Kosovo-Tribunal – Hashim Thaci verurteilt: Wie das Urteil das Kosovo verändert

Kaum ein anderer Name ist so sehr mit der Unabhängigkeit des Kosovos verbunden wie Hashim Thacis. Während des Krieges war er einer der führenden Köpfe der kosovarischen Guerillaarmee UCK, die im Kosovo als Befreiungsarmee gefeiert wird. Es war Thaci, der für den Kosovo mit dem Westen verhandelte, und er war es auch, der als damaliger Premierminister 2008 die Unabhängigkeit Kosovos von Serbien erklärte.
Als Politiker war Thaci nach Jahren an der Macht bei vielen im Kosovo unten durch. Doch als historische Figur im Unabhängigkeitskampf bleibt er für die Mehrheit unumstritten. Das zeigte heute eine grosse Solidaritätskundgebung in der Hauptstadt Pristina, wird aber auch durch Stimmen aus der Politik – selbst von seinen Gegnern – deutlich.
Der Befreiungskampf der UCK sei nicht nur legitim gewesen, sondern auch gerecht. Die UCK habe sich gegen serbische Aggression zur Wehr gesetzt, die gezielt die Zivilbevölkerung ins Visier genommen hatte, so die dominierende Meinung.
Dabei ist schon lange klar, dass die UCK sich ebenfalls schwerer Verbrechen schuldig gemacht hat. Selbst Thacis Verteidigung bestritt diese Taten nicht – sie bestritt lediglich, dass ihr Mandant dafür verantwortlich sei. Auch gibt es bereits Urteile gegen Mitglieder der UCK. Heute wurde allerdings die oberste Führungsriege der ehemaligen Guerillaarmee verurteilt.
Urteil schreibt die Geschichte nicht um
Das Gericht hat heute klargestellt, es gehe um die individuelle Schuld der vier Verurteilten. Die UCK selbst sitze nicht auf der Anklagebank. Auch sei der Kampf für ein unabhängiges Kosovo selbst kein Verbrechen gewesen. Einige der Mittel, die dafür angewendet wurden, allerdings schon.
Dazu gehören schwere Misshandlungen in der Gefangenschaft, Folter und Mord. Die Opfer waren unschuldige Zivilisten – Angehörige der serbischen Minderheit, der Roma oder der Kollaboration beschuldigte Kosovo-Albaner.
Auch muss betont werden: Die Opferzahlen sind auf der albanischen Seite um ein Vielfaches höher. Serbien war damals der Aggressor und ist dabei systematisch gegen die Zivilbevölkerung vorgegangen.
Das Urteil schreibt die Geschichte Kosovos also nicht um. Allerdings macht es deutlich: Um eine kritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit kommt man auch im Kosovo nicht umher.
Dasselbe gilt für den Westen: Die USA und die europäischen Staaten haben mit einem heute zumindest erstinstanzlich verurteilten Kriegsverbrecher zusammengearbeitet. Über eine lange Zeit hinweg hat man an Hashim Thaci festgehalten, auch noch als erste Anschuldigungen bereits bekannt waren.
Auch das wird aufzuarbeiten sein.
Janis Fahrländer
Auslandredaktor
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Janis Fahrländer ist Redaktor in der Auslandredaktion von Radio SRF. Dort ist er zuständig für die Berichterstattung über die Balkanstaaten.
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