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Sunday, October 4, 2026

Missing Link: Our Best Machines – Was bin ich ohne meinen KI-Assistenten?

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Vor ein paar Monaten schrieb Sam Altman, CEO von OpenAI, auf X, dass er seinen Schlafrhythmus auf polyphasisch umstelle, um seine Produktivität mit KI-Assistenten noch weiter zu erhöhen. Was heißt, dass er nach eigener Aussage seinen Schlaf in einer 24-Stunden-Periode über mehrere Zeitabschnitte hinweg verteilen würde. In anderen Worten: Schlaf als störende Unterbrechung seiner Konversationen mit der KI. Das wirft Fragen auf.

KI-Assistenten wie ChatGPT und Codex von OpenAI und anderer Hersteller haben sich längst im Berufs- und Privatleben vieler Menschen etabliert. Auf 11 Millionen wird die Zahl der täglichen Nutzer in Deutschland geschätzt, basierend auf einer Befragung im Auftrag des Bitkom, veröffentlicht im April 2026, und aktuellen Bevölkerungszahlen des statistischen Bundesamts.

Das bezieht sich auf die Bevölkerung ab 16 Jahren. Wie viele der Unter-16-Jährigen täglich mit der KI ihre Probleme mit Schule, Freunden, Eltern diskutieren, wissen wir nicht genau. Eine Studie der DAK mit dem UKE schätzt, dass etwa ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen einen KI-Assistenten mehrmals pro Woche nutzt.

Dr. Christina Czeschik

Dr. Christina Czeschik ist Ärztin und Medizininformatikerin. Sie schreibt als freie Autorin über Digitalisierung, neue Technologien und Informationssicherheit im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen. Unter dem Pseudonym Jo Koren schreibt sie Science-Fiction-Romane.

Auf dem Business-Netzwerk LinkedIn gehören KI-Kompetenzen zu den Fähigkeiten mit der am stärksten wachsenden Nachfrage. Das zeigen internationale Daten der Plattform. Die Analysten werteten dafür zum einen aus, welche Fähigkeiten LinkedIn-Nutzer am häufigsten in ihren Profilen angaben. Zum anderen schauten sie darauf, welche Fähigkeiten Personen in ihrem LinkedIn-Profil aufführten, die im vergangenen Jahr für einen neuen Job eingestellt wurden.

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Unter Umständen übersteigt der gefühlte Produktivitätszuwachs durch KI allerdings den realen: Eine Studie der Non-Profit-Organisation METR zeigte im Jahr 2025, dass erfahrene Open-Source-Programmierende durch den Einsatz von KI-Tools tatsächlich um fast 20 Prozent langsamer wurden – aber im Schnitt glaubten, um über 20 Prozent schneller geworden zu sein. Expertinnen und Experten aus Wirtschaft und Machine Learning hatten unterdessen vor der Studie eine etwa 40-prozentige Beschleunigung vorhergesagt.

Die Studie sollte 2026 erneut durchgeführt werden, um die Weiterentwicklung der Tools und die zunehmenden KI-Kompetenzen der Studienteilnehmenden abzubilden. Aber es stellte sich heraus: Weit weniger Entwicklerinnen und Entwickler waren bereit, an der Studie teilzunehmen und gaben als Grund an, dass sie nicht bereit waren, während ihrer Arbeit auf KI-Tools zu verzichten. Das wäre in einer Kontrollgruppe notwendig gewesen, wurde aber nicht untersucht.

Schon oft konnten wir diesen Weg einer Technologie, eines neuen Werkzeugs beobachten: erst ist sie neu und gilt vielleicht als Spielerei, dann wird ihr Nutzen klar, und überraschend schnell scheint sie dann unentbehrlich. Viele unserer modernen Annehmlichkeiten, von der Spülmaschine über das Smartphone bis hin zu Lieferdiensten, haben diese Entwicklung zurückgelegt.

