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Saturday, September 19, 2026

Warum russische Frauen zur Entbindung nach Brasilien reisen

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Julia und Dmitrij (Namen aus Sicherheitsgründen geändert) flogen in diesem Sommer von Russland nach Brasilien , damit ihr Kind dort zur Welt kommt. "An der Grenze haben wir natürlich nicht gesagt, dass ich schwanger bin", erzählt Julia der DW. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits in der 32. Schwangerschaftswoche. Ihre Tochter wurde später in einer Privatklinik in Santos geboren. Nun bereitet die Familie die notwendigen Unterlagen vor, damit das Kind einen brasilianischen Pass erhält. In Brasilien erhält grundsätzlich jeder, der im Land geboren wird, die Staatsbürgerschaft.

"Unser Mindestziel haben wir erreicht", sagt Dmitrij. "Mit einem brasilianischen Pass kann unsere Tochter visafrei in fast alle Länder der Welt reisen. Sie muss kein teures und langwieriges Schengen-Visum beantragen. Wir möchten, dass sie selbst entscheiden kann, wo sie studiert, arbeitet oder lebt." Anfang August sei auch ein Arbeitskollege mit seiner schwangeren Frau nach Brasilien gereist, um dort sein Kind zur Welt bringen zu lassen.

Bild eines brasilianischen Reisepasses, der zur visumfreie Einreise in rund 170 Länder berechtigt
Ein brasilianischer Reisepass berechtigt zur visafreien Einreise in rund 170 Länder der WeltBild: Paulo Lopes/ZUMA/picture alliance

Nach eigenen Angaben hat das Paar in den ersten sechs Wochen umgerechnet rund 10.000 Euro ausgegeben, einschließlich einer mehrtägigen Behandlung ihrer Tochter auf der Intensivstation. Für die Reise kündigte Dmitrij seinen Job bei einer Bank. Nach der Rückkehr nach Moskau hofft er auf eine neue Anstellung. Das Paar plant jedoch erst in einigen Monaten zurückzukehren, sobald alle Dokumente für die Tochter vorliegen. Andere russische Familien bleiben dauerhaft in Brasilien.

Russen erhalten brasilianische Pässe

Vertreter von Hilfsinitiativen und Anwälte, die russische Staatsbürger vor Ort unterstützen, berichten der DW von einem wachsenden Zustrom russischer Migranten nach Brasilien. Das Land gewann insbesondere nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 an Beliebtheit, als die westlichen Länder Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger verhängten.

Verstärkt wurde dieser Trend durch verschärfte Einwanderungsregeln in Argentinien, das bis dahin als eines der wichtigsten Ziele für sogenannten Geburtstourismus galt. Seit 2025 ist der Zugang zur kostenlosen Gesundheitsversorgung für Personen ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis eingeschränkt. Außerdem wurden die Kontrollen hinsichtlich des tatsächlichen Einreisezwecks verschärft. Wer die argentinische Staatsbürgerschaft über die Geburt eines Kindes anstrebt, muss inzwischen einen legalen Aufenthalt von mindestens zwei Jahren nachweisen.

Die Folgen zeigen sich in den Statistiken: 2023 stellten Russen mit mehr als 7000 Anträgen eine Rekordzahl an Aufenthaltsgesuchen. Mitte 2025 waren es laut dem russischen Nachrichtenportal RBC nur noch 1821.

Gleichzeitig steigt die Zahl russischer Staatsbürger, die brasilianische Pässe erhalten. 2024 wurden 477 Pässe an Russen ausgestellt, 2025 waren es bereits 613. Mehr als die Hälfte der neuen Staatsbürger waren Frauen. Bis Ende Mai 2026 wurden 166 brasilianische Reisepässe an russische Staatsangehörige ausgegeben, knapp 60 Prozent davon an Frauen.

Brasilianische Pässe auch für Eltern

Viele Familien verfolgen dabei weitergehende Ziele. Denn Eltern eines in Brasilien geborenen Kindes können eine Aufenthaltserlaubnis beantragen und unter bestimmten Voraussetzungen bereits nach einem Jahr die brasilianische Staatsbürgerschaft erhalten.

Diesen Weg gingen Jana (Name geändert) und ihr Ehemann im Jahr 2023. "Die Ereignisse von 2022 spielten durchaus eine Rolle, aber der Gedanke, im Ausland zu entbinden, entstand schon früher", erzählt sie der DW. "In Russland kann vieles passieren. Ich wollte immer einen zweiten Pass und mein Kind in einem anderen Land zur Welt bringen. Als ich ungeplant schwanger wurde, mussten wir nur noch entscheiden, welches Land infrage kommt."

