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Friday, October 2, 2026

Pakistan und die Taliban: Das Ende eines Bündnisses

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In der Nacht zum 1. Oktober hat Pakistan Ziele in Afghanistan angegriffen. Bei den Opfern gehen die Darstellungen weit auseinander: Die afghanischen Taliban sprechen von neun bis zehn getöteten Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Pakistan erklärt dagegen, 22 Militante getötet und Waffen- und Munitionslager zerstört zu haben. Die Angriffe sind der vorläufige Höhepunkt einer Eskalation, die Mitte September nach fast drei Monaten relativer Ruhe wieder aufflammte.

Auslöser waren schwere Anschläge auf pakistanische Sicherheitskräfte. Am 18. September wurden bei einem Angriff auf einen Polizeikomplex in der im Nordwesten des Landes gelegenen Stadt Kohat 31 Menschen getötet, mehr als 100 verletzt. Eine Splittergruppe der pakistanischen Terrororganisation Tehrik-i-Taliban-Pakistan (TTP) bekannte sich dazu. Pakistan machte Afghanistan erneut dafür verantwortlich, der TTP Rückzugsräume zu bieten. Kabul weist das zurück. Es folgten pakistanische Luftangriffe und Grenzgefechte.

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TTP und Taliban: eine komplexe Beziehung

Die TTP ist nicht identisch mit den afghanischen Taliban. Sie ist eine eigenständige Organisation, die den pakistanischen Staat bekämpft, hat aber enge ideologische und personelle Verbindungen zu den afghanischen Taliban. Viele ihrer Kämpfer standen während des Aufstands gegen die internationalen Truppen an deren Seite. Nach der Rückkehr der Taliban an die Macht 2021 gewann die TTP zusätzlichen Spielraum. Für Pakistan wurde damit das Umfeld seiner früheren Verbündeten zu einer wachsenden Sicherheitsbedrohung.

Seit langem fordert Pakistan die Taliban auf, gegen die TTP vorzugehen. Doch gerade die engen Verbindungen zwischen beiden Bewegungen machen das für Kabul schwierig. "Aufgrund dieser persönlichen Verbindungen und Netzwerke ist es für die afghanischen Taliban enorm schwierig, sich davon zu lösen", sagt der Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter vom Bonn International Center for Conflict Studies (bicc).

Pakistanische Sicherheitsbeamte untersuchen eine durch einen Anschlag zerstörte Moschee in der Grenzstadt Kohat, September 2026
Pakistanische Sicherheitsbeamte untersuchen eine durch einen Anschlag zerstörte Moschee in der Grenzstadt Kohat, September 2026Bild: Hussain Ali/Anadolu/picture alliance

Aus diesen Verbindungen lasse sich allerdings nicht unmittelbar auf eine bewusste Steuerung der TTP durch die Taliban schließen, so Schetter weiter. Es gebe reale, historisch gewachsene Netzwerke, einen unmittelbaren und starken Einfluss halte er aber für eher unwahrscheinlich.

"Die Taliban sind schlicht nicht bereit, Befehle aus Islamabad hinzunehmen. Sie lassen sich von außen nicht in ihre Politik hineinreden", sagt Thomas Ruttig, Mitbegründer des Afghanistan Analysts Network, im DW-Interview. Für Pakistan bedeutet das, dass sein Kalkül, die Taliban zu unterstützen und so Einfluss auf Afghanistan zu gewinnen, nicht aufgegangen ist.

Streitpunkt Durand-Linie

Hinzu kommt eine viel ältere Konfliktlinie: die 1893 unter britischer Herrschaft gezogene Durand-Linie. Die heutige Grenze folgt dieser Linie und trennt nicht nur Afghanistan und Pakistan, sondern teilt auch ein vor allem von Paschtunen bewohntes Gebiet auf beiden Seiten. Im Grenzstreit geht es daher nicht allein um Territorium, sondern auch um Identität. "Ethnische und nationalistische Elemente spielen in dem Konflikt eine erhebliche Rolle", sagt Schetter. Viele Paschtunen wollten die durch ihr Gebiet gezogene Grenze bis heute nicht hinnehmen.

Für Pakistan spielt zudem die Rivalität mit Indien eine Rolle. Islamabad wollte ein ihm wohlgesinntes Kabul auch als strategischen Vorteil gegenüber Neu-Delhi. Inzwischen hat Indien seine Beziehungen zu den Taliban ausgebaut. "Während Islamabad Afghanistan einst als Quelle seiner ‚strategischen Tiefe‘ in der Rivalität mit Indien betrachtete, sieht es seinen nordwestlichen Nachbarn inzwischen zunehmend als Belastung", heißt es in einer Analyse des britischen Think Tanks Chatham House.

