SAP zwischen KI-Vision und ERP-Alltag: DSAG fordert Wahlfreiheit
SAP will im Oktober mehr als 15 KI-Assistenten allgemein verfügbar machen. Auf der Kundenkonferenz SAP Connect kündigte der Konzern zudem an, die Zahl seiner KI-Agenten bis Jahresende auf mehr als 400 auszubauen. Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) begrüßt die Entwicklung, fordert jedoch einen leichteren Zugang zu KI für Kunden mit bestehenden ERP-Systemen.
Die Vision des „Autonomous Enterprise“ sieht vor, dass KI-Agenten Geschäftsprozesse zunehmend innerhalb festgelegter Grenzen steuern. Auf der SAP Connect in Las Vegas kündigte der Konzern nun den beginnenden Rollout von Joule Work an. Über die KI-Bedienoberfläche sollen Beschäftigte Aufgaben in natürlicher Sprache anstoßen können, die Agenten über verschiedene Anwendungen hinweg ausführen. Mit Joule Studio lassen sich eigene Agenten entwickeln. Die SAP Business Data Cloud stellt dafür Geschäftsdaten aus SAP- und Fremdsystemen bereit.
Wenn Beschäftigte zunehmend über KI-Agenten mit Unternehmenssoftware interagieren, könnten klassische ERP-Oberflächen an Bedeutung verlieren. SAP konkurriert deshalb unter anderem mit Microsoft, Salesforce und ServiceNow um die darüberliegende Ebene aus Datenplattformen und Agentensteuerung. Andernfalls könnte sich die Rolle des Konzerns zunehmend auf den transaktionalen ERP-Kern beschränken.
ERP bleibt unverzichtbar
Holger Scheel, Geschäftsführer des SAP-Beratungspartners cbs, hält die Vision für überzeugend. Das ERP bleibe als „System of Record“ unverzichtbar; darüber entstehe ein „System of Action“, das vorhandene Prozesse und Daten für agentische Abläufe nutzt. SAP habe mit seiner installierten Basis und dem Wissen über betriebswirtschaftliche Prozesse die besten Voraussetzungen, diese Ebene zu gestalten. Wie erfolgreich SAP diese Voraussetzungen nutzt, werde sich erst zeigen. Scheel erwartet zudem, dass sich das Produktportfolio auf dem Weg zum autonomen Unternehmen noch verändern wird.
Dass SAP bereits heute eine Richtung für die kommenden Jahre vorgibt, hält Scheel für absolut notwendig. Kunden sollten sich weder von jeder Ankündigung treiben lassen noch ihre Transformationsplanung allein am aktuellen Funktionsumfang ausrichten, sondern strategisch orientierte Aktivitäten starten.
Anwender fordern KI auch für bestehende ERP-Systeme
Für viele Anwender liegt die nächste Aufgabe zunächst woanders. Die reguläre Wartung von SAP ECC endet Ende 2027. Migrationen auf S/4HANA beanspruchen Geld und Personal. Laut DSAG-Investitionsreport 2026 nutzen 56 Prozent der Befragten S/4HANA On-Premises. 42 Prozent planen in diesem Jahr mittlere oder hohe Investitionen in dieses Betriebsmodell. Die Zahlen zeigen, dass On-Premises-Systeme weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Eine langfristige Cloudstrategie schließen sie nicht aus.
Der scheidende DSAG-Chef Jens Hungershausen fordert, dass Kunden auch während der Transformation KI einsetzen können, ohne sich auf einen Cloudvertrag festlegen zu müssen. SAP hat dafür ausgewählte KI-Szenarien für ECC und S/4HANA On-Premises angekündigt. Über einen ECC-Connector werden entsprechende Assistenten im Early-Adopter-Programm getestet, unter anderem für Finanzwesen und Einkauf.
Voraussetzung ist nach SAP-Angaben, dass Kunden mindestens 50 Prozent ihrer bisherigen jährlichen On-Premises-Wartungsgebühren in entsprechende Cloud-ERP-Abonnements überführen. Für die DSAG ist das ein erster Schritt, dessen Bedingungen insbesondere für mittelständische Unternehmen zu eng seien. Sie verweist zudem auf den Investitionsschutz für S/4HANA On-Premises mit Wartungszusagen bis 2040.
Vom KI-Versprechen zum produktiven Einsatz
Wie weit SAPs KI-Strategie bereits im Unternehmensalltag angekommen ist, lässt sich bislang nur eingeschränkt beurteilen. In der DSAG-Befragung vom Januar hatten 43 Prozent KI-Anwendungsfälle umgesetzt, darunter viele Tests und Pilotprojekte. Häufig kamen Produkte anderer Anbieter zum Einsatz. Hungershausen kritisiert, dass SAPs KI-Angebote teils schwerer zugänglich seien. Neben dem Funktionsumfang seien Datenqualität, Integrationsaufwand, Governance und nachvollziehbare Kosten entscheidend.
Erste Anwendungsbeispiele präsentierte SAP mit TÜV Rheinland und der Carl Stahl Gruppe. TÜV Rheinland setzt KI beim Abgleich von Zahlungen und Forderungen ein. Die Carl Stahl Gruppe lässt Leistungsverzeichnisse mit Materialdaten abgleichen, um Angebote schneller zu bearbeiten. Die Beispiele zeigen Einsatzmöglichkeiten, aber noch keine unternehmensweit autonome Prozesssteuerung.
Mit dem AI Agent Hub auf Basis von SAP LeanIX will SAP Unternehmen ermöglichen, auch KI-Agenten anderer Hersteller zentral zu erfassen und zu verwalten. Wie weit sich damit die Ausführung solcher Agenten kontrollieren lässt, muss sich in der Praxis zeigen.
Welche Rolle bleibt SAP?
SAP-Manager Thomas Pfiester hält den transaktionalen ERP-Kern aufgrund seiner Geschäftsprozesslogik, des Geschäftskontexts und der Auditierbarkeit weiterhin für unverzichtbar. KI-Agenten sollen zunehmend Aufgaben auf dieser Grundlage übernehmen. Mit Joule und der Business Data Cloud will SAP auch die darüberliegende Ebene mitgestalten.
Hungershausen sieht in modulareren ERP-Architekturen Chancen und Risiken. Anwender könnten künftig gezielter Lösungen unterschiedlicher Anbieter kombinieren.
Scheel empfiehlt Unternehmen, ihre ERP- und Datenarchitektur langfristig weiterzuentwickeln und zugleich bereits heute begrenzte KI-Anwendungen in bestehenden Systemen einzusetzen. So ließen sich frühzeitig Verbesserungen erzielen, ohne den künftigen Architekturweg zu verbauen.
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