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Sunday, October 18, 2026

Nach der Krawallnacht in Frankreich: Die Ursachen des Volkszorns

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Die Wut auf steigende Preise befeuert die Proteste. Doch nach der Gewalt und den Zerstörungen in der Nacht zu Sonntag rückt das in den Hintergrund.

Am Sonntag erwachte Frankreich schockiert von den chaotischen Szenen der vergangenen Nacht. Die Regierung, die sich offenbar von den „Chaoten“ überrumpeln ließ, wirkt eher belämmert. Man fragt sich, wie so etwas geschehen konnte. Bei den außergewöhnlich heftigen Konfrontationen waren so viele Jugendliche an so vielen Orten beteiligt, dass sich das Problem dieser Gewalt nicht auf ein paar „Casseurs“ (Randalierer) reduzieren lässt.

Die linke Opposition fordert den Rücktritt des Innenministers, die Rechtspopulisten fordern ein hartes Durchgreifen. Zweifellos werden die Ereignisse an diesem 17. Oktober, der in die Geschichte eingeht, Auswirkungen auf die Wahlen im Frühling 2027 haben.

Am Tag danach aber wurde nur noch von der Gewalt und der Ohnmacht der Staatsführung gesprochen. Das eigentliche Thema und der Anlass der Proteste, nämlich die Austeritätspolitik der Regierung mit ihrem Staatshaushaltsentwurf und die Frage der Kaufkraft, gerieten dabei in den Hintergrund – was der Regierung vielleicht nur recht ist.

Die Preise steigen, die Kaufkraft sinkt

Die Teuerung im Vergleich zum Vorjahr beträgt in Frankreich offiziell 3,4 Prozent. Doch hinter der trockenen Zahl verbirgt sich eine vielgesichtige Ungleichheit. Nicht alle sind in gleicher Weise in ihrer Kaufkraft betroffen. Bereits wissen beispielsweise die Staatsangestellten und Beamten, dass sie laut dem Entwurf für den vorliegenden Staatshaushaltsentwurf wie schon im Vorjahr keinen Teuerungsausgleich bekommen sollen. Das empört sie, weil sie bereits seit Jahren an Kaufkraft verloren. Laut der CGT-Gewerkschaft soll diese Einbuße seit 20 Jahren im Durchschnitt 25 Prozent ausmachen. Allein das ist für die Gewerkschaften Anlass, in diesem Herbst gegen die Regierungspolitik zu demonstrieren.

Statistisch belegt ist auch, wie in den letzten zehn Jahren, und in beschleunigter Weise seit 2022, die Kurven der Gehälter und der Preise für Lebensmittel auseinanderdriften. Beim Einkaufen im Supermarkt ist den Konsumenten nicht entgangen, wie vor allem die Preise für Butter, Frischgemüse und Früchte spürbar fürs Portemonnaie steigen. Sie kaufen darum weniger Frischwaren und weniger Markenprodukte und eher beim Harddiscounter als beim Laden an der Ecke. Noch nie war der Andrang bei den „Restos du coeur“, wo an Bedürftige kostenlos Lebensmittel verteilt werden, so groß.

„Es ist halt nicht dasselbe, wenn etwa die Freizeitparks oder Restaurants teurer werden oder die Kosten für Energie, Wohnen und die Nahrung steigen. Wenn das Restaurant unvernünftig teuer wird, gehst du nicht mehr hin. Aber wenn das Füllen des Tanks 30 Euro mehr kostet und du das Auto brauchst, um arbeiten zu gehen, dann hast du nicht die Wahl“, kommentiert Mathieu Plane, der Konjunkturforscher und Vizedirektor des Observatoire français des conjonctures économiques (OFCE), diese statistischen Vergleichszahlen.

Comeback der Gelbwesten

Wie schon 2018 treiben hauptsächlich die Energie- und Treibstoffpreise die „Gelbwesten“ erneut auf die Straße. Bei ihnen handelt es sich nicht um die Gewerkschaftsmitglieder oder um die organisierte Linke, die wegen der geplanten Einsparungen im Staatshaushalt protestieren. Auch nicht um die aufbegehrenden Jugendlichen, die ihre Zukunft verbaut sehen und nun seit Wochen gegen ungleiche Bildungschancen demonstrieren. Es sind in der Regel eher Gewerbetreibende, die außerhalb der Großstädte leben, und angestellte Berufstätige, die lange Arbeitswege haben. Obwohl die Verbraucher in Frankreich auch für viele andere Güter die Aufschläge sehen und sich darüber ärgern, macht nichts sie so wütend wie die massiv gestiegenen Kosten für Benzin und Diesel.

Gegenwärtig liegt der Literpreis für Benzin bleifrei 95 an den meisten Tankstellen bei 2,35 Euro, und der Liter Diesel kostet häufig um die 2,50 Euro. Das ist für die Automobilisten, die beruflich viel unterwegs sind, jenseits der Schmerzgrenze des Erträglichen. Der französische Energiekonzern Total betreibt aus der Sicht seiner Konkurrenten unlauteren Wettbewerb mit einem auf 1,99 „eingefrorenen“ Benzinpreis. Doch auch da gibt es Grund für Unmut, denn vor den Zapfsäulen von Total bilden sich vielfach lange Warteschlangen, und am Ende des Tages sind die Reservoirs oft leer.

Die Selbstständigen wissen, dass sie ihren Auftraggebern diese gestiegenen Transportkosten nur beschränkt oder gar nicht in Rechnung stellen können. Auch die punktuelle finanzielle Unterstützung der Regierung für bestimmte Berufe (zum Beispiel selbstständige Pflegefachkräfte auf dem Land) reicht nicht, um die Teuerung auszugleichen. Sie trifft man zusammen mit Arbeitslosen und Senioren mit kleinen Witwen- oder Altersrenten häufig bei den Besetzungsaktionen der „Gilets jaunes“. Wie 2018und 2019 verteidigen die Gelbwesten wieder auf Kreiseln und anderen Verkehrsknoten oder vor den blockierten (oder zur kostenlosen Durchfahrt geöffneten) Autobahnmautschranken ihre Kaufkraft. Den Jugendlichen, die mehr Geld für die Bildung verlangen, fühlen sie sich verbunden.

Die bereits erlittenen Einbußen und die Angst, dass es beim eigenen Lebensstandard und den Aussichten für die Jüngeren nur noch weiter bergab geht, eint die Protestierenden. Sie hoffen, dass sich bei den Aktionen eine „Konvergenz der Wut“, eine Union des mannigfachen Volkszorns, herausbildet. Nun hat sich aber eher gezeigt, dass es von dieser Wut zur nackten Gewalt mit sinnlosen Zerstörungen nur ein Schritt ist.

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