Beethovenfest Bonn: Martha Bijlsma arbeitet NS-Verfolgungsgeschichte ihrer Familie mit Musik auf.
Im Frühjahr 2026 hat das US-Nationalarchiv Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise zur Ansicht freigegeben. Seitdem ist die Nachfrage in Deutschland groß. Das Archivmaterial ist online zugänglich und jeder kann einsehen, wer aus der Familie bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) war. Oft haben Täter ihre Vergangenheit - gerade auch im Zusammenhang mit der Judenverfolgung - verschwiegen oder beschönigt.
"Ich denke, es ist gut, wenn die Leute danach suchen, auch wenn keine gute Geschichte dabei rauskommt", sagt die niederländische Cellistin Martha Bijlsma der DW. Es sei für die Nachkommen oft schwierig und mit Scham behaftet, sich damit zu beschäftigen, dass ihre Verwandten Nazis waren. Doch allmählich würden immer mehr darüber reden und versuchen zu verstehen, was damals passiert ist.
Auf den Spuren der eigenen Geschichte
Als Fellow beim Beethovenfest Bonn hat Martha Bijlsma eine Bühnenperformance mit dem Titel "Don't Mention the War" konzipiert, um mit Videos, Musik, Texten und Interviewausschnitten die NS-Verfolgungsgeschichte ihrer eigenen jüdischen Familie darzustellen. Denn es sind nicht nur Täter, die nach dem zweiten Weltkrieg geschwiegen haben, sondern auch viele Opfer.
Sechs Millionen Juden hat Adolf Hitler umbringen lassen, unter anderem in den Konzentrationslagern (KZ), wo viele von ihnen mit Giftgas getötet wurden. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in den annektierten Nachbarstaaten, wie etwa in Polen oder in den Niederlanden. Dort war auch Martha Bijlsmas Großmutter, die im Mittelpunkt ihrer Performance steht, inhaftiert. Sie hat das KZ überlebt, aber nie darüber gesprochen.

Martha Bijlsma hat die Geschichte ihrer Oma erst viel später erfahren. "Wir wussten eigentlich nichts über ihre Vergangenheit, was sie im Krieg gemacht hat und schon gar nichts über die Konzentrationslager." Die Großmutter Louise hat sie als eine gutgekleidete vornehme Dame mit Sonnenbrille in Erinnerung. "Ich war 16 Jahre alt, als sie gestorben ist. Ich hatte keine Chance mehr, sie zu ihrer Vergangenheit zu befragen."
Licht ins Dunkel der NS-Vergangenheit bringen
Ihr Großonkel Richard dagegen - ein Bruder von Louise – hat sich in einem Interview öffentlich zu seinen persönlichen Erlebnissen im Holocaust geäußert. Seine Aussagen und ein privates Familienbuch haben Martha Bijlsma auf die Spur gebracht. Warum ihre Großmutter über die Gräueltaten, die sie in den Konzentrationslagern erlebte, geschwiegen hat, kann Martha Bijlsma nur ahnen. "Sie war wahrscheinlich tief traumatisiert. Es war ihre Art, ein Leben danach zu leben. Einfach nicht mehr darüber sprechen, um zu vergessen und zu funktionieren."

Oma Louise und vier weitere Geschwister wurden im KZ für arbeitstauglich befunden und kamen als Zwangsarbeiter bei dem niederländischen Elektrohersteller Philips unter, um dort Radios herzustellen und zu reparieren. "Philips hat wohl versucht, bestimmten Menschen zu helfen und sie zu schützen. Das ist tatsächlich der Grund, warum sie überlebt haben", sagt Martha Bijlsma.
Das Opfer-Trauma in Wort und Musik
Die Radios stehen symbolisch auf der Bühne manchmal kommen verzerrte Geräusche aus ihren Lautsprechern. Den Familienstammbaum und den Besuch in einem Konzentrationslager projiziert sie auf Videoleinwände, sowie die "Stolpersteine", die auf dem Gehweg an die Vertriebenen erinnern. Ausschnitte aus Interviews, die Martha mit ihren Verwandten geführt und aufgezeichnet hat, erklingen parallel.

Was die Worte nicht sagen können, erzählt die Musik. Bijlsmas Cello wird von Geige, Akkordeon und Elektrosounds begleitet. Stücke, die die Oma gerne gehört hat, oder die zur Vergangenheit passen. So etwa das Stück "Pianissimo" für Violoncello solo von dem lettischen Komponisten Pēteris Vasks, das symbolisch für das Schweigen der Großmutter steht. "Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Persönliches mache, das mir so nahe geht. Ich beschäftige mich noch immer sehr intensiv damit." Martha Bijlsma will herausfinden, was ein Trauma mit einem Menschen macht und wie es sich innerhalb der Familie auf die nachfolgenden Generationen übertragen hat.
Die dritte Generation will Geheimnisse lüften
Gerade in der dritten und vierten Generation sei das Interesse groß, mehr über die Vergangenheit zu erfahren, sagt der Historiker Johannes Spohr im Gespräch mit der DW. Zum einen habe der Ukraine-Krieg das Interesse geweckt, weil die Nationalsozialisten in der Ukraine damals schreckliche Gräueltaten begangen haben. Zum anderen bereite der wachsende Zuspruch für die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD), die vom Verfassungsschutz in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, vielen Menschen Sorgen. "Sie wollen dann prüfen, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen deren Aufstieg und der nicht aufgearbeiteten NS-Vergangenheit gibt."

Nie wieder: Warum die Vergangenheit so wichtig ist
Für Martha Bijlsma war auch der Anschlag bei einem Musikfestival am 7. Oktober 2023 in Israel durch die Terrororganisation Hamas ein Anstoß. Der anschließende Krieg, den Israel gegen die Hamas führte, wurde vielfach diskutiert und kritisiert, auch in der Familie von Bijlsma. Im Laufe des Krieges stiegen die Zahlen antisemitischer Übergriffe in Deutschland markant an. "In dem Zusammenhang gab es auch in Holland große antisemitische Aktionen, die schon sehr beängstigend waren", erzählt Bijlsma. Um so wichtiger ist es für sie, die Verfolgungsgeschichten der NS-Vergangenheit zu erzählen und zu verarbeiten.
Auch nach dem Projekt beim Beethovenfest will sich Bijlsma weiter mit dem Thema beschäftigen. So fehlen zum Beispiel noch fünf Stolpersteine für Mitglieder der Familie. "Das könnte meine Generation aufgreifen. Ich hoffe, es löst eine Art Kettenreaktion aus, dass die Geschichte weitergeht."
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