Gilbert & George: Kunst für alle! (Jetzt aber wirklich)

Im Museumsshop des Gilbert & George Centers in London finden sich blasphemische Anstecker und Poster. Unter der Woche kommen Schulklassen in das Museum.
Foto: Pete Speller/Avalon/imago
V or einigen Jahren um diese Jahreszeit: ein grauer Abend in London und ein Abendessen im Graam Bangla in der Brick Lane, das fantastische bengalische Küche bereitet und aus der royalen Loyalität seiner Besitzer kein Geheimnis macht.
Zwischen gemalten Landkarten und Bildern von Prince, nun King Charles wie auch der früheren Queen gibt es hervorragende Gerichte wie Rohu Fish Fry oder Shorisha Elish. Um die Ecke wohnen Gilbert Prousch und George Passmore, die seit Beginn ihrer Karriere als Duo Gilbert & George auftreten. Von ihrem Haus aus liefen sie Jahrzehnte lang allabendlich zu ihrem Stammlokal und aßen an ihrem Stammtisch die immer gleichen Gerichte.
Die Covid-Pandemie hatte diese Tradition kurzzeitig unterbrochen, doch auf diese Kontinuität legt das Duo danach weiterhin Wert. Auch den Wandel ihres Stadtteils kommentieren sie in Werk und Interviews regelmäßig, was ihnen auch schon Vorwürfe einbrachte. Doch egal was man von ihnen halten mag, in Sachen Religionsverachtung agiert das Duo konsequent paritätisch. Mit der anglikanischen Kirche hatten Gilbert Prousch und George Passmore nie viel am Hut, organisierten Glauben bedenken sie allenfalls mit derben Vulgarismen und in großen Formaten.
Cichosch
Katharina Cichosch, freie Kunstkritikerin, lebt in Frankfurt am Main
Wechselnde großformatige Collagen des Duos gibt es etwa in 5a Heneage Street zu sehen. Wenige Straßen vom Künstlerhaus entfernt befindet sich The Gilbert & George Centre, das an Herbstabenden aktuell magisch beleuchtet und von altem Baumbestand umgeben nicht wie eine der üblichen Neueröffnungen für zeitgenössische Kunst erscheint. Das Center befindet sich in einem von SIRS Architects umgebauten Brauereigebäude, hinein geht es durch ein schmiedeeisernes Tor.
Rechtskonservativ oder Künstlerwitz?
Zeit ihres Schaffens wurde Gilbert & George vorgehalten, entweder ein reiner Künstlerwitz zu sein (so die formal künstlerische Kritik) oder Ausgeburt eines Rechtskonservativismus (so die politische). Mit seinem eigenen Zentrum, das ihr Werk bewahrt und öffentlich zugänglich hält, hat das Duo sich dagegen maximale künstlerische Autonomie bewahrt, um seine Präsentationen weder an den kuratorischen Zeitgeist noch an institutionelle Verpflichtungen anpassen zu müssen. Und um im selben Augenblick die Deutungshoheit über das Werk an die Welt abzugeben.
Im Sinne einer Kunst für alle, der sich beide verpflichtet fühlen. Der Eintritt ist kostenfrei. Unter der Woche kommen Schulklassen. Und man wäre gerne einmal dabei, wenn pädagogisches Fachpersonal über Dickpicks und Fäkalhumor referiert.
Gegenwärtig hatte das Künstlerduo bei meinem Besuch Bilder aus der „Leaves“-Reihe gezeigt, die ebenso melancholisch wie angemessen bescheuert die eigenen Konterfeie mit verwelkendem Laub und Natur verbinden. Ein schonungsloser Vorgriff auf die eigene Vergänglichkeit, die auch Anlass für die Gründung der Stiftung gab. Der Betrieb des Zentrums soll jedenfalls auf Jahrzehnte gesichert sein.
Von Kontinuität zeugt schließlich auch die unerschütterliche Treue des Duos nach dem Wechsel an der royalen Spitze. Im Museumsshop finden sich neben diversen blasphemischen Ansteckern, Postkarten und Postern die Ink Washes, thematische Edition aus vielen Unikaten. In Hunderten Variationen verkünden die Tintenletter das Immergleiche: „God Save the King“.
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