bestätigen: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir sehr gleichberechtigt sind.“
Auch sie hat am Podcast „Papas“ mitgewirkt: „Die Idee für den Namen kommt von mir, das Cover habe ich geshootet und das Layout habe ich auch gemacht. Am Anfang war das schon viel kostenlose Zusatzarbeit. Aber ich habe das gerne gemacht, am Ende bleibt das ja auch in der Familie.“
Verfehlte Zielgruppe
Fanny Husten hat allerdings auch eine unangenehme Beobachtung gemacht: Es gebe Themen, die, wenn sie von Männern besprochen werden, von der Gesellschaft anders oder als etwas Besonderes wahrgenommen würden. Zum Beispiel Hannes Hustens Ankommen in der Vaterrolle: „Für Väter ist es dann automatisch so ein Prozess. Dabei war es auch für mich als Mutter schwierig, meine Rolle zu finden.“ Aber das werde im Allgemeinen als selbstverständlich, normal und nicht weiter erwähnenswert betrachtet.
Niclas Rohrwacher ist sich dessen bewusst: „Es ist einfach für uns, als Papas Zuspruch zu bekommen. Das ist unfair, weil die Mamas alles leisten und keinen bekommen. Aber irgendwo muss man anfangen, wenn man etwas verändern will. Und Veränderung kann eintreten, wenn jemand bei uns im Podcast einen Gedanken hört und denkt: Oh ja, stimmt, das könnten wir eigentlich auch anders machen.’“
Foto: Iona Dutz
Ist das so? Nehmen sich Väter an den Dadfluencern tatsächlich ein Beispiel? Dazu gibt es in der Medien- und Familienforschung bisher keine Erhebungen. Eine Tatsache spricht jedoch eher dagegen: Dadfluencer-Podcasts werden vor allem von Frauen gehört. Husten und Rohrwacher erreichen zwar circa 40.000 Menschen pro Monat, darunter sind aber nur knapp 20 Prozent Männer. Dieses Geschlechterverhältnis findet sich auch in den Followerzahlen aller für den Text befragten Dadfluencer wieder.
Warum aber hören Frauen, darunter vermutlich viele Mütter, Männern dabei zu, wie die über Themen reden, die sie zuhauf aus ihrem Alltag kennen? Schließlich gibt es eine Menge deutlich etablierterer Podcasts von Müttern, etwa den von Fanny Husten. Sie haben die Elternbubble auf Social Media überhaupt so groß werden lassen. Vielleicht ist es wohltuend, zu sehen, dass es überhaupt Männer gibt, die an sich arbeiten wollen.
Promieltern als Projektionsfläche
Manchmal lenken diese Männer die Aufmerksamkeit aber auch auf Themen, die Mütter nur allzu gut kennen, die jedoch in der breiten Öffentlichkeit weniger sichtbar sind. Beispielhaft dafür ist ein Reel von Sebastian Tigges, das er nach seiner Trennung veröffentlichte. Er berichtete dort von zahlreichen Kommentaren getrennt lebender Mütter auf seinem Account. Sie teilten dort ihre Erleichterung darüber, seit der Trennung wirklich die Hälfte der Zeit frei zu haben. Tigges reagierte darauf in dem Video, nahm die Väter in die Verantwortung: „Was sagt das eigentlich über uns Väter, wenn unsere Abwesenheit als Entlastung wahrgenommen wird?“
Die Trennung von Marie Nasemann und Sebastian Tigges hat auch über Social Media hinaus weite Kreise gezogen. In überregionalen Zeitungen erschienen Nachrufe auf das Paar, etwa in der Zeit („Nein, nicht die beiden!“), nach dem Motto: Wenn derart gleichberechtigte Eltern es nicht schaffen, wer dann? Tigges erinnert sich: „Ich war vollkommen geflasht von dieser Aufmerksamkeit, saß im Café und bekam die ganzen Artikel von Freunden zugeschickt. Emotional war ich noch voll von der Trennung eingenommen.“
Nasemann und Tigges waren Projektionsfläche für die Wünsche und Erwartungen vieler Menschen, dem überwiegend weiblichen Publikum nach zu urteilen insbesondere für Mütter und Frauen. Tigges erklärt sich das Interesse an seiner (gescheiterten) Ehe so: „Es gibt ein gesellschaftliches Bedürfnis danach, dass Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern.“
Auch die Soziologin und Väterforscherin Kim Bräuer beobachtet diesen Trend. Ihr Forschungsteam hat 60 Interviews mit Vätern aus ganz unterschiedlichen Erwerbsverhältnissen geführt und fasst zusammen: „Die Idee von Gleichberechtigung und der Wunsch, es anders zu machen als die eigenen Eltern, war milieuübergreifend sehr weit verbreitet. Es gibt nur eine riesige Lücke zwischen diesem Ideal und der Vaterschaftspraxis.“
Urban, bürgerlich, privilegiert
Wie gelingt es Dadfluencern, diese Lücke zu schließen und ihre Hälfte der Kindererziehung zu übernehmen? Die Erwerbsverhältnisse sind in dieser Frage ein wichtiges Stichwort. Die vier Männer eint, dass sie nicht in einem klassischen Angestelltenverhältnis tätig sind und – noch wichtiger – Partnerinnen haben, die vergleichbar viel oder sogar mehr verdienen. Anhand des Einkommens entscheidet sich schon ganz am Anfang, wer in Elternzeit geht. Da Männer im Schnitt 16 Prozent mehr verdienen, geht in der Regel die Mutter in Elternzeit. Das Einkommen ihrer Partnerinnen hat bei Hannes Husten und Sebastian Tigges dazu geführt, dass sie den größeren Teil der Elternzeit nach der Geburt übernommen haben, Influencer waren sie damals noch nicht.