Jana brachte ihren Sohn in einer staatlichen Klinik in Florianópolis zur Welt. Anschließend lebte die Familie rund drei Jahre in Brasilien. "Es war uns wichtig, Pässe für uns und unser Kind zu bekommen. Mir hat das Leben dort sehr gefallen und ich habe Portugiesisch gelernt", sagt sie. Jana und ihr Mann sind Unternehmer und leben nach eigenen Angaben seit Jahren als "digitale Nomaden" in verschiedenen Ländern.

Heute versucht sie, die Verbindung ihres Sohnes zu Brasilien aufrechtzuerhalten. "Wir lesen portugiesische Bücher und sprechen viel über Brasilien. Ich möchte, dass er ohne Visa reisen kann und offen für die Welt bleibt."

Blick auf die brasilianische Stadt Florianópolis
In Florianópolis lebt eine der größten russischen Gemeinden BrasiliensBild: Anderson Coelho/DW

Florianópolis zählt inzwischen zu den wichtigsten Zentren der russischen Community in Brasilien. Nach Angaben der örtlichen Gesundheitsbehörden suchten dort im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 119 russische Frauen eine Schwangerschaftsberatung auf. Im gesamten Jahr 2025 waren es 136.

Behörden kontrollieren genauer

Eine Einreise nach Brasilien mit dem Ziel einer Geburt ist rechtlich weder ausdrücklich erlaubt noch verboten, erklärt ein Anwalt, der anonym bleiben möchte. Viele Schwangere reisen als Touristinnen ein und geben ihren eigentlichen Reisegrund an der Grenze nicht an. Unabhängig vom Aufenthaltsstatus können sie anschließend öffentliche Kliniken und medizinische Einrichtungen kostenlos nutzen.

Rund um diesen Trend hat sich inzwischen ein eigener Dienstleistungsmarkt entwickelt. Häufig vermitteln selbst erst kürzlich eingewanderte Russen Unterkünfte, klinische Betreuung oder Unterstützung bei Behördengängen. Die Preise reichen von einigen Tausend Dollar für die Zusammenstellung von Dokumenten bis zu mehr als 10.000 Dollar für Komplettpakete inklusive Wohnungssuche, Klinikorganisation sowie Begleitung durch Dolmetscherinnen oder Doulas.

Anbieter solcher Dienstleistungen, Anwälte und Freiwillige berichten allerdings von strengeren Kontrollen durch die brasilianischen Behörden, insbesondere in Städten mit größeren russischen Gemeinden wie Florianópolis.

"Die Polizei überprüft inzwischen genauer, ob Menschen tatsächlich an den angegebenen Adressen wohnen", berichtet ein Jurist. Es habe Fälle gegeben, in denen falsche Wohnanschriften angegeben worden seien, um schneller Aufenthaltstitel zu erhalten. Zudem würden für befristete und dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen zunehmend mehr Unterlagen verlangt.

Nach Recherchen der DW gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass Russen die Einreise nach Brasilien massenhaft verweigert wird.

Debatte über angebliche Abschiebungen

Ende Juli berichtete der russische Telegram-Kanal Baza, später aufgegriffen von weiteren Medien, von einer angeblichen "Abschiebung" schwangerer Russinnen aus Brasilien. Die Rede war von zehn Fällen. Die brasilianische Polizei wies diese Darstellung gegenüber der DW zurück.

Entscheidungen über die Verweigerung der Einreise würden stets individuell getroffen, erklärte die Behörde. Grundlage seien die konkreten Umstände des Einzelfalls und die geltenden Vorschriften. Eine Schwangerschaft spiele dabei keine Rolle. Geprüft würden stattdessen die Gültigkeit der Reisedokumente, der angegebene Reisezweck und ausreichende finanzielle Mittel.

Die DW konnte lediglich einen dokumentierten Fall ausfindig machen. Dabei wurde einer schwangeren Russin zunächst die Einreise verweigert. Nach Intervention eines Anwalts und einer gerichtlichen Entscheidung durfte sie schließlich einreisen. Aus den Gerichtsunterlagen geht hervor, dass die Grenzbeamten Zweifel an der Finanzierung ihres Aufenthalts hatten. Die Frau selbst reagierte nicht auf Anfragen der DW.

Für die Behauptung, es habe sich um zahlreiche vergleichbare Fälle gehandelt, fand die DW keine Belege.

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