Und übrigens auch Werkzeuge und Plattformen, die kaum Annehmlichkeiten im engeren Sinne sind: Niemand liebt LinkedIn, aber sein Nutzen und nicht zuletzt die Fear of missing out (FOMO) aller Beteiligten sorgt dafür, dass es weiter floriert.

Und nun die KI: Sie wird umso nützlicher, je intimer sie mit uns verbunden ist. Um für uns zu denken, soll sie mit unseren Gedanken besser vertraut sein als wir selbst. Oberflächlich betrachtet gilt das auch schon für andere Komponenten unserer Datenökonomie: All die Plattformen, die uns das Leben leichter machen, weil sie es besonders gut kennen und unsere Bedürfnisse annähernd vorhersagen können.

Aber KI-Assistenten fangen, mehr als alle anderen Werkzeuge, nach kurzer Zeit an, sich wie ein integraler Bestandteil unseres Denkens anzufühlen: Wenn sie Ideen generieren, die plausiblerweise von uns selbst hätten sein können, und uns dann das Gefühl geben, sie seien tatsächlich aus uns selbst gekommen und ein Beweis dafür, wie klug oder originell oder vorausschauend wir sind, oder jedenfalls auf dem richtigen Weg. Wohin auch immer.

„Our best machines are made of sunshine“, schrieb die Cyborg-Theoretikerin Donna Haraway einst, und: „they are all light and clean“. Sie war damit in ihrem Cyborg-Manifest schon 1985 einer Sache auf der Spur, die für den Rest von uns wahrscheinlich erst in späteren Jahren so richtig deutlich geworden ist: dass Technik im Laufe der Zeit immer weniger aussieht wie Geräte, Apparate, Maschinen.

Alles Eckige, Schmutzige, Abstoßende an der Technik verschwindet aus unserem Blickfeld. Die dazugehörigen Serverfarmen, die Fabriken, die Stromleitungen, das Abwasser und die unethischen Arbeitsverhältnisse, all das wird in Regionen verdrängt, wo wir sie nicht mehr sehen. Bei uns bleiben nur die zierlichen, handschmeichelnden, leichten und eleganten Endgeräte – der geringste Teil der Infrastruktur.

KI-Assistenten treiben diese Verschiebung noch weiter: Auf unserer Seite bleibt oft nur ein Eingabefeld oder sogar nur eine Stimme. Und dadurch, dass unsere Technologie so anschmiegsam und zutraulich wird, so freundlich und unbedrohlich, schmiegt sie sich besonders gut an unseren Alltag an und ermutigt uns, sie in alle Dinge einzubeziehen, in alle Tätigkeiten, die bisher ein intimer Ausdruck unseres Menschseins waren: sie ist dabei, wenn wir wahrnehmen und analysieren, planen und hoffen und über uns selbst nachdenken.

So gesehen sind KI-Assistenten wirklich unsere besten Maschinen, light and clean. Die Einladung, sie zu unserem Teil von uns zu machen, ist verlockend – und sie klingt anders, als ich sie mir vor Jahren ausgemalt habe.

Ich selbst hatte mir diese Verschmelzung lange genau andersherum vorgestellt: nicht als Verschwinden der Maschine, sondern als immer deutlicheres physisches Eindringen der Maschine in den Körper.

Aber noch vor zehn Jahren schien mir vorgezeichnet, dass dieser Weg physisch sein würde. Ich hatte Erinnerungen an die OP-Säle, in denen ich als Medizinstudentin stand. Und an Biohacking-Vorträge, die ich auf Konferenzen und in Hackerspaces gehört hatte. Unsere Devices, so stand es in jeder Fachzeitschrift und jedem Hochglanzheft der Medizintechnik-Branche, werden immer winziger, billiger, fügen sich immer unauffälliger in den Körper ein.

Für meinen ersten Science-Fiction-Roman, der 2016 erschien, dachte ich mir eine Zukunft aus, in der die Maschinen sich auch unentbehrlich machen – in der man auch mit der Maschine verschmelzen muss, um mithalten zu können. Aber meine Vorstellung war im Vergleich zu heute physisch, blutig, unfein: Hirnimplantate, so dachte ich mir aus, wären irgendwann die Best Practice, nein, das Minimum, um am Arbeitsmarkt mithalten zu können, selbst als hochqualifizierter Profi. Und die Gier nach billigen Arbeitskräften wäre so groß, dass wir anfangen würden, selbst unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, auf diese Weise hochzurüsten und zu einem Werkzeug zu machen.

Heute kommt mir diese Vorstellung altmodisch vor. Ich hatte angenommen, die entscheidende Grenze wäre die Haut, die Körperoberfläche. Aber die Verschmelzung von Mensch und Maschine kann sehr weit gehen, ohne diese Grenze überhaupt zu durchbrechen.

Die heutige Verschmelzung von Mensch und Maschine fühlt sich nicht wie Zwang an, noch nicht. Niemand steht an Altmans Bett und zieht ihm nachts um halb drei die Decke weg. Und niemand ist gezwungen, seiner KI etwas Persönliches mitzuteilen. Wir könnten auch einfach immer einen Inkognito-Chat öffnen. Und dabei hoffen, dass er so datensparsam ist, wie die Unternehmen behaupten. Oder der KI nur das Mindeste mitteilen, was sie für die Bewältigung einer Aufgabe braucht.

Dann stellt man doch irgendwann fest, wie nützlich ist es, wenn man der KI wenigstens ein paar seiner persönlichen Präferenzen mitteilt, ganz unverfänglich. Und dann ist es plötzlich Sommer 2026, und Altman empfiehlt Eltern auf X, ihre Familienkalender mit ChatGPT zu verbinden, damit sie ihre Kinder auf dem morgendlichen Schulweg im Auto mit einem interessanten, total individualisierten Podcast beschallen können und nicht mehr mit ihnen reden müssen.

Das alles führt uns zu der Frage: Was machen wir denn mit der Zeit, welche die KI-Assistenten uns einsparen? Noch mehr KI-Agenten losschicken, damit sie noch mehr Aufgaben sehr effizient erledigen, auch nachts um halb drei?

Oder anders gefragt: Was wird einem Menschen noch Spaß machen, worin wird er Befriedigung finden nach Feierabend, wenn er tagsüber zu jemandem geworden ist, der mit und durch seinen KI-Assistenten denkt, plant, handelt? Wovon träumen wir nachts, wenn unser Tag daraus bestand, KI-Agenten zu koordinieren?

Klar: Wir können den KI-Assistenten auch abschalten, das Fenster schließen. Aber die Fähigkeiten, die wir zuvor an die KI ausgelagert haben, kommen nicht von einer Sekunde auf die andere wieder. Das gilt natürlich auch für andere Technologien: Wer von heute auf morgen das Auto stehenlässt, der wird nicht über Nacht zu einem Menschen, der 30 Kilometer mit dem Rad fahren kann, ohne aus der Puste zu kommen.

Der Unterschied zwischen Auto und KI ist: Wir lagern auch Tätigkeiten an die KI aus, die wir bisher nur unserem eigenen Gehirn zugerechnet haben – dem, was uns zu den Persönlichkeiten macht, die wir glauben zu sein.

Wenn die KI uns hilft, tagsüber besser zu arbeiten, dann liegt es nahe, sie auch unsere Erholung effizienter gestalten zu lassen: Mehr Spaß, tiefere Entspannung, optimierte Sozialkontakte. Oder uns von ihr bessere Hoffnungen entwerfen zu lassen als die, auf die wir selbst kommen würden, bessere Träume, einen besseren Entwurf vom Menschsein.

Oder vielleicht werden wir in Zukunft auch keine Zeit mehr haben, um zu hoffen oder zu spinnen, und die Zeit gar nicht vermissen. In Zukunft würden die Menschen dank KI noch beschäftigter sein als heute, sagte Altman vor ein paar Wochen im Interview-Podcast „Relentless“ – aber „secretly happy“ darüber. So weit die Aussage von Sam, der vielleicht nichts von dem, was er sagt oder tweetet, selbst glaubt, sondern auch ein Langschläfer mit einem guten Händchen für PR sein könnte.

