Open Source mit Ablaufdatum? Siemens ändert Kurs bei Radioss
Siemens bündelt die Weiterentwicklung seines Simulationssolvers Radioss im kommerziellen Produkt Simcenter Radioss und in einem neuen Forschungsprogramm. Für OpenRadioss bedeutet der Kurswechsel mehr als eine neue Anlaufstelle: Die GitHub-Organisation des bisherigen Open-Source-Projekts zeigt keine öffentlichen Repositories mehr. Siemens erläutert nicht, ob der Quellcode an anderer Stelle wieder öffentlich zugänglich sein soll.
OpenRadioss ist ein Finite-Elemente-Solver für hochdynamische Vorgänge. Ingenieure und Forscher nutzen solche Software beispielsweise, um Fahrzeugcrashs, Aufprallbelastungen oder das Versagen von Bauteilen zu simulieren. Altair hatte den Quellcode 2022 als Open Source freigegeben. Das Projekt richtete sich an industrielle Anwender ebenso wie an Forschungseinrichtungen und Softwareentwickler, die den Solver selbst einsetzen oder erweitern wollten.
Forschung künftig mit ausgewählten Partnern
Auf seiner Übergangsseite zu Radioss schreibt Siemens, das Unternehmen konzentriere künftige Investitionen auf das Simcenter-Portfolio. Für produktive Simulationen verweist es auf Simcenter Radioss. Akademischen und industriellen Partnern stellt Siemens ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm in Aussicht. Dort sollen sie Zugang zum Quellcode und zu einer privaten HPC-Umgebung erhalten. Das gilt allerdings nur im Rahmen genehmigter gemeinsamer Projekte, nicht als öffentliches Open-Source-Projekt. Siemens selbst nennt das Modell eine „Shared Source“-Umgebung.
Siemens kündigt zudem an, die OpenRadioss-Website stillzulegen und Besucher auf die Übergangsseite umzuleiten. In der GitHub-Organisation von OpenRadioss sind derzeit keine öffentlichen Repositories zu sehen. Damit fehlt auch der bislang öffentlich zugängliche Ort, an dem Interessierte den Projektcode abrufen und zur Entwicklung beitragen konnten. Siemens hatte die frühere OpenRadioss-Mutter Altair im März 2025 übernommen.
Bereits veröffentlichter Code bleibt nutzbar
Das Verschwinden des Repositories macht bereits veröffentlichte Fassungen natürlich nicht nachträglich unfrei. OpenRadioss wurde unter der GNU AGPL veröffentlicht; wer eine entsprechende Kopie besitzt, kann sie nach den Bedingungen dieser Lizenz weiterhin nutzen und weitergeben. Ob daraus ein dauerhaft gepflegter Fork entsteht, ist eine andere Frage. Dafür braucht es neben dem Code auch Entwickler, Tests und Pflege über kommende Versionen hinweg.
Hinzu kommt: Der Fall zeigt eine Gefahr herstellergetragener Open-Source-Projekte. Eine freie Lizenz sichert Rechte am veröffentlichten Code, aber weder den dauerhaften Zugang zum ursprünglichen Repository noch die weitere Mitarbeit des Herstellers. Für Organisationen, die solche Software in ihre Abläufe einbauen, ist diese Unterscheidung ebenso wichtig wie die Lizenz selbst.
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