Dadfluencer leben also privilegiert. Gerade Tigges und Nasemann wurden häufig dafür kritisiert: Die Flucht vor dem langen Berliner Winter nach Südafrika, die Auslagerung von Betreuungszeit an Babysitter – das kann sich ein Otto Normalverbraucher in der Regel nicht leisten.
Dass trotzdem viele Eltern die Nöte und Sorgen, von denen Tigges als „Walking Dad“ berichtet, teilen, liegt auch an dem Familienmodell, in dem Nasemann und Tigges bis zu ihrer Trennung gelebt haben: als in der Großstadt lebende Kernfamilie. Die Soziologin Kim Bräuer sagt dazu: „Wir erleben den Höhepunkt der Enttraditionalisierung von Familienverhältnissen, Großeltern leben weit weg und sind oft schon sehr alt. Gleichzeitig haben sich die gesellschaftlichen Ansprüche an Familien wahnsinnig verändert. Es gibt die Erwartung an beide Partner, sich in Form von Erwerbsarbeit gesellschaftlich einzubringen, Betreuungsverhältnisse sind jedoch unsicher. Unter diesen Bedingungen in der postindustriellen Gesellschaft Care-Arbeit in der Kernfamilie zu leisten, ist eine große Herausforderung.“
Tigges lebt das Modell der Kernfamilie seit der Trennung nicht mehr und teilt mittlerweile auch nur noch wenig Inhalte zu seiner Vaterschaft auf Instagram. „Ich würde mich gerne weg vom Teilen meiner individuellen Erfahrung und meines Privatlebens hin zu Elternschaft als politischem Thema bewegen“, sagt er. Doch der Grund für seine neue Zurückhaltung ist nicht, dass er sich nicht mehr aus der Lebensrealität einer urbane Kernfamilie bedienen kann. Sondern, unter anderem, dass er seine und Nasemanns komplette Offenheit über das Familienleben heute kritisch sieht: „Wir haben eine Folge über unseren Sohn als kleines Kind nachträglich gelöscht. Im Moment verstehen meine Kinder ja noch nicht richtig, was ich mache. Aber ich möchte nicht, dass sie in Zukunft mit dem konfrontiert werden, was wir dort preisgegeben haben.“
Das Zeigen der Kinder ist in sozialen Medien verbreitet tabu, auch unter den Dadfluencern – zumindest was ihre Gesichter angeht. Wenn sie Fotos veröffentlichen, sind die Kinder entweder nur von hinten zu sehen, oder es werden Emojis über ihre Köpfe gelegt. Auch die Namen sind unbekannt. Das Beispiel Tigges zeigt aber, dass schon das Reden über den Nachwuchs Grenzen überschreiten kann.
Während Tigges sich mittlerweile in Zurückhaltung übt, befindet sich Olli aus Leipzig an einem ganz anderen Punkt. Sein Stern am Elternhimmel beginnt gerade erst aufzusteigen. Vor einem guten Jahr hat der Mann mit dem wuscheligen Haar und den Mount-Everest-großen Kinderklamottenbergen seinen „Papa.Kanal“ gestartet – mit wachsendem Erfolg. Allein in den letzten zwei Monaten hat er seine Followerschaft auf 420.000 verdoppelt. Er ist der mit Abstand reichweitenstärkste Vater in diesem Text.
Wir erleben den Höhepunkt der Enttraditionalisierung von Familienverhältnissen. Gleichzeitig haben sich die gesellschaftlichen Ansprüche an Familien wahnsinnig verändert
Kim Bräuer, Soziologin
Das Treffen mit dem 38-Jährigen findet an einem Mittwochvormittag auf einem verwaisten Spielplatz im Leipziger Westen statt. Auch seine Kinder sind in der Kita. Olli trägt Stoffhose und ein zerknautschtes Hemd überm T-Shirt und hat eine zuckerfreie Mate in der Hand – ein funktionales Vateroutfit.
Er erzählt von seiner Kindheit als Sohn getrennter Eltern, die sich im Wechselmodell um ihn kümmerten. „Obwohl das sehr fortschrittlich für die Zeit war, waren die Rollenklischees und Stereotype noch sehr in den Köpfen drin.“ Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Elternhaus und insbesondere die Abgrenzung vom Vater sind wiederkehrende Themen bei Dadfluencern. Keiner, der für diesen Text befragt wurde, spricht dabei schlecht über seinen Vater, alle sehen eine gewisse Fortschrittlichkeit in deren Vatersein. Allerdings gelte das für die damaligen Maßstäbe, heute wollen sie es bewusst anders machen.
Was die Dadfluencer außerdem eint: Sie sind urban, bürgerlich, weiß und cis hetero. Andere Perspektiven, etwa die einer Regenbogenfamilie, kommen zwar auch auf Instagram vor, doch deutlich seltener. Soziologin Kim Bräuer sagt: „Natürlich sind die Accounts erfolgreich, die Mehrheiten interessieren. Ich beobachte als Wissenschaftlerin, dass dadurch das Bild von Vaterschaft in der Darstellung verengt ist. Vaterschaft und Armut ist zum Beispiel ein Thema, das nicht vorkommt.“
Die Gretchenfrage
Wie Sebastian Tigges hat auch Olli nicht mit seinem Erfolg gerechnet. Er fing kurz vor der Geburt seines zweiten Kindes mit dem Posten an. „Ich wollte diese Zeit tagebuchmäßig festhalten. Dann habe ich auch eine gewisse Bühnenaffinität, habe also vielleicht eine neue Bühne gesucht.“ Früher stand er als Singer-Songwriter auf Bühnen in Leipzig, hat dort schon immer gerne viel geredet und die Leute mit Witzen unterhalten. Dann wechselte er ins Marketing, beriet als Selbstständiger Unternehmen.
Diesen Job hat er kurz vor dem Treffen mit der taz aufgegeben – zugunsten des „Papa.Kanals“. „Um mich auf Instagram auszuprobieren, habe ich mein Sparkonto leer geräumt. Also muss ich damit jetzt auch Geld verdienen, um meinen finanziellen Beitrag zu leisten, die Miete zu bezahlen.“ Dadfluencer oder Creator, wie Olli lieber sagt, ist da ein kohärenter Endpunkt eines Berufslebens zwischen Marketing und Bühnen.
Und wie verdienen Dadfluencer Geld? Mit Werbung – ein riesiger Markt mit potenziell sehr guten Einnahmen, aber auch der Gefahr, sich zu verkaufen, also etwa die Inhalte den beworbenen Produkten anzupassen und nicht andersherum. Konkrete Summen will im Gespräch mit der taz keiner der vier Dadfluencer nennen. Sie sagen nur, die Spanne reiche von mehreren Hundert Euro bis in den höheren vierstelligen Bereich für bezahlte Posts oder Storys. Abhängig ist das unter anderem von der Reichweite, die sich nicht allein aus der Anzahl der Follower ergibt, sondern aus der der Accounts, die tatsächlich den Content schauen.
Auch die anderen drei Dadfluencer schalten Werbung auf Instagram. Zum Beispiel für Nahrungsergänzungsmittel, Biosäfte, E-SIMs im Ausland, Secondhandkleidung oder ein Leihwagenabonnement: Produkte, die auf die Followerschaft zugeschnitten sind, also linksliberale Eltern. Auf die Frage, was für sie okay ist und was nicht, antworten alle vier gleich: Sie machten nur Werbung für Produkte, die sie für ethisch vertretbar hielten und die sie auch selber kaufen würden.
Wenige Tage nach dem Treffen mit der taz postet Olli zum ersten Mal Werbung auf seinem Kanal: „Testet die Entspannungs-App für Babies und Kinder gern mit dem Code ‚OLLI‘ mal gratis mit euren Kindern aus und spart danach 20 Prozent auf die Jahresmitgliedschaft. Ich finde die Klang- und Traumreisen, Hörgeschichten und überhaupt die ganze Weltraumwelt super schön und die Kids (und ich!) kommen spürbar einfacher runter.“
Olli sagt dazu: „Ich sehe es auch so, dass die Unternehmen mit Kooperationen meine Arbeit und die gesellschaftskritische Haltung auf meinem Kanal unterstützen.“ In seinem Content formuliert er zum Beispiel Kritik an den Einsparungen beim Elterngeld („Null Kind Politik“) oder macht den Gender-Pay-Gap zum Thema. Lässt sich damit der Widerspruch zwischen dem Versprechen von Authentizität und dem Unterjubeln einer Werbebotschaft lösen? Es ist die Gretchenfrage des Influencerdaseins.
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