Transitwege als Druckmittel

Pakistan verfügt über ein wirkungsstarkes Druckmittel: die wirtschaftliche Abhängigkeit Afghanistans. Als Binnenstaat ist das Land auf Transit- und Handelswege über seine Nachbarn angewiesen, insbesondere über Pakistan. Islamabad kann Grenzschließungen und Einschränkungen des Handels nutzen, um Druck auf Kabul auszuüben. Zugleich versucht die Taliban-Regierung, ihre Abhängigkeit von Pakistan zu verringern und neue wirtschaftliche und politische Partner zu gewinnen.

Ein Soldat der Taliban mit einem Flugabwehrgeschütz an der Durand-Linie, April 2026
Ein Soldat der Taliban mit einem Flugabwehrgeschütz an der Grenze zu Pakistan im April 2026Bild: AFP

Das macht auch die bisherigen Verhandlungen schwierig. Pakistan hat unter Vermittlung der afghanischen Taliban mit der TTP verhandelt, Waffenruhen vereinbart und auf die Vermittlung anderer Staaten gesetzt. Auch zwischen Islamabad und Kabul gab es Gespräche. Doch selbst vorübergehende Vereinbarungen ließen die entscheidende Frage offen, wie sich von afghanischem Boden ausgehende Angriffe dauerhaft verhindern lassen.

Parallel zum diplomatischen Druck setzte Islamabad auf wirtschaftliche und politische Druckmittel – etwa durch Grenzschließungen, Einschränkungen des Handels und die Rückführung afghanischer Flüchtlinge. Damit greifen Sicherheitsfragen und gegenseitige Druckmittel immer stärker ineinander.

Sorgen der Taliban

Eine Analyse des Council on Foreign Relationsverweist zudem auf die Sorge der Taliban, ein hartes Vorgehen gegen die TTP könne Teile der Gruppe in Richtung ISIS-K treiben. Für Islamabad ist die TTP dagegen vor allem eine unmittelbare Sicherheitsbedrohung.

Die jüngste Eskalation hat den Konflikt um eine weitere Ebene erweitert. Ende September meldete Kabul 28 getötete und 32 gefangene Kämpfer, die aus Pakistan in die Provinz Nuristan eingedrungen seien, und warf Islamabad Unterstützung bewaffneter Taliban-Gegner vor. Pakistan wies das zurück.

"Es ist aus den vergangenen Jahrzehnten zwar bekannt, dass Pakistan regelmäßig bewaffnete Gruppen auf afghanischer Seite unterstützt hat - so etwa während der sowjetischen Besatzung die Mudschaheddin und später die Taliban. Neu ist aber, dass Pakistan offenbar auch Teile der heutigen bewaffneten Anti-Taliban-Opposition unterstützt", sagt Ruttig.

Damit wird aus dem Streit über die TTP ein umfassenderer Konflikt, in dem beide Seiten einander vorwerfen, bewaffnete Gruppen vom jeweils anderen Territorium aus zu unterstützen. Chatham House spricht voneiner "deutlichen Eskalation" gegenüber den bisherigen Grenzgefechten und dem Einsatz von Stellvertretern. Aus einem Konflikt, der lange über bewaffnete Gruppen und begrenzte Grenzzwischenfälle ausgetragen wurde, wird damit zunehmend eine direkte Konfrontation zwischen den beiden Staaten.

Chancen einer Einigung

Ruttig hält eine Einhegung des Konflikts für möglich, wenn beide Seiten wieder verhandeln: "Wenn beide Seiten bereit wären, sich – möglicherweise auch mit internationaler Vermittlung – wieder an den Verhandlungstisch zu setzen, könnte man sicherlich Wege finden, den Konflikt einzuhegen und vor allem die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten besser zu schützen."

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Dabei dürfte es allerdings nicht bei weiteren politischen Gesprächen bleiben. Der pakistanische Analyst Saqib Ali Khan plädiert in dem pakistanischen Wochenmagazin The Friday Times für mehrere parallele Verhandlungsebenen: einen verlässlichen Kanal zwischen Islamabad und Kabul, einen eigenen Ansatz für die bewaffneten Gruppen und eine stärkere Einbindung der Bevölkerung entlang der Grenze. Der Konflikt bestehe nicht nur aus einem Streit zwischen zwei Regierungen, sondern zugleich aus einem Sicherheits-, Grenz-, Wirtschafts- und Regionalkonflikt.

"In diesem Sinn müsste es zu einer Verschiebung der gegenseitigen Perspektiven kommen", sagt Schetter. Langfristig brauche es zudem eine stärkere wirtschaftliche Verflechtung der Region, damit Pakistan und Afghanistan ihre Beziehungen nicht allein durch Sicherheits- und Machtfragen bestimmten.

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