Also – zu welchem Schluss kommen wir? Ist die ganze Aufregung übertrieben, sind KI-Assistenten nicht einfach noch eine weitere neue Software, ein weiteres Werkzeug, das wir Menschen entwickelt haben, um uns das Leben und Arbeiten leichter zu machen? Um zur Frage vom Anfang zurückzukommen: Bin ich nicht ohne meine KI-Assistenten einfach noch die Gleiche – so, wie ich eben auch ohne Waschmaschine und ohne LinkedIn noch die Gleiche bin?

Schon 1998 stellten die Philosophen Andy Clark und David Chalmers in ihrem Aufsatz „The Extended Mind“ die These auf, dass Denken nicht zwingend an der Schädeldecke endet. Wenn sich beispielsweise jemand auf sein Notizbuch verlässt, um sich an Dinge zu erinnern – ist das Notizbuch dann wirklich noch ein äußeres Hilfsmittel, oder ist es eigentlich Teil des kognitiven Systems dieser Person?

Und es stimmt: Wir denken längst mit Dingen außerhalb unseres Kopfes, schon vor KI-Assistenten. Wir haben Kalender und Notizbücher – erst analog, dann digital, Taschenrechner, Suchmaschinen, Navigationsgeräte, das multifunktionelle Smartphone. Auch ohne den Kalender wäre ich eine andere Person, eine unpünktlichere, aber auch eine, die mehr dem Zufall überließe. Das klingt banal, aber würde sich über die Jahre vielleicht zu einem völlig anderen Freundes- und Bekanntenkreis summieren, und dieser hätte wiederum auf meine Persönlichkeit zurückgewirkt. Und auch ohne Navi wäre ich eine andere: eine, die mit vielen Orten gut vertraut wäre, an die sie eigentlich nie wollte. Die Liste ließe sich lange fortführen.

Das Besondere an KI-Assistenten – und zu einem geringeren Grad auch an vielen Werkzeugen und Plattformen, die ihnen vorausgingen – ist in diesem Zusammenhang folgendes: Nicht nur die freundliche Benutzeroberfläche oder das leichtgewichtige Ding in dem netten Plastikgehäuse wird Teil von uns, sondern auch die ganze Infrastruktur dahinter, die außerhalb unseres Blickfeldes bleibt – die viel mehr als ein altmodisches „Gerät“ von komplexen politischen und wirtschaftlichen Einflüssen und einflussreichen Personen Unternehmen gesteuert wird. Damit wird nicht nur die Maschine ein Teil von uns, sondern all diese komplexen Einflüsse, die wir nicht ansatzweise überblicken können.

Je mehr die Welt um uns herum KI-Assistenten einsetzt, desto weniger kommen wir übrigens in einen vermeintlichen Urzustand zurück, indem wir selbst einfach auf den Einsatz von KI verzichten. Wir hängen mit den Menschen um uns herum zusammen – und die Person, mit der Sie sich am Esstisch oder an der Straßenbahnhaltestelle unterhalten, hat ihre Prioritäten und Gesprächsthemen an diesem Tag vielleicht von ihrer jüngsten Unterhaltung mit der KI mitgenommen.

Was also sind wir ohne KI-Assistenten, und was heißt überhaupt „ohne“? Die Antwort auf diese Frage kann jeder für sich selbst nur empirisch finden: gelegentlich abschalten, um herauszufinden, was noch da ist an Fähigkeiten und Ideen und Wünschen. Und auch was sich verändert hat – was vielleicht neu hinzugekommen ist. Das ist das Einzige, was wir als Menschen besser können als alle anderen Lebewesen: uns an neue Bedingungen anzupassen, auch an selbstgeschaffene.

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