Doch kein Solarinfarkt?: "Die Energiewirtschaft sagt, das Stromnetz ist überlastet - das stimmt nicht"

Doch kein Solarinfarkt?"Die Energiewirtschaft sagt, das Stromnetz ist überlastet - das stimmt nicht"

An sonnigen Feiertagen wie Pfingsten fliegt uns das Stromnetz um die Ohren? Der Solarzubau ist kritisch? Von diesem Narrativ hat Andreas Piepenbrink die Nase voll. "Es stimmt nicht", sagt der Chef des Energieunternehmens E3/DC im Interview. Ihm zufolge überlastet der Solarstrom weder an heißesten Sommertagen noch an sonnigen Feiertagen das Netz, sondern versickert vor Ort - bei den Nachbarn ohne Solaranlage. "Das ist das perfekte Energiesharing." Das Problem ist Piepenbrink zufolge ein ganz anderes: Viele Netzbetreiber wissen schlicht nicht, wie stark ihr Stromnetz ausgelastet ist. Andere haben kein Interesse daran, dass die Erneuerbaren erfolgreich sind. Sie möchten die günstigere Konkurrenz loswerden. "Im Stromvertrieb gehen die Margen runter", sagt Piepenbrink. "Das möchte man durch Netzausbau und steigende Netzentgelte kompensieren."
ntv.de: Wie viel Zeit verbringen Sie gedanklich mit der Solarstromerzeugung?
Andreas Piepenbrink: Aufgrund der Energiepolitik von Frau Reiche in den letzten Monaten schon ein paar Stunden. Für unsere Studie sogar einige Tage, um diese Daten wasserdicht zu analysieren.
Sie haben die Solarstromerzeugung an Pfingsten untersucht. Warum?
Ich möchte eine Gegenposition zur gängigen Annahme aufbauen, dass der Solarzubau kritisch ist und die Stromnetze deswegen zusammenbrechen. Wir wollten außerdem herausfinden, ob es wirklich sinnvoll ist, die feste Einspeisevergütung abzuschaffen: Ist es nicht. Das haben wir bewiesen.
Woher rührte die Skepsis?
Solarenergie ist die günstigste Energieerzeugung. Wir brauchen sie für Wärmepumpen und Elektroautos. Derzeit gibt es 5,5 Millionen Anlagen im Verteilnetz. Wir müssen weitere bauen. Angeblich müssen dafür auch die Netze massiv ausgebaut werden. Deshalb steigen die Netzentgelte. Ich wollte wissen, ob das gerechtfertigt ist.
Wie lief Ihre Berechnung ab?
Wir betreiben 190.000 Solaranlagen über ganz Deutschland verteilt und haben schon 2010 angefangen, jede mit Energiemanagement auszurüsten. Deshalb können wir die Anlagen sämtlicher Kunden in Echtzeit vermessen und die Spannung unserer selbst entwickelten Wechselrichter auswerten. Das haben wir bei den 110.000 größten Anlagen gemacht, um eine breit gestreute Datengrundlage zu erhalten. Derzeit sind wir die Einzigen, die das können.
Von den Anbietern oder trifft das auch auf die Netzbetreiber zu?
Es gibt unterschiedliche Netzebenen: das Höchstspannungsnetz. Das sind die großen Stromautobahnen von der Küste nach Süden. Dann folgt das Hochspannungsnetz mit 110 Kilovolt, das kleine Mittelspannungsnetz und das Ortsnetz. Der Ortsnetztrafo ist für 20, 30 oder 40 klassische Ein- oder Mehrfamilienhäuser in einem Straßenzug verantwortlich. Der verbindet das Mittelspannungsnetz mit dem Ortsnetz. Die Verteilnetzbetreiber könnten eventuell diesen Trafo vermessen. Aber denen fehlt der Leitungszug der Erzeugungsanlagen und der Spannungsverlauf auch.
Das bedeutet?
Der Leitungszug ist die Stromleitung in der Straße. Durch Stromerzeugung verändert sich die Spannung: Sie steigt bei viel Erzeugung und wenig Abnahme. Die Energiewirtschaft behauptet, dass die Spannung durch den vielen Solarstrom zu hoch und die Trafos im Ortsnetz überlastet sind. Deshalb soll der Solarzubau begrenzt werden. Wir können genau nachmessen, ob das stimmt.
Und?
Es stimmt nicht. Das klassische Modell in einer Nachbarschaft ist eine Solaranlage, die genau dort Strom erzeugt, wo es Verbrauch gibt: das Gebäude, eine Wärmepumpe, das Elektroauto oder die Nachbarn. Es wird nichts abgeregelt. Der Strom überlastet nicht einmal an massivsten Sommertagen oder bei geringstem Verbrauch an sonnigen Feiertagen den Transformator, sondern versickert im Verteilnetz.
Dieses Jahr haben die deutschen Solaranlagen an Pfingsten um die Mittagszeit herum 46 Gigawatt Strom erzeugt. Davon wurden aber nur 41 Gigawatt verbraucht. Das ist genau das Drohszenario, das den Plänen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zugrunde liegt: Uns fliegt das Netz um die Ohren.
Ja. Aber das Szenario ist schlichtweg falsch. Es ist sogar noch irrwitziger. Dieser Strom wird vor Ort verbraucht, aber in den Markt rückbilanziert. Das ist physikalisch Unsinn, muss aber für die Berechnung der Flexibilität im System so dargestellt werden. Im Markt wird aber so getan, als müsste man für diesen Strom noch Abnehmer finden. Das ist in etwa so, als wenn Sie zu Hause Regenwasser sammeln und die Tonne zur Stadtverwaltung bringen, damit sie in die Talsperre gekippt wird. Wenn sie wenig später Wasser benötigen, wird ihnen die Tonne zurückgebracht. Tatsache ist: Der Strom von solaren Kleinanlagen bis 25 Kilowatt findet zu 98 Prozent seine Abnehmer.
Er landet bei den Nachbarn ohne Solaranlage?
Exakt. Das ist das perfekte Energiesharing. Der Strom findet über vorhandene Orts- und Verteilnetze seine Abnehmer. In diesem Punkt hat Deutschland alles richtig gemacht. Solar muss weiter ausgebaut werden, denn es kommen weitere Verbraucher wie E-Auto und Wärmepumpe hinzu und wir haben immer noch viel mehr Nichtanlagenbesitzer und Mieter als Stromerzeuger.
Aber wenn 46 Gigawatt Strom erzeugt, aber nur 41 Gigawatt verbraucht werden, ist doch definitiv zu viel Strom im Netz.
An Pfingsten befanden sich im Ortsnetz 0,15 Prozent der Netzanschlüsse oberhalb von 253 Volt. Das ist nicht besonders viel. Bei diesen Werten passiert nichts. Die kann man auch ganz einfach verhindern, indem man den Strom geschickt verteilt und durch Speicher oder Lastmanagement sinnhaft verzögert. Dort landet der Überschuss. Was man auf jeden Fall nicht machen muss, ist die Niederspannungsnetze massiv ausbauen.
Was viel Geld kosten würde?
Absolut. Man darf nicht vergessen: Die Netze sind immer auf das absolute Maximum ausgelegt. Die sollen die maximal mögliche Leistung plus Überlast absorbieren können. Das kommt in 98 Prozent der Fälle nicht vor. An Pfingsten hatten 80 Prozent aller Netzanschlüsse kein Problem. 18 Prozent lagen im oberen Warnband und 0,15 Prozent befanden sich wie erwähnt im kritischen Bereich, wie der Netzbetreiber sagen würde. Dann wäre es aber etwa seine Aufgabe, einen regelbaren Ortsnetztrafo einzubauen, statt das Netz zu erweitern.
Was macht der?
Den kann man sich wie einen Lautstärkeregler vorstellen. Der regelt die Spannung so ein, dass der Trafo den überschüssigen Strom verträglich in die nächste Spannungsebene leiten kann und nicht mehr überlastet ist.
Die Lösung ist so einfach? Warum wissen das die Netzbetreiber nicht?
Die wissen das, aber der regelbare Ortsnetztrafo kostet Geld. Es ist einfacher, ihn nicht einzubauen und der Presse zu erzählen, dass wir ein Riesenproblem haben. Wir sehen, dass die Politik keine konsequente Energiewende machen, sondern den Ausbau der Erneuerbaren stoppen möchte, Stichwort: 50-Prozent-Abregelung: Kleine Solaranlagen sollen maximal nur die Hälfte ihres Stroms einspeisen dürfen. Mehr geht angeblich nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Aber die dezentrale Energieversorgung mit Wärmepumpe und Elektroauto steht in Konkurrenz zur Energiewirtschaft. Im Stromvertrieb gehen die Margen runter. Das möchte man durch steigende Netzentgelte kompensieren.
Energiewirtschaft? Das sind die klassischen Energieversorger?
Genau. Die möchte die günstigere Konkurrenz loswerden. Wobei die Vergütung schon jetzt unzulässig ist: Der Strom der Solaranlagenbesitzer versickert de facto bei den Nachbarn und wird nicht durchs Netz transportiert.
Das heißt? Die Stromversorger dürften gar keine Netzentgelte verlangen?
Es müsste zumindest ein Mittelding sein. Jede Solaranlage und jeder Speicher hilft im Verteilnetz. Die Einspeisevergütung von sieben Cent je Kilowattstunde ist absolut gerechtfertigt. Dafür sollten die Netzbetreiber dankbar sein. Auch mit Blick auf die Sabotageakte. Erneuerbare Energien, Speicher und dezentrale Anlagen schaffen Redundanz. Jede Kilowattstunde, die nicht extern erzeugt werden muss, bringt Sicherheit. Die Netzbetreiber sind aber nicht dankbar. Sie betrachten Solaranlagen als lästiges, instabiles, dezentrales Beiwerk, das die Netze stört.
Netzentgelte sollten nur fällig werden, wenn der Windstrom über die großen Stromautobahnen von der Küste nach Süddeutschland gebracht werden muss?
Absolut.
Dort wird auch Netzausbau benötigt?
Auf jeden Fall. Für große Batteriespeicher müssen auch die größeren Verteilnetze ausgebaut werden, damit der erneuerbare Strom vom Mittag im größeren Stil zwischengespeichert und in die Abend- und Nachtstunden verlegt werden kann.
Und die Einspeisevergütung? Es klingt so, als wären Ihnen sieben Cent je Kilowattstunde zu wenig.
Strom ist nachweislich mehr wert. Wenn ein Solarhaushalt einem Haushalt zwei Straßen weiter physikalisch Strom liefert, erhält er sieben Cent je Kilowattstunde. Der Nicht-Solarhaushalt muss dem Energieversorger aber trotzdem 33 Cent je Kilowattstunde zahlen: 12 Cent Energiepreis plus Netzentgelt plus Steuern und Abgaben.
Werden Solarhaushalte durch den Wegfall der Einspeisevergütung ein Minusgeschäft machen?
Für unsere Kunden wird sich der Wegfall sogar lohnen, weil wir bei E3/DC mindestens sieben Cent je Kilowattstunde vergüten werden, eher mehr. Das Einzige, was mir Angst macht, sind die fehlenden Smart Meter. Dafür benötigen wir die Unterstützung der Verteilnetzbetreiber. Die müssen den Smart Meter zumindest für die Direktvermarktung akzeptieren und die Marktkommunikation ermöglichen. Aber die sind nicht so digitalisiert, wie wir uns das alle wünschen. Das wird eine Herausforderung. Langfristig ist die Prognose für dezentrale Erzeuger trotzdem extrem positiv. Die Kosten sinken. Der Stromverbrauch steigt. Die wirtschaftlichen Chancen sind enorm.
Dann ist der Wegfall der Einspeisevergütung doch eine gute Sache.
Nein. Ich habe den Eindruck, dass sich die Energieversorger und Katherina Reiche nicht darüber im Klaren sind, was genau sie beschlossen haben. Wenn die Einspeisevergütung wegfällt, werden mehr als 400.000 Anlagenbesitzer ihre Energieversorger verlassen. Jedes Jahr.
Um sich einen Dienstleister für die verpflichtende Direktvermarktung zu suchen?
Genau. Die Stadtwerke werden Kunden und Einnahmen verlieren. Frau Reiche erweist ihnen einen Bärendienst.
Mit Andreas Piepenbrink sